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Kultur Musikalische Tragödie - Solidaritätskonzert der Kammerphilharmonie
Nachrichten Kultur Musikalische Tragödie - Solidaritätskonzert der Kammerphilharmonie
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10:19 24.12.2011
Die Musikalische Komödie in Lindenau. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Doch die Mitarbeiter des Hauses nehmen den Jubel des Publikums derzeit mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn die alte Schließdebatte ist wieder hochgekocht.

Es ist verdächtig ruhig: Ende November hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung ins Rathaus gebeten, um via "Bürgerforum" ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten zu diskutieren. In 13 Szenarien zeigt es Möglichkeiten auf, steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen auf Seiten der Stadt in den großen eigenbetrieben der städtischen Kultur zu begegnen.

In Zahlen: 73 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel fließen Jahr für Jahr in Oper, zu der die MuKo gehört, Centraltheater, Gewandhaus und Theater der Jungen Welt. Bleibt es dabei, fehlen wegen Inflation und Tarifsteigerungen bis 2014 5,7 Millionen Euro. Zwei Millionen sollen sich, laut Actori-Gutachten, durch allgemeine Optimierungen aus den Etats herauspressen lassen, die restlichen 3,7 Millionen dadurch eingespart werden, dass Musikalische Komödie und Theater der Jungen Welt fusionieren. Das ist zwar nur eins von 13 Szenarien, aber es scheint das von der Stadtspitze präferierte zu sein. Oder gewesen? Im erwähnten Bürgerforum war der Gegenwind heftig. Denn die MuKo kann sich auf ihr Klientel verlassen.

Was Tradition hat. Bereits 1996, da war Hinrich Lehmann Grube Oberbürgermeister und Udo Zimmermann Opernintendant, sollte sie zum ersten Mal abgewickelt werden, doch innerhalb kürzester Zeit zeigten 100000 Unterschriften, dass die Verwirklichung dieses Plans politischer Selbstmord gewesen wäre. Was nichts daran änderte, dass immer, wenn der Leipziger Kultur mal wieder das Geld auszugehen scheint, der Blick zuerst nach Lindenau fällt. Und auch wenn derzeit der See still zu ruhen scheint, ist doch die Gefahr nicht gering, dass hinter verschlossenen Türen, weiter die Trockenlegung betrieben wird.

Das wirft zwei Fragen auf: Die nach den Hintergründen des Gutachten-Ergebnisses, die bislang nicht öffentlich gemacht wurden. Und die, warum ausgerechnet die Musikalische Komödie immer wieder reflexartig zur Abwicklung freigegeben wird. Zur ersten: Fusion klingt gut, ist aber fast immer schlecht. Weil das Wort ein längst entlarvter Euphemismus für Schließung ist. Im konkreten bedeutete die Vereinigung von Musikalischer Komödie und Theater der Jungen Welt unter dem Dach des Letzteren, den Tod des Hauses Dreilinden. Denn nach der Abwicklung von Orchester und Ballett ist das Repertoire, für das diese Haus steht, Geschichte. Und was immer das TdJW mit der Immobilie anfängt - mit der MuKo hat es nichts mehr zu tun.

Die zweite Frage ist komplizierter zu beantworten. Denn dass ausgerechnet ein Volkstheater mit so tiefer Verwurzelung in der Bevölkerung und einer so starken Lobby immer wieder is Fadenkreuz gerät, ist zumindest erstaunlich und wohl nur mit mangelnder Wertschätzung des Genres an und für sich zu erklären. Es ist nicht schick, gilt als nicht relevant, als Amüsiertheater. In der Tat lässt sich mit dieser Form nostalgischer Basiskultur überregional kein Blumentopf gewinnen. Jedenfalls nicht publizistisch. Ob das Ensemble und sein Genre nicht überregional zu vermarkten wären, ist eine andere Frage, die vor lauter Spardebatten bislang niemand wirklich angefasst hat.

Ein Positionspapier mit dem schönen Titel "MuKo 2020. Die Musikalische Komödie als notwendiger Stabilisator und Impulsgeber für die Stadt Leipzig und den Leipziger Westen", der Stadtbezirksräte Gunther J. Rieger (CDU) und Eva Brackelmann (SPD) ist bald nach der Vorstellung im Januar 2006 wieder in der Versenkung verschwunden. Und so tourt beispielsweise das Budapester Operetten-Theater mit Disney-Produktionen wie "Die Schöne und das Biest" gewinnbringend durch Deutschland. Und in Leipzig schaut man wieder dem fahrenden Zug hinterher.

Hier müsste indes erst der Bahnhof saniert werden. In diesem Zusammenhang wird im Rathaus gern schamhaft verschwiegen, dass zwischen 1992 und 1996 bereits runde 16 Millionen Mark in Baumaßnahmen in der MuKo geflossen sind. Doch dann kamen die Kürzungspläne, und die Renovierung versickerte im Sand. Macht man nun nicht weiter, wären alle Investitionen vom Ende des letzten Jahrhunderts in den Ausguss gewandert.

Wie auch immer: Leipzigs Hochkultur scheint in Erklärungsnöten. Es brennt an allen Ecken und Enden, und jeder Euro, der in die Kultur fließt, fehlt beim Straßenbelag, in den Schulen und Kitas. Aber wer den Leipzigern die MuKo nimmt, beflügelt Stammtischparolen, all die Kultur sei ohnehin nur für "die da oben". Und jenseits aller schwierig zu führenden Relevanz-Debatten: Ausgerechnet das Theater mit der besten Auslastung abzurasieren, nährte in der Tat den Verdacht, dass der Bürger nicht im Zentrum der Leipziger Politik steht.

Wie also weiter? Schwierig! Doch das Actori-Gutachten bietet trotz allem eine gute Diskussionsgrundlage. Sein erklärtes Ziel ist ja gerade nicht die Handlungsanweisung, sondern die Debatten-Basis. Wie es aussieht, sind alle 13 Szenarien entweder in ihren Auswirkungen für die Kulturstadt Leipzig verheerend oder im Einspareffekt für ihren Haushalt unzureichend bis vernachlässigbar. Bleibt eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung: Die Prämissen des Gutachtens sind nicht zu halten, dass nämlich der - erfreulich hohe - Kultur-Etat der Stadt Leipzig eingefroren bleiben muss, obwohl doch jedes Schulkind weiß, dass die Kosten immer weiter steigen.

Petter Korfmacher

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