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"Mut zur Lücke und zum Trash": Sven Regener über depressive Phasen und Techno-Partys

"Mut zur Lücke und zum Trash": Sven Regener über depressive Phasen und Techno-Partys

Sven Regeners neuer Roman "Magical Mystery" holt einen alten Bekannten in den Tourbus zurück: Karl Schmidt, den besten Freund von Herrn Lehmann, der am Tag des Mauerfalls in die Psychiatrie eingewiesen wurde.

Am nächsten Dienstag kommt Sven Regener (53), Bestseller-Autor und Bandkopf von "Element Of Crime", nach Leipzig.

Frage:

Karl Schmidt war fünf Jahre in der literarischen Versenkung verschwunden - weshalb holen Sie ihn gerade jetzt wieder raus?

Sven Regener:

Weil ich ihn so lieb habe. Ich wollte ihn einfach nicht in der Klappsmühle versauern lassen. Charlie war mir schon in "Herr Lehmann" ans Herz gewachsen, da musste ich mich endlich mal wieder um ihn kümmern.

Obwohl Sie ihn so mögen, musste Karl Schmidt in der Klappse landen?

Genau das ist ja mein Problem. Deshalb hatte er bei mir noch Einen gut. Schon bei "Herr Lehmann" war die Grundidee: Jemand ist so beschäftigt mit allem möglichen Kram, dass er nicht mitbekommt, wie sein Freund allmählich verrückt wird. Das hole ich nun nach.

Leiden Sie mit Karl Schmidt?

Nein, da ist nur Liebe, überbordende Liebe. Ich würde mich deshalb sehr schwer damit tun, ihn sterben zu lassen - aber wenn es sein müsste, wer weiß.

Charlie trifft auf die Freunde von früher, spürt, wie sie sich nach der Wende verändert haben. Wollen Sie auch den Aufbruch dieser Tage zeigen?

Es war reizvoll zu erzählen, wie sich jemand fühlt, der das alles verpennt hat, fünf Jahre zu spät aufwacht. Das ist ein bisschen so, als wäre jemand eingefroren gewesen. Karl Schmidt trifft auf eine Welt, die alle anderen schon gerafft haben - und das muss er erstmal raffen. Allein, dass man damals mit der S-Bahn durch ganz Berlin fahren konnte, ist ja ein Riesending gewesen. Ich bin sicher: Es gibt heute noch Menschen tief im Westen, die wissen immer noch nicht, wo die Mauer war.

Nun schicken Sie Charlie auf ein Himmelfahrtskommando: Als Ex-Süchtiger muss er berauschte Raver durchs Land kutschieren.

Das ist das Gefährliche - und macht ein gutes Abenteuer aus. Was wäre denn ein Abenteuer ohne Gefahr? Charlie muss sehr viel riskieren: Er will aus dem alten Leben raus, und nur dieser eine Weg wird ihm angeboten. Ja, er riskiert eigentlich sein Leben. Deshalb sehe ich "Magical Mystery" als Abenteuerroman.

Man traut Ihnen gar nicht diesen intensiven Bezug zur Rave- und Techno-Szene zu, die im Buch eine wesentliche Rolle spielt.

Ich kannte eine Menge Leute, die sich in der Wendezeit in diese Szene umorientiert haben, viele davon hatten in den 80ern im Rock rumgespielt. Außerdem konnte man in der Nachwende-Zeit in Berlin nicht wirklich leben, ohne davon etwas mitzubekommen oder da auch mal aufzuschlagen, im Planet, Tresor oder sonst wo. Selbst in den ganz normalen Quatsch-Kneipen, in denen ich rumgesessen habe, lief die ganze Zeit diese Bumm-Bumm-Musik. Und klar, durch meine Frau habe ich dann in den 1990ern viele Raver und DJs kennengelernt. Unsere Welten waren damals gar nicht so getrennt, wie es scheinen mag.

Trauern Sie, gerade 53 geworden, dieser wilden Zeit nach?

Ich bin in einem gesetzten Alter, und so lange ich mich noch mag, finde ich es okay, wie alles gekommen ist. Mit dem ganzen Nostalgie-Kram komme ich sowieso nicht klar. Weil ich grundsätzlich zur Melancholie neige, fühle ich mich in einer solchen Atmosphäre nicht wohl. Tatsache ist, dass ich diese Leichtigkeit, und auch dieses Trashige der Dance-Szene toll fand. Da hatten sie uns Rockern, die immer irgendwie staatstragend oder philosophierend unterwegs waren, einiges voraus. Doch man braucht den Mut zur Lücke und zum Trash, um etwas Großes leisten zu können.

