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Musik aus der Presse - Leipziger Manufaktur stellt mit alter Technik weiter Schallplatten her

Musik aus der Presse - Leipziger Manufaktur stellt mit alter Technik weiter Schallplatten her

Eng ist es in den Räumen des Plattenpresswerk im Leipziger Stadtteil Reudnitz. Es riecht nach angeschmortem Öl und Kunststoff, die Geräusche hydraulischer Pressen wabern durch die stickige, warme Luft.

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Stellt in Leipzig Schallplatten her: Gunnar Heuschkel.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. „Immerhin ein Grund, Ordnung zu halten“, kommentiert Gunnar Heuschkel trocken. Er ist einer der beiden Gesellschafter der Firma Rand-Muzik, die das Werk betreibt.

Gearbeitet wird hier mit Technik, die 30 Jahre oder älter ist. „Es gibt für die Vinylherstellung keine neuen Maschinen, die Produktion wurde Anfang der 1990er Jahre eingestellt“, erklärt Heuschkel. Als die CD ihren Siegeszug antrat, wurden die Maschinen auf Geheiß der großen Musiklabels nicht verkauft, sondern verschrottet. „Der Markt sollte für das neue Medium freigemacht werden.“ Deshalb ist gute Technik für die Vinylherstellung heute eine Rarität.

Impressionen aus dem Schallplattenwerk

Im Leipziger Presswerk zischen sieben schwedische Maschinen um die Wette, zusammengekauft nach und nach aus der ganzen Welt: Sofia, Warschau, New York, Nottingham. Der Neupreis lag einst bei 360.000 DM je Exemplar, inzwischen wechseln sie für hohe vierstellige Beträge den Besitzer. Ersatzteile müssen stets extra angefertigt werden, die Betreiber pflegen einen guten Draht zu Werkzeugbauern – aber selten ist dies überhaupt nötig. Gunnar Heuschkel gerät schnell ins Schwärmen, wenn er über die Maschinen spricht: „Meisterwerke der Ingenieurskunst“, „gemacht für die Ewigkeit“, „präzise wie ein Uhrwerk“. Obwohl schon Jahrzehnte alt, seien die Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik. Mit einigen Umbauten könnten zudem auch computergestützte Elemente ergänzt werden.

Dass sich Gunnar Heuschkel so für die Technik begeistern kann, hat noch einen anderen Grund. Der 39-Jährige ist studierter Maschinenbauer. Zu Beginn der 1990er Jahre waren er und einige Mitstudenten in der aufstrebenden Techno- und DJ-Bewegung aktiv. Sie gingen auf Club-Konzerte, legten selbst Platten auf, gründeten das Veranstaltungs- und Künstlerkollektiv Rand-Muzik. In Tschechien ließen sie sich die Platten mit den neuesten Songs für ihre Auftritte pressen. 1996 entstand schließlich die Idee, die Vinylproduktion selbst in die Hand zu nehmen, vier Jahre und etliche Bastelstunden später wurde die Firma offiziell gegründet.

Was als Projekt dreier Studenten begann, ist heute eines von deutschlandweit acht Presswerken, mit zwanzig Mitarbeitern. Rand-Muzik macht alles, von der Sound-Optimierung durch das Mastering über die Herstellung der Platten bis zum Druck von Cover und Verpackung. In jeder Abteilung arbeiten Spezialisten. Die Aufträge wurden stetig mehr, inzwischen werden in Leipzig jeden Tag etwa 3000 Schallplatten hergestellt und nach Europa, Japan, Südafrika verschickt. „Wir bedienen vor allem den Independent-Markt mit Auflagen zwischen 500 und 1000 Stück.“ Der größte Auftrag bisher waren 10.000 Platten für den chilenischen DJ Ricardo Villalobos. „Das hat uns hier gut zwei Wochen lang beschäftigt“, erinnert sich Heuschkel.

Eine Schallplatte herzustellen – das sei hohe Kunst, sagt der Firmengründer. „Es ist gar nicht so einfach, aus Kunststoff eine platte Scheibe zu fertigen – ohne Spannung, ohne Verzug, mit absolut glatter Oberfläche.“ Dazu ist ein aufwendiger, energieintensiver Prozess mit mehreren Arbeitsschritten nötig. Heuschkel beziffert die Stromkosten im Jahr auf 60.000 Euro, die gleiche Summe wird für Heizöl fällig – Tendenz jeweils steigend. Immer wieder wird die Qualität während der Produktion überprüft. „Ein Grund, warum die Schallplatte ursprünglich immer aus schwarzem Material war: Damit jeder Pressfehler auf der glänzenden Oberfläche zu sehen ist“, erklärt Heuschkel. Für die Färbung wird während der Herstellung ein geringer Anteil Ruß beigefügt. Der Name Vinyl kommt von dem Kunststoff Polyvinylchlorid, kurz PVC. Seit 1948 werden Schallplatten aus diesem Material hergestellt. Vorher wurde dazu Schellack benutzt – ein Naturprodukt, das aus Ausscheidungen von bestimmten Lausarten gewonnen wird.

Mit der Zeit veränderte sich auch das Image der Schallplatte. Was in den 1990er Jahren noch vor allem Werkzeug für DJs war, ist heute für viele ein Liebhaber- und Sammlerstück. Neben der Elektro- und Punkmusik lassen inzwischen auch wieder viele Rock- und Popmusiker ihre neuen Alben auf Vinyl pressen. „Die Schallplatte ist ein Medium für die Ewigkeit, das auch noch in 100 Jahren abspielbar ist“, sagt Heuschkel. Digitale Daten seien dagegen mit einem versehentlichen Klick gelöscht.

Und dann der viel beschworene, besondere Klang einer Schallplatte – wobei Gunnar Heuschkel in diesem Zusammenhang gleich mit einer Legende aufräumt, nämlich der, wonach eine Platte in 180-Gramm-Pressung einen besseren Klang hat als eine Scheibe mit weniger Gewicht. „Die Rillen sind die gleichen, und die machen den Sound“, sagt er. Durch die Abtastung mit der Nadel wird das Tonsignal verzerrt. Technisch ist die Platte damit der CD unterlegen, sie kann weniger Frequenzen abbilden als ihr Pendant. „Gleichzeitig ist der digitale Klang dadurch aber auch anstrengender, das Weniger an Frequenzen auf dem Vinyl macht das Hören für uns angenehmer.“ Der oft als warm und harmonisch beschriebene Sound der Schallplatte beruht damit im Grunde auf einem Mangel.

Genauso ist das Hören von Vinyl wegen seiner Größe vergleichsweise unpraktisch, das Wechseln der Seiten kostet Zeit. „Ein Gegenpol zu einer immer hektischeren Welt“, sagt Gunnar Heuschkel, lächelt, und verschwindet wieder zwischen seinen alten, schwedischen Pressmaschinen.

Robert Berlin

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