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Musik ist mehr als bloß Töne - Der Leipziger Gebärdenchor im Porträt

Musik ist mehr als bloß Töne - Der Leipziger Gebärdenchor im Porträt

Es gibt zwei Gebärden, um die Gruppe zur Ruhe zu rufen. Eine sieht aus, als würde man meditieren, die zweite ähnelt einer Yoga-Geste und soll bedeuten: „Entspannt Euch!“.

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Der Leipziger Gebärdenchor bei den World-Skills (

Quelle: Maike Hillenbach)

Leipzig. Das Erstaunliche daran ist, dass es unter Gehörlosen gleich zwei dieser Gesten braucht. Denn bei den Proben des Leipziger Gebärdenchors geht es äußerst lebhaft zu - nicht anders, als bei anderen Chören auch.

Der Gebärdenchor steht beim Chortreffen zum Landeskirchentag auf der Bühne. Nur zwei Proben bleiben noch bis zur Show. In voller Besetzung treten elf „Sänger“ aus den Reihen des Berufsbildungswerks Leipzig (BBW) auf. An diesem Mittwoch sind jedoch nur sechs junge Frauen und Männer bei den Proben dabei. Draußen ist es heiß, und ein guter Teil wird im Raum nebenan als Tanzpartner gebraucht. Denn: Dieser besondere Chor ist eigentlich Teil des Freizeitangebotes des BBW, genau wie der Tanzkurs.

„Unsere Schüler wollten nicht immer nur die gleichen Angebote wie Sport oder Trommelkurse“, sagt Maike Hillenbach, Sprecherin des Leipziger BBW. Die Einrichtung ist auf Hörgeschädigte spezialisiert. „Wir bilden auch Zahntechnikerinnen aus. Einige von ihnen haben unseren Chor 1996 gegründet“, erklärt sie. Seitdem sei dieser durchgängig mit Lehrlingen und Ehemaligen besetzt. Auch frühere FSJler, die ein freiwilliges soziales Jahr in der Einrichtung absolviert haben, sind noch immer Teil des Ensembles. So kommt es, dass bei der Probe neben drei jungen, hörgeschädigten Frauen noch drei Hörende mit von der Partie sind.

"Taub" unter Gebärdensprachlern

„Gesprochen“ wird dabei in Gebärden. Das geschieht so schnell und beiläufig, dass sich Nicht-Eingeweihte ziemlich hilflos vorkommen. Zusätzlich zur Gebärdensprache wird jedoch auch geredet – und von den Lippen abgelesen. Das erleichtert die Kommunikation mit Außenstehenden ungemein.

Untereinander kommunizieren die der Sprache mächtigen in der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Diese wird in Deutschland von etwa 200.000 Menschen gesprochen und ist zugleich Amtssprache. Die einzelnen Wörter werden als Gebärden dargestellt: raumgreifende Gesten der Hände und Arme. Dabei unterscheidet sich die Grammatik grundsätzlich vom gesprochenen Deutsch. Da alle Anwesenden zusätzlich noch sprechen, teilweise im Satzbau der DGS, kommt es zu interessanten Effekten. Neben der DGS existieren außerdem sogenannte Lautsprache begleitende Gebärden (LBG), jedes gesprochene Wort erhält dabei seine Entsprechung als Gebärde. Es tut sich eine neue Sprachwelt auf.

Playback für die Hörenden

Etwa zwölf Gebärdenchöre gebe es in Deutschland, schätzt Heiko Thiem. Gemeinsam mit Claudia Winkler betreut er die Formation. „Aber meines Wissens nach sind wir die einzigen, die mit Musik auftreten.“ Damit meint er ein Vollplayback vom Band, zu den Gesten seiner Sänger. Anderenfalls würde der Chor auf der Bühne lediglich die Gebärden zeigen – für den den hörenden Zuschauer schön anzusehen, aber weitestgehend unverständlich.

Unterdessen läuft im Raum Xavier Naidoo mit voll aufgedrehtem Bass. Der Bass ist wichtig, damit die Sänger die Musik spüren können. Während seine Truppe vor sich hin gebärdet, was in seiner Rhythmik viel von Tanz hat und dadurch eine harmonische Ästhetik ans Licht bringt, trommelt Thiem vor sich hin. Macht er das, um den Gehörlosen im Chor ihre Einsätze anzuzeigen? “Das ist nur meine eigene Musikalität. Aber wir zeigen ihnen auch die Einsätze an.“ Manchmal singt Thiem sogar mit.