Gehören die Partys heute noch zu Ihrem Leben?

Alles hat seine Zeit, auch wenn immer ein bisschen was gehen sollte. Die 80er habe ich als dunkel in Erinnerung - weil ich immer im Dunkeln unterwegs war. Vor den Auftritten, und nicht nur dann, haben wir gesoffen, und tagsüber manchmal geschlafen. Das konnte man damals so machen. Wenn ich das heute noch machen würde, wäre das weder sexy noch lustig, sondern tragisch und deprimierend.

Sie bezeichnen das Buch als Abenteuerroman. Es lässt sich auch als die Geschichte einer Depression lesen.

Ja, das ist immer schwierig. Aber gerade deshalb wollte ich den Roman als Ich-Erzähler schreiben. Karl Schmidt merkt nicht, dass er nicht alle Tassen im Schrank hat - was ihm widerfährt, ist typisch für ein solches Krankheitsbild. Und: Karl Schmidt ist voller Zorn, doch der Zorn ist ungerichtet.

Ist auch der Ich-Erzähler Sven Regener voller Zorn?

So würde ich das nicht sehen. Man muss schließlich auch kein Arzt sein, um einen Arztroman zu schreiben. Und man muss auch nicht im Moment des Schreibens voller Zorn sein. Aber: Man muss das Gefühl des Zorns kennen, muss wissen, wie das ist, um sich in diesen Typen hineindenken zu können. Die Frage ist doch immer: Was macht mein Leben mit mir - und ich mit dem Leben?

Kennen auch Sie depressive Phasen?

Ich denke, dass ich die Sache mit der Depression ganz gut kenne, aber natürlich nicht in dem Ausmaß, wie Charlie sie durchlebt. Das trifft auf sehr viele Menschen zu. Viele wissen es nur noch nicht. Aus einem verzagten Arsch kann aber kein fröhlicher Furz kommen. Sonst hätte ich das Buch nicht schreiben können.

Sie pendeln zwischen einem Dasein als Autor und einem als Musiker. Als was sehen Sie sich selbst?

Ich sehe mich als Schriftsteller und Musiker - je nachdem, was ich grad mache, das bin ich dann. Beides gleichzeitig geht nicht. Wenn ich an einem Buch schreibe, kann ich keine Songs schreiben. Konzerte gehen, weil das wie Atmen ist. Deshalb musste "Magical Mystery" erst fertig werden, bevor es etwas Neues von Element of Crime geben kann. Wir sitzen grad am neuen Album, nehmen auf, im Herbst wird es kommen.

Dienstag, 21. Januar, Theater-Fabrik Leipzig, Franz-Flemming-Straße 16, 20 Uhr, 19 Euro

Sven Regener, 1961 in Bremen geboren

, ist zunächst als Sänger und Texter der Band Element of Crime bekannt geworden. Mit seinem Buch-Debüt "Herr Lehmann" gelang ihm 2001 sensationell ein Bestseller. Es folgten literarische Perlen wie "Neue Vahr Süd" oder "Der kleine Bruder". Der im Herbst erschienene Roman "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" knüpft quasi nahtlos an den Erstling an: Sven Regener holt Herrn Lehmanns besten Freund, Karl "Charlie" Schmidt, aus einer Drogen-Entzugs-WG.

Eine Kombination aus schwerer Depression, langer Schlaflosigkeit und hemmungsloser Selbstmedikation hatte eben jenen Schrott-Künstler Charlie - im Film von Detlev Buck verkörpert - pünktlich zur Maueröffnung am 9. November 1989 in die Klapse gebracht. Doch nun, fünf Jahre und mehrere multi-toxische Entzüge später, bekommt Charlie ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Er soll seine alten Kumpels, die inzwischen in der Berliner Rave-/Techno-Szene erfolgreiche Unternehmer sind, auf einer Tournee quer durch die Republik kutschieren. Während alle um ihn herum labern und benebelt sind, ist der depressive Verrückte, der auf dem Trockenen sitzen muss, der einzig Nüchterne - und lässt sich die Welt erklären. Ein so schelmischer wie wunderbar zauseliger Blick auf die Welt der 1990er.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.01.2014

Andreas Debski

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