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Mitten ins Herz - Leipziger Synagogalchor gibt Konzert in der Thomaskirche

Mitten ins Herz - Leipziger Synagogalchor gibt Konzert in der Thomaskirche

"Soll mein Sorgen ewig dauern -?" Wieder und wieder unterbricht Ludwig Böhme den Gesang. "Die Tenöre können bisschen leiser starten. Weich reinkommen", sagt der Chorleiter, um wenig später zu betonen: "Das ist die lauteste Stelle.

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Die Sängerinnen und Sänger des Synagogalchores Leipzig und des Kammerchores Josquin des Préz proben für das gemeinsame Konzert.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Sopran, Bass, Alt müssen parallel erklingen. Gemeinsame Atmung macht gemeinsamen Einsatz!" Geduldig erklärt der 35-Jährige, was er hören will. Dann gibt der Ex-Thomaner, Sänger und Dirigent selbst ein paar Takte zum Besten, begleitet am Klavier. Als dann alle Stimmen hauchen "- nimmermehr" lobt er begeistert: "Geiler Klang!"

Der Synagogalchor Leipzig probt im Ariowitschhaus - an diesem Abend mit dem Kammerchor Josquin des Préz für das Konzert "Klänge aus Leipzigs Tempel" am 7. März in der Thomaskirche. "Habt ihr auch schon alle eure Bekannten eingeladen?", fragt Böhme, der seit drei Jahren im Chor den Ton angibt. "Ja, dann ladet nun auch die Unbekannten ein. Jetzt bin ich mir sicher, dass das Konzert die Leute glücklich macht!"

Ja, der Synagogalchor singt sich mitten ins Herz. Wer ihn hört, ist berührt, bewegt. Dieses Mysterium vermögen selbst die 30 Sängerinnen und Sänger nicht zu erklären. Vielleicht sind es die fremden, unverständlichen Worte, die sie selbst erst in Umschrift vom Notenblatt lesen. Vielleicht sind es die Rhythmen, die Liebe und Leid, Trauer und Freude vermitteln. Vielleicht ist es aber auch das Anliegen der Choristen schlechthin: "Wir sind ein Ensemble nichtjüdischer Menschen, die das jüdische Erbe, das ausgelöscht werden sollte, pflegen und verbreiten wollen", sagt Reinhard Riedel. Der 65-Jährige ist Vorsitzender des Leipziger Synagogalchors und seit 1969 Mitglied im Verein.

"Meine Eltern kannten Werner Sander, der 1962 den Chor gegründet hatte. Vor einem Gastspiel in Straßburg wurde noch ein Tenor gesucht. Meine Eltern und mein Bruder sangen schon mit. Für mich als 18-Jährigen war es eine tolle Chance, mit dem Chor nach Frankreich zu fahren." Obwohl die Reise ins Wasser fiel, blieb Riedel. "Ich war gefesselt von dem Anliegen, jüdische Kultur wiederzubeleben", erinnert sich der Berufsmusiker, der im MDR-Sinfonieorchester die erste Violine spielt. "Nach nur zwei Proben war ich bei Rundfunkaufnahmen mit dabei, auch Schallplatten wurden produziert. Da war ich dort und bin nicht wieder weg."

Noch immer reizt der reine Konzertchor, der pro Jahr ein gutes Dutzend Auftritte in Konzertsälen, aber auch unter freiem Himmel bestreitet, auch junge Leute. "Ich hatte vor zwei Jahren das Konzert zum Gedenken an die Kristallnacht besucht. Ich kannte diesen Chor nicht, aber von da an war ich hin und weg", schwärmt Hanna Henke noch immer. Die 22-jährige Hallenserin studiert evangelische Theologie und Arabistik und gehört zu den "Vereinsküken". Dass sie im Studium Hebräisch lernt, kommt ihr gelegen. Aber das sei natürlich kein Muss. "Wir singen etwa 150 Titel synagogaler hebräischer Musik mit Orgel sowie ebenso viele Stücke jüdischer Folklore bis hin zu Schlaf- und Liebesliedern." Alles lasse sich auch neu arrangieren. "Und wir sind gewissermaßen der Hüter des Grals, denn wir pflegen noch das sehr seltene aschkenasische Hebräisch", ergänzt Riedel.

