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Kultur „Musik sollte das Leben feiern“
Nachrichten Kultur „Musik sollte das Leben feiern“
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16:02 13.02.2017
Der vielfach preisgekrönte Jazz-Sänger Al Jarreau ist im Alter von 76 Jahren gestorben (Archivbild von 2015). Quelle: dpa / ap
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Los Angeles/Hannover

Auf die Frage, ob er sich jemals geärgert habe bei einem Konzert, antwortete Al Jarreau: „Ich? Geärgert? Nie! Auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen ist so unfassbar schön, magisch, positiv und wundervoll. Wenn ich lange keine Musik mehr gemacht habe, dann kann ich schon mal gereizt sein“ Al Jarreau, geboren am 12. März 1940 in Milwaukee unter dem Namen Alwyn Lopez Jarreau als fünftes von sechs Kindern eines protestantischen Pfarrers und einer Pianistin, war vor zwei Monaten ein letztes Mal in Deutschland. Beim Auftritt in Hannover wirkte der Jazzsänger ein wenig zerbrechlich: Jarreau musste sich stützen lassen, als er mit Krücken die Bühne betrat. „Doch sobald er sitzt und singt, hat man das Gefühl, er springe jeden Moment auf um mitzuswingen“, schrieb die Hannoversche Allgemeine Zeitung über das Konzert. Am Sonntag ist Al Jarreau im Alter von 76 Jahren in Los Angeles gestorben.

„Musik ist eine Kunstform, die Menschen direkt erreicht“

Die Tournee, die ihn im vergangenen November ins Theater am Aegi führte, musste Jarreau Anfang 2017 abbrechen. Er sei „dankbar für seine fünfzig Jahre, in denen er die Welt im Priestertum durch Musik bereist hat und für alle, die dies mit ihm teilten – sein treues Publikum, die engagierten Musiker und so viele andere, die seine Bemühungen unterstützten,“ hieß es auf Al Jarreau’s offiziellem Account.

Al Jarreau war stets ein Mensch, der beseelt war von dem, was er tat. Auf Fotos sah man ihn meist nur in zwei Gemütszuständen: Lächelnd oder konzentriert. „Musik ist eine Kunstform, die Menschen direkt erreicht“, sagte er einmal im HAZ-Interview, „Sie berührt dich sofort, sie liegt in der Luft. Sie kann heilen. Sie sollte erbaulich sein. Sie sollte das Leben feiern und nicht negativ sein“.

Jarreau hat diesen Anspruch Zeit seines Lebens mit jeder Nuance seiner Stimme durchlebt. Und Jarreau’s Stimme hatte viele Nuancen. Bekannt wurde er im für einen Musiker biblischen Alter von 35 Jahren durch seine Scat-Version des Dave Brubeck/Paul Desmond Evergreens „Take Five“. Diese sang er im März 1976 bei einem Konzert im Hamburger Mini-Club Onkel Pö, aufgezeichnet vom NDR. Es war sein großer Durchbruch. Erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt.

Aber Jarreau konnte auch Soul. Er konnte Funk. Und er konnte Pop. „Ich bin der einzige Musiker überhaupt, der in allen drei Kategorien den Grammy gewonnen hat. Die meiste Beachtung bekam ich, weil ich Jazz sang. Aber ich bin definitiv auch ein Pop- und Soulinterpret. Dass dies honoriert wurde, macht mich sehr stolz“, verriet Jarreau der HAZ.

Bevor Al Jarreau in der Band des Pianisten George Duke erste Karriereschritte setzte, arbeitete er lange Jahre als Sozialarbeiter und Psychologe. „Ich arbeitete mit Menschen, die schwere Behinderungen wie Epilepsie oder Amputationen hatten. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Sie hat mich sensibel gemacht, was wirklich wichtig im Leben ist. Das hat sich natürlich auch auf meine Art, Songs zu schreiben und sie zu singen, ausgewirkt.“

Diese Empathie war spürbar in seiner Musik. Sein mühelos oktavenkletternder Scat-Gesang klang nie selbstverliebt, der Stimmvirtuose wollte nicht andere Musikern beeindrucken, sondern einfach Menschen mit seiner Musik erreichen.

Die meisten erreichte er schließlich in den Achtzigerjahren – mit Disco-Hits wie „Boogie Down“ oder „L Is For Lover“. Er war offen für jede Art von Musik. Hauptsache, sie war lebensbejahend und hatte eine positive Botschaft. Er transformierte die Wärme von Blues, Soul und Gospel in die kalten Neunziger. Und er war ein unermüdlicher Live-Botschafter seiner Musik. Am liebsten spielte er in Deutschland. „Mein Verhältnis zum deutschen Publikum ist wie eine große Liebesaffäre. Deutschland ist mein stärkstes Publikum, noch vor den USA“, verriet er.

Besonders gern kam er in Hannover. Sein Konzert mit Bobby McFerrin während der Expo ist legendär. Zuletzt war sein bevorzugter Konzertort das Theater am Aegi – er spielte dort etwa mit der NDR Bigband und Joe Sample.

Al Jarreau’s Tod hinterlässt in der niedersächsischen Hauptstadt viele trauernde Fans. Uwe Thedsen, zweiter Vorsitzender des Jazz-Clubs, sagte: „Die internationale Jazzgemeinde hat einen über Jahrzehnte erfolgreichen und vielseitigen Künstler verloren. Ich hatte das Glück, ein Konzert mit ihm erleben zu dürfen!“ Der aus Hannover stammende Musikproduzent Siggi Loch (Act Music), der Jarreau entdeckte, sagt: „Ein großer Verlust für die Musikwelt. Ich hatte das Glück, ihn erstmals am 30. April 1975 im Troubadour in LA zu hören und konnte Warner Bros. überzeugen, ihn unter Vertrag zu nehmen. Die Welt hat einen ihrer besten Künstler verloren und ich außerdem auch einen guten Freund.“ Und Wolfram Försterling, Funk-DJ und Jarreau’s wohl größter Fan in Hannover, hinterließ im Internet die rührende Abschiedsbotschaft: „Was für ein trauriger Tag. Boogie down in heaven !!!!Waltz with the angels!!!!“

Von dpa/RND/Bernd Schwope

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