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Kultur Möchtegern-Matrose: Kluges Reisebuch des Leipziger Slam-Poeten Nils Straatmann
Nachrichten Kultur Möchtegern-Matrose: Kluges Reisebuch des Leipziger Slam-Poeten Nils Straatmann
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23:59 17.04.2015
Nils Straatmann. (Archivbild) Quelle: Marcus Hohnstein

Seine "113 Tage als Matrose in der Karibik" ereigneten sich unmittelbar vor dem Umzug nach Leipzig. Jetzt hat der 26-Jährige das damalige Reiseblog für den zu Piper gehörenden Malik-Verlag zum Buch erweitert: "Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen".

Sein Freund Julian ist entsetzt. "Du fährst also ohne Handy, ohne Geld, ohne Spanischkenntnisse und ohne jemals auf einem Schiff gearbeitet zu haben in ein spanischsprachiges Land, um auf einem Schiff zu arbeiten?" Nils Straatmann sitzt in einer Herberge für Rucksacktouristen, als die Antwort aus der Heimat Pling im Computer macht. Unmittelbar nach der Ankunft in Panama City hat er gemerkt, dass weder sein Mobiltelefon noch seine Bankkarte hier funktionieren. Und schon ist seine Ausgangslage für die kommenden vier Monate in der Karibik beschrieben - und für 280 überaus lesenswerte Seiten Reiseliteratur.

Aufgewachsen in Bremen und Hamburg, feiert Straatmann seit Jahren unter dem Pseudonym Bleu Broode Erfolge auf deutschsprachigen Poetry-Slam-Bühnen. Seit Herbst 2013 studiert er in Leipzig und ist abgesehen von Auftritten hier und dort mindestens einmal pro Monat als Westslam-Moderator im Neuen Schauspiel zu erleben. Seine "113 Tage als Matrose in der Karibik" ereigneten sich unmittelbar vor dem Umzug nach Leipzig. Jetzt hat der 26-Jährige das damalige Reiseblog für den zu Piper gehörenden Malik-Verlag zum Buch erweitert: "Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen".

Nun unternehmen heutzutage viele Menschen aufregende Reisen - wenn auch eher selten, indem sie auf einem 110 Jahre alten Segellogger anheuern, der nach der Science-Fiction-Figur "Stahlratte" benannt ist und Motorradtouristen und Back­packer von Panama nach Kolumbien schippert. Es liegt jedoch nicht zuvorderst an Straatmanns Matrosen-Dasein, dass sich seine Schilderung von der Masse an Reiseberichten abhebt. Vielmehr daran, dass ihm eine clever gebaute Mischung aus Abenteuern, Hintergründen, Seelenbeschau und Familiengeschichte gelingt. Straatmann ist ein hervorragender Beobachter und vor allem: Er kann schreiben.

Über das Milieu der Rucksack-Globetrotter etwa, das sich ja als weltoffen versteht und nach authentischen Erlebnissen sucht, zieht er mit analytischer Treffsicherheit her. In Szenehostels, bei denen man "genau hingucken" muss, um "den elektrisch geladenen Draht" zu erkennen, "der die wohlgestaltete Authentizität von der Außenwelt abschirmt", treffen sich die Hipster wieder und wieder und stellen dann fest, "wie klein die Welt doch ist".

Das Wissen, das Straatmann sich während der Reise aneignet, gibt er unaufdringlich und griffig weiter. Die unglaubliche Menge von fast sieben Millionen Tonnen Müll, die jährlich im Meer versenkt werde, rechnet er in das Gewicht von 62,5 Milliarden iPhones um. Und die Kuna, eine indigene Ethnie, die in Panama teilautonom lebt, charakterisiert er eindrucksvoll mit Hilfe der drei Fremdwörter, die es in ihre Sprache geschafft haben: Arbeit, Zeit und Geld. "Internet ist das neue Feuerwasser", lautet eine traurige Erkenntnis.

Früh erweist sich dem Dichter, der seiner Slams überdrüssig geworden war, die Hoffnung vieler Aussteiger, in der Ferne sich selbst zu entkommen, als Illusion. "Das Ziel einer jeden Reise sollte die Heimat sein", stellt er daraufhin fest. "Wo auch immer die liegt." In der Familie beispielsweise: "Man muss nicht immer alles mitmachen", seien die letzten Worte seines Großvaters gewesen, die ihm den entscheidenden Schub gaben, auf die Regelstudienzeit zu pfeifen und jenen Kindheitstraum anzupacken, auf dem Mast eines Schiffes zu stehen. Bis dahin hatte er das Vorhaben so schleifen lassen wie das andere Projekt aus jungen Jahren: "ein echtes Pokémon zu besitzen". Sein Opa war in den 50ern als Schiffskoch über die Weltmeere gefahren. Knapp 9000 Kilometer entfernt von seiner letzten Ruhestätte fühlt sich der Enkel ihm nun "näher als je zuvor".

Gleichwohl kann er es nicht verhindern, in der Ferne eine neue Vaterfigur zu suchen. Der mürrische deutsche Stahlratten-Kapitän Lale scheint jedoch in Straatmann, der "immer schon gerne mit den Händen arbeiten" wollte, "nur die Hände nicht mit mir", nur einen Trottel zu sehen. Der muss in dem Sachbuch zwar ohne ganz großes Drama auskommen, weil sich auf der Fahrt nunmal (zum Glück) keines ereignet. Aber wie sich der studentische Möchtegern-Matrose doch noch Lales Respekt verdient, gibt dem Ganzen einen Spannungsbogen, der bis zur letzten Seite fesselt.

Book-Release-Party mit Lesung, Live-Musik und Rum am Montag, 20 Uhr, Neues Schauspiel (Lützner Straße 29), 5 Euro; Lesung am Mittwoch, 19 Uhr, Buchhandlung Ludwig (Hauptbahnhof), 4 Euro; www.bleubroode.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.04.2015

Mathias Wöbking

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