Da nicht alle bei der Probe sind, und auch nicht alle beim Auftritt dabei sein können, führt das regelmäßig zu Abstimmungsschwierigkeiten. So muss Andrea den Part von David übernehmen. Er ist einer der Ehemaligen und noch auf Arbeit. Für ihren Einsatz darf sie sich dafür ein schmunzelndes „David, warum bist du denn heute so zickig?“ gefallen lassen.

"Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist"

Doch was treibt junge Menschen, die nicht oder nur sehr eingeschränkt hören können, dazu, Musik zu machen? „Ohne Musik kann ich nicht leben“, macht Andrea klar. Sie ist von Geburt an taub. „Wenn ich traurig, bockig oder gestresst bin, dann hilft mir Musik. Musik ist mein Leben.“ Und die zweite Andrea im Bunde, die mittels eines Implantats eingeschränkt hören kann, erklärt: „Ich fasse die Boxen an, um die Schwingungen zu spüren.“ Den Schalldruck könne man zum Beispiel auch in Clubs wahrnehmen. „Man merkt es dann an der Kleidung.“ Sie stellt sich allerdings nicht direkt vor die Boxen: „Das macht auch unser Trommelfell nicht mit.“ Es läuft viel über Gefühl. Um auf sich aufmerksam zu machen, stampfen Gehörlose zum Beispiel auf den Boden. Durch die Vibrationen erreichen sie so ihr Gegenüber.

Aber warum treibt es die jungen "Sänger" ausgerechnet zur Chormusik? „Auf Trommelgruppen hat hier keiner Lust“, erklärt Heiko Thiem. „Trommeln wird häufig beim Sprechtraining eingesetzt. Das klingt zu sehr nach Therapie“, so der Dolmetscher und Chorleiter. „Uns geht es ausschließlich um die Freude an der Musik.“

Von der Expo 2000 bis ins Gewandhaus

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Beim Evangelischen Kirchentag 2011 (

Quelle: Maike Hillenbach)

Der Gebärdenchor hat während der Vorbereitungen für den Auftritt mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie jeder gewöhnliche Chor auch: Einer ist zu schnell, der nächste verpasst den Einsatz und wer wo steht ist auch nicht immer klar. Mit gespieltem Pathos gebärdet Thiem: „Mit dieser Einstellung kommen wir nicht weiter!“ Da es draußen heiß ist, wird aber etwas lockerer geprobt, bis Claudia Winkler mit einem Eis für alle zurückkommt. Plötzlich ist dann auch David da. Pünktlich zur Eispause hat er Feierabend.

Claudia Winkler, ebenso wie Thiem als Gebärdensprachdolmetscherin am BBW beschäftigt, ist bereits seit 18 Jahren dabei. Sie hat den Chor zur Expo 2000 nach Hannover geführt, ihn zum evangelischen Kirchentag in Köln vor 7000 Zuschauern auftreten lassen. Auch zum Kirchentag in Dresden 2011 war das Ensemble Teil des Programms. Und zu Ostern dieses Jahres brachte der Gebärdenchor mit dem Gewandhaus-Orchester die Markus-Passion auf die Bühne.

Die Prinzen haben keine Chance

Damals probte die Truppe mit Videoanalysen: Wer gebärdet zu schnell? Wer steht wann wo? Während Heiko Thiem über die Analyse nachdenkt, sehen seine (Ge-)Barden eher noch Diskussionsbedarf beim Repertoire für das Chortreffen. Xavier Naidoo sitzt, auch Reamonns “Through the eyes of a child“ wird wohl Ende Juni aufgeführt werden. Ganz anders sieht es mit dem Prinzen-Klassiker „Alles nur geklaut“ aus. „Aber die Prinzen waren doch auch Thomaner“, versucht Heiko Thiem zu werben. Doch vergeblich. Andrea, die für David eingesprungen war, bringt es auf den Punkt: „In Gebärden ist es Quatsch.“ Die Gruppe einigt sich schließlich auf „Our God“ von Chris Tomlin.

Auch wenn es sich nur um ein Freizeitangebot handelt, der Chor besteht ganz offensichtlich aus Bühnen-Profis. Als sich herausstellt, dass die Gebärden während der jeweiligen Strophen nicht synchron laufen, wird beschlossen: „Nicht im Duett, sondern als Solo.“ Beim Refrain stimmt jedoch alles. Und auch das Outro – das Ausklingenlassen des Liedes – klappt. Wie man einen Gebärdenchor leiser werden lässt? Erst gebärden elf Sänger, dann nur noch neun, dann sieben, fünf, drei bis nur noch eines der Chormitglieder im Mittelpunkt steht.

Johannes Angermann

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