Das gefällt auch Paul Max, den Ex-Thomaner, den 2001 zwei seiner früheren Sangeskollegen ansprachen, ob er nicht bei ihnen mitsingen wolle. Der Bass wollte. Den 35-jährigen Bauingenieur fasziniert, wie er mit dem jetzigen Repertoire im Handumdrehen eine Zeitreise erlebt: "Da stehst du plötzlich mittendrin in der Lebenswelt von vor 80 Jahren, fühlst Hunger, Zerstörung, Leid und Angst", sagt er. "Als Thomaner lernt man zu funktionieren, doch hier im Chor bin ich immer wieder tief berührt." Das gelte fürs gesamte Klima: "Wie in diesem Ensemble generationenübergreifend gearbeitet und gefeiert wird, mit Leuten, die meine Eltern sein könnten, das ist toll. Da fühlt man sich willkommen und gut aufgehoben", erzählt Max.

Ja, ein Chor sei ein soziales Gefüge, in dem man sich wohl fühlen müsse, bestätigen alle. Ob nun bei Proben, beim Absacker danach oder bei Konzerten. "Wer nicht gerne kommt, hat auch kein Argument, mal ein paar Urlaubstage mit uns statt mit Familie und Freunden zu verbringen", meint Vereinschef Riedel. Immerhin gastierten die Sänger schon in Polen und in Jerusalem und sangen dank einer Ausnahmegenehmigung sogar in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. "Das war etwas ganz Besonderes", sagt Riedel.

"Klänge aus Leipzigs Tempel" werden am Sonnabend ab 19.30 Uhr die Thomaskirche erfüllen. Der Leipziger Synagogalchor und der Kammerchor Josquin des Préz rekonstruieren an diesem Abend unter diesem Motto ein historisches Synagogenkonzert, das sich in die Veranstaltungen zu "1000 Jahre Leipzig" einreiht. Unter Leitung von Ludwig Böhme erklingen Lieder, Motetten, Instrumentales, Arien und Psalmen von Johann Sebastian Bach, Salomone Rossi, Georg Friedrich Händel, Louis Lewandowski, Samuel Lampel, Felix Mendelssohn Bartholdy, Arnold Mendelssohn, Arcangelo Corelli und Salomon Jadassohn, wie sie aus einem überlieferten Programm von 1926 erhalten sind. Die Konzertkarten kosten 20 Euro, ermäßigt 14 Euro, und sind an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

"Tempel" wurde die Synagoge in der Gottschedstraße genannt, sie war die größte der Stadt. Und dieser "Tempel" war voller Musik. In der Reichspogromnacht 1938 wurden er und all seine Musik zerstört. Ein Konzertprogramm jedoch, das vom 14. März 1926, blieb erhalten. Nach fast 100 Jahren soll es nun wieder erklingen. Im Vorfeld dieses besonderen Abends gibt es am 7. März um 11 Uhr eine Führung zu Orten jüdischer Musikkultur. Am Thomaskirchhof beginnt der anderthalbstündige Spaziergang mit Musikbeispielen durch Notenspur-Initiator Werner Schneider und die Engelsdorfer Gymnasiastinnen Vivien Drees, Juliane Kristin Motz und Stella Schniewind (Lesen Sie dazu auch unten stehenden Beitrag). Dabei folgen die Teilnehmer im Kolonnaden- und Musikviertel Spuren jüdischer Musikkultur sowie Lebenswegen der Kantoren und Chorleiter der zerstörten Großen Gemeindesynagoge. Teilnehmer zahlen acht Euro, ermäßigt fünf Euro. Kinder und Schüler sind gratis dabei. Ab 18 Uhr gibt es dann einen kostenfreien Vortrag von Thomas Schinköth zur Konzert-Einführung im Theater Schille, Otto-Schill-Straße 7.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.03.2015

Cornelia Lachmann

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