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Musical ganz Grusical: „Dracula“ an der MuKo

Musical-Premiere Musical ganz Grusical: „Dracula“ an der MuKo

Cusch Jung hat an der Musikalischen Komödie „Dracula“ auf die Bühne gebracht. Seine Inszenierung des Musicals überzeugt mit Horror, Kitsch, Pathos und gar nicht mal so wenig Blut.

Das Kino liefert erkennbar die Inspirationen: „Dracula“ an der Musikalischen Komödie.

Quelle: leipzig report

Leipzig. Kein Kitsch, kein Horror, kein Pathos und nur wenig Blut: Doch, es klang gruselig, was MuKo- Chefregisseur Cusch Jung da im Vorfeld zu seiner Inszenierung von Frank Wildhorns Musical „Dracula“ kolportierte. Als gelte es, dem ja untoten Sujet um den transsilvanischen Blutsauger just per Aderlass neues Leben einzuhauchen. Am Samstag feierte „Dracula“ an der Musikalischen Komödie bejubelte Premiere.

Ein wenig seltsam ist das schon: „Tanz der Vampire“ ist ein Dauerbrenner, Elton John lässt nach dem Schmöker „Interview mit einem Vampir“ von Anne Rice den „Lestat“ trällern, und selbst ein Schöpfer herziger Gassenhauer wie Karel Svoboda (ja, der mit „Biene Maja“) holte mit seinem „Dracula“ recht erfolgreich den Fürsten der Finsternis ins Rampenlicht. Da mag man durchaus fragen, was gerade das Musical so am Vampir reizt. Die sexualpathologische Grundierung des Sujets, die Morbidität, in der sich hier Eros und Thanatos in Blut-Lust verlustieren, dürfte es weniger sein.

Eher wirkt da wohl das Bemühen, die schwarze Romantik des Stoffes mit so viel gefühligem Rosarot zu durchwirken, bis die Gothic Novel zur Romanze und der perfide Blutsauger zum schmachtenden Schwerenöter domestiziert ist. Die Energie nun, mit der man daran geht zu beweisen, dass „Dracula“ eine „Liebes- und keine Horrorgeschichte“ (Cusch Jung) ist, mag dabei ein beredtes Phänomen sein – interessanter aber ist, dass derlei dem eigentlichen Reiz der Stoffes nichts anhaben kann.

Wie eben auch dieser „Dracula“ zeigt. Denn tatsächlich ist, ganz wie in Bram Stokers Vorlage, dann alles drin: Horror, Kitsch, Pathos und gar nicht mal so wenig Blut. Und es sind dann auch diese Ingredienzien, die für die Kurzweil und stimmige Atmosphäre der Inszenierung sorgen. Die vor allem erst einmal durch ihre visuelle Anmutung punktet. Da hat Karin Fritz (Bühne/Kostüm) ganze Arbeit geleistet. Natürlich: Das Kino liefert erkennbar die Inspirationen, die von der reizvollen Ästhetik eines Low-Budget-Kulissen-Charmes à la Hammerstudios bis zu jener opernhaften Opulenz reichen, mit der Coppola den „Dracula“ aufbereitete. Nur, dass hier davon nichts zum Imitat gerät, sondern seinen ganz eigenen, detailverliebten und auch nostalgischen Zauber entfaltet, wenn Nebel über Grabsteine wabert, Mondlicht durch wehende Gardinen scheint und Gestalten in dunklen Winkeln lauern. Vom effektvollen Blutrot auf bleichen Gesichtern nicht zu sprechen.

Da ist das Musical ganz Grusical. Und daran ändert auch die Musik Wildhorns nichts. Wie schon in „Jekyll & Hyde“ und „Der Graf von Montecristo“ zeigt der sich in „Dracula“ als Routinier, für den Komponieren weniger eine Frage der Inspiration als der Effizienz scheint. Originell ist das eher selten, souverän immer.

Und genau so nehmen sich der Musik dann auch Orchester (Leitung: Christoph-Johannes Eichhorn) und Interpreten an. Starke Momente schließt das freilich nicht aus. Kabinettstücke liefert etwa Sabine Töpfert als irrer, fliegenfressender Renfield. Für diese Figur Mitgefühl zu wecken, gerät zu einem der gelungensten Aspekte der Inszenierung.

Anna Preckeler gibt eine Lucy, die auch stimmlich erst ganz Sexappeal und Leichtfertigkeit und dann, nach ihrer Verwandlung zur Vampirin, eine Furie erster Güte ist. Die Herren halten da mitunter nur bedingt mit. An der stimmlichen Geschmeidigkeit Jeffery Kruegers (Jonathan) ist nichts auszusetzen, während seine etwas blasse Darstellung der blassen Figur geschuldet sein mag, die er zu geben hat. Dass Van Helsing, immerhin als „Wissenschaftler und Metaphysiker“ apostrophiert, auch gesanglich eher sportiv jungenhaft als charismatisch wirkt, ist schon etwas heikler.

Zugegeben: Gerade im finalen Duett zwischen Andreas Wolfram (Dracula) und Lisa Habermann (Mina) kann man tatsächlich beinahe glauben, hier handle es sich vor allem um eine Liebesgeschichte. Herrlich melodramatisch und pathetisch ist sie jedenfalls – diese Szene der Zerrissenheit Minas („Lass mich dich nicht lieben“) und Draculas. Der im Namen der Liebe Mina eben nicht lieben darf. Wäre das doch für niemanden Segen und für alle Fluch.

Es ist ein Konflikt, der in diesem „Dracula“ ansonsten vor allem eins bleibt: Behauptung. Denn wie gehabt liegt auch hier der substanzielle Lustfaktor dieser Geschichte resistent im Horroraspekt. Und siehe da: Jung bedient den bestens. Mit Lust am Grusel der guten, alten Art. Und mit Lust am Effekt sowieso. Da lässt „Dracula“ die Theatermaschine gekonnt schnurren. Und das auch mal so, dass selbst ein Nebenrollen-Cowboy oder eben ein Sportlehrer-Van-Helsing dramaturgisch gut passen. Denn mag das alles vielleicht auch nicht mehr gruseln – unterhalten kann man sich in diesem „Dracula“ ziemlich gut.

Weitere Aufführungen: 19. April (19.30 Uhr, ausverkauft), 30. April (19 Uhr, ausverkauft), 1. Mai (15 Uhr), 7. Mai (19 Uhr), 8. Mai (15 Uhr), 13. Mai (19.30 Uhr), 14. Mai (20 Uhr), 15. Mai (18 Uhr), 15. und 17. Juni (19.30 Uhr), 22. Oktober (19 Uhr), 23. Oktober (15 Uhr), 15. November (19.30 Uhr), 16. November (15 Uhr), 7. und 8. Februar 2017 (19.30 Uhr); Musikalische Komödie, Karten und Restkarten unter Tel. 0341 1261261

Von Steffen Georgi

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