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Nachruf auf Erich Loest: Er geht seinen Weg – Leipzigs Ehrenbürger stirbt mit 87 Jahren

Nachruf auf Erich Loest: Er geht seinen Weg – Leipzigs Ehrenbürger stirbt mit 87 Jahren

Erich Loest starb am Donnerstagabend im Alter von 87 Jahren. In den vergangenen Tagen ging es ihm schon nicht mehr gut, er lag in der Uniklinik Leipzig nach einem Kollaps.

Leipzig. Ein großes, deutsch-deutsches Leben hat sich auf tragische Weise vollendet. Ein Nachruf.

Loest wurde 1926 in Mittweida als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach dem Besuch der Oberschule leistete er drei Wochen lang Kriegsdienst als sogenannter Werwolf, also im letzten Aufgebot des NS-Regimes. Noch im April 1944 trat er in die NSDAP ein. Nach Kriegsende arbeitete er in der Landwirtschaft und in den Leuna-Werken und war von 1947 bis 1950 Volontär und Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung. Mit der Veröffentlichung des Romans „Jungen, die übrig bleiben" (1950) trat er als Schriftsteller in der DDR hervor. Populär wurde er mit seinen Erzählbänden „Liebesgeschichten", „Sportgeschichten" und seinem Roman „Die Westmark fällt weiter".

Als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes Leipzig und SED-Mitglied unterstützte er zunächst die DDR-Regierung, bis sein Weltbild durch die Ereignisse um den 17. Juni 1953 grundlegend erschüttert wurde. Loests Kritik an der SED-Führung nach der Niederschlagung des Aufstandes und sein öffentliches Nachdenken