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Mit Lärm und Laptop: Leipziger Band Liitto mit neuer Platte im Ilses Erika

Soundcheck L.E. Mit Lärm und Laptop: Leipziger Band Liitto mit neuer Platte im Ilses Erika

Sie sind zwei Tüftler und betreiben mit anderen ein eigenes Tonstudio. Deshalb benötigen Jens Anders und Mathias Schwarz in ihrer Band außer dem Laptop keine weiteren Mitglieder. Ihr neues Album „Hirta“ stellen sie am Donnerstag live im Ilses Erika vor.

Ein Trio mit vier Fäusten: Mathias Schwarz (links) und Jens Anders mit Bandkollege Laptop.

Quelle: Tino Pfundt

Leipzig. Computer in einer Band haben viele Vorzüge: Sie machen genau, was man ihnen sagt, wollen keine Soli spielen, brauchen im Studio keine 25 Takes, neigen bei Live-Konzerten zu Fehlerfreiheit, trinken das Catering-Bier nicht weg, wollen keine Gage. Auch Jens Anders und Mathias Schwarz entschieden sich vor ein paar Jahren gegen die vielen Leute im Proberaum und gründeten Liitto – ihr Duo plus Laptop.

Bei den beiden ist das naheliegend, schließlich betreiben sie seit 2009 gemeinsam mit ein paar weiteren Mitstreitern das Tonstudio „Laboratorium“. Traumhafte Zustände für Tüftler: Die Technik steht immer zur Verfügung, wenn nicht gerade eine Fremdproduktion im Haus ist. Also nehmen Anders/Schwarz sich Zeit. Im November 2016 beginnen sie mit den Aufnahmen zum am Donnerstag erscheinenden Album, mehr als ein halbes Jahr brauchen sie, bis die Spuren im Kasten sind; also weitestgehend. Denn hier arbeiten zwei Perfektionisten, irgendwas ist da immer.

Deswegen kommt das Album „Hirta“ zur Record-Release-Party auch zunächst nur auf CD heraus. Die Vinyl-Probe-Pressungen genügten den Ansprüchen nicht, und so werden die Rillen nun in den nächsten Wochen woanders geritzt. „Klar, wir machen das als Hobby“, erklärt Sänger Anders, „aber trotzdem muss am Ende alles stimmen. Sonst haben wir keinen Spaß dran.“

Das gilt natürlich erst recht für die Produktion. Jeder einzelne Song bekommt ein eigenes Universum an Samples und Sounds. Die Musiker fügen hinzu und lassen weg, immer wieder. Da passiert es auch, dass ein Stück wie „Birds Bowls And Christmas“ mit einem (Gast-)Drummer, also praktisch mit einer klassischen Bandbesetzung eingespielt wird. Feine Ironie: „Birds Bowls And Christmas“ wird gleich der Opener des Albums. Zwar drehen Anders und Schwarz beim Mixen alle Signale noch einmal ordentlich durch den digitalen Wolf und haben zum Song-Ende hin noch „ein paar Streicher drangeklatscht“ (O-Ton Anders) – doch auf dem fertigen Album klingt die Nummer wie ein klassisches Stück Frickelpop. Am meisten mutet noch der Einstieg wie ein Sample an – doch der Ruf vor der Musik ist ein echter – Schwarz’ Stimme ist so verzerrt, dass sie klingt wie ein Fundstück aus dem Internet.

Von Bach über Pop bis Jazz

Tatsächlich ein Originaldokument führt zum zweiten Track. Ein Schnipsel aus einer Margaret-Thatcher-Rede verbreitet Grusel. Sänger Anders kennt die konservative Polit-Matrone aus dem Anglistik-Studium, mit dem folgenden Song hat der Tonschnipsel nichts zu tun, aber: „Mir macht es Spaß, Dinge, die man irgendwoher kennt, zu verballhornen.“ Für die Liitto-Tracks geht er mit dem Aufnahmegerät auch raus in die Natur, zum „Fieldrecording“.

Zu den abgefahrenen Sounds spielen Anders und Schwarz Gitarren. Ganz herkömmlich und mit den Händen. Das ist der andere Pol im Schaffen des Duos. Bei „Vapours“ verzichten die beiden zunächst gar auf jegliche Elektronik und zupfen eine pure Singer-Songwriter-Nummer auf den E-Klampfen. Offenkundig war den beiden das Ergebnis zwar ganz lieb, aber nicht so recht geheuer. Denn ganz zum Schluss des Albums kommt das Stück noch einmal. Nun heißt es „Sruopav“ – und liegt als Experimentalmusik so schwer im Magen, dass der gleiche Ursprung der beiden Tracks bei den ersten Malen Platte-Durchhören gar nicht auffällt.

Zwischen den Extremen pendeln die Songs auf „Hirta“. Da sind die Modern-Blues-Anleihen bei „Ranger“, der angedeutete Dance-Beat bei „The Advertisers“, der Elektrodrum-Sound bei „Veins Like Maps“, der Sprech-Gesang bei „Winter“. Ist das ein wilder Mix? Ja, klar und „das muss so“, sagt Schwarz. Die beiden hören von Bach über Pop bis Jazz alles Mögliche und: „Das wollen wir auch abbilden.“

Klingt das beliebig? Nein. Zwei Dinge halten die Songs zusammen. Zuerst natürlich der Gesang von Jens Anders. Er führt mit kleiner Geste, aber durchaus eindringlich durch die Tracks. Singt von seiner Sicht auf die Welt mit Einsen und Nullen. „Islands“ handelt etwa davon, dass ein früherer Freund ihn besucht, als wäre der Sänger eine Insel, zu der man nach Belieben eine Reise buchen könne. Hat er keine Lust drauf: „I don’t wanna be just one of your islands.“

Zweitens ist da das Gitarrenspiel. Denn die Musiker könnten zwar die gesamte Musik am Computer machen. Wollen sie aber nicht. Nach den Jahren zu zweit wissen sie, was der andere für einen Sound im Kopf hat, lassen sich Raum, gönnen sich Lärm. Denn manchmal passiert bei der Improvisation etwas Magisches. Etwas, das Kollege Laptop nicht hinbekommt.

Liitto: „Hirta“ erscheint in Eigenregie. Record-Release-Show Donnerstag, 23 Uhr, Ilses Erika (Bernhard-Göring-Straße 152), im Vorprogramm Celsius Panda.

Von Uwe Schimunek

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