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Musik über das große Verstummen

Uraufführung zum Bachfest: Steffen Schleiermachers „Nach Markus. Passion“ in der Nikolaikirche Musik über das große Verstummen

In der Leipziger Nikolaikirche wurde zum Bachfest Steffen Schleiermacher „Nach Markus. Passion“ uraufgeführt. Darin füllt er die Leerstellen in Johann Sebastian Bachs fragmentarisch rekonstruierter Markus-Passion mit eigener Musik. Gewandhausorganist Michael Schönheit dirigierte die Aufführung.

Steffen Schleiermacher.

Quelle: LVZ

Leipzig. Christian Lehnert, 1969 in Dresden geborener Lyriker und Librettist, bebildert das Sterben: „Er atmet ein und aus. Unbewohnbares Geschehen, wie sich der Krampf ausdehnt von den Gliedern bis ins Zwerchfell“, schreibt er über den Tod Jesu am Kreuz. Und weiter: „Speichel tropft über die Kolonnen, die Zahnstände. Der Himmel greift ein und dreht an großen Riemen das Tageslicht ab. Die Beckenschaufel zuckt.“ Schmerzhaft sind seine Worte, bildgewaltig, bisweilen unerträglich konkret, dann wieder verrätselt poetisch. Sie formen einen Text, von dem der Leipziger Komponist Steffen Schleiermacher, Jahrgang 1960, sagt, dass er „in mir sofort nach Musik rief.“

Diese Musik, die hier in der voll besetzten Nikolaikirche zum ersten Male erklingt, schrieb er nach jahrelanger Anregung und Ermutigung durch den Gewandhausorganisten Michael Schönheit im Auftrag des Bachfestes. Sie füllt die Leerstellen zwischen den wenigen Arien und Chören, die sich von Johann Sebastian Bachs Markus-Passion rekonstruieren ließen. Und diese Musik erzählt, wie sollte es anders sein bei einer Passion, vom großen Verstummen – vom Tod.

Wir hören den Atem des Sterbenden: Der Chor stellt das Singen ein, pumpt zischenden Atem ins Kirchenschiff, während Dirk Schmidts verstörender Nebelhorn-Bass in tiefster Lage Lehnerts Worte in den Saal raunt. Hin und wieder stöhnt ein Fagott dazu. Das geht mit bis aufs Äußerste reduzierten Mitteln tief unter die Haut. Später huschen von Ferne Splitter der tremolierenden Gamben vorüber, die sich, noch später, nach gespenstischen Gesten zweier Lauten und der Reststreicher, zum Bach-Choral „Ich will hier bei dir stehen“ mit dem Chor und den Bläsern vereinen. Die letzte Augenblicke vor dem Ende gehören der Stimme, dem Chor a cappella: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

Hier, in dieser zentralen Szene findet zu unentrinnbarer Wirkungsmacht zusammen, was die Größe von „Nach Markus. Passion“ ausmacht: Lehnerts suggestiver Text und Schleiermachers Umgang mit der eigenen Musik und der Johann Sebastian Bachs – zu der sich ja verhalten muss, wer zwischen seinen Klängen einen Torso ergänzt. Außerhalb der vollständigen Arien und Chöre des Thomaskantors setzt Schleiermacher ausschließlich auf Choräle. Und er kann sich darauf verlassen, dass die, selbst wenn nur wenige Töne bleiben, auf doppelter Ebene funktioniere: als emotionale Chiffre und als Weitung des Geschehens ins Allgemeingültige. Denn diese Reste des Gemeindegesangs stehen selbst als Fragment dafür, dass dieser individuelle Tod uns alle betrifft. Dass einer, der von sich selbst sagt, „nicht einmal Atheist“ zu sein, Bach so weit folgt, ist schon mindestens bemerkenswert. Und es trägt Sorge dafür, dass diese neue Passion als Ganzes zu sprechen beginnt.

Weil Schleiermacher nicht philologisch an seine im Grunde unlösbare Aufgabe herangetreten ist, sondern seine große gestische Musik – wie Lehnerts Texte – eher auf Ahnen setzt als auf Verstehen, auf Fühlen mehr als auf Analyse. Um dies zu erreichen, hat sich Schleiermacher dem großen Umfeld seiner Töne folgerichtig nicht mit dem musikologischen Maßband genähert, sondern mit dem Ohr und der Seele. Mit rätselhafter Sicherheit nimmt er an den Nahtstellen zu Bach dessen Gestus, dessen emotionalen Gehalt, dessen Farbe auf – und trägt sie ins Heute. „Zeitbrücken“ nennt er, was da entstand. Denn „im Umfeld mit heutiger Musik hört man Bachs Musik plötzlich ganz anders und neu. Und auch die heutige Musik klingt anders in diesem Kontext.“

Über diese Zeitbrücken wechselt das 15-köpfige Collegium vocale Leipzig, wechseln auch Gesine Adler (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Eric Stokloßa (Tenor) und Dirk Schmidt souverän und mit großer Expressivität die Ufer. Wenngleich die Solisten bei Bach wie Schleiermacher zum Buchstabieren neigen. Die Instrumentalisten der Merseburger Hofmusik tun sich beim Queren musikalischer Zeitläufte schwerer. Was auch an der unkonventionellen Zeichengebung Michael Schönheits liegt, die bei Bach zu wunderbar fließenden Ergebnissen führt – und bei Schleiermacher bisweilen ins Ungefähr. Überdies würde Schönheit es allen Beteiligten leichter machen, nähme er Schleiermachers Tempo-Angaben konsequenter beim Wort.

Doch ändert dies nichts daran, dass „Nach Markus. Passion“ die Hörer erreicht. Totenstill ist es über die zweieinviertel Stunden zwischen den Zeiten. Und auch nach dem letzten Ton, er stammt von Bach, dauert es geraume Zeit, bis die Spannung sich im Jubel entlädt.

Von Peter Korfmacher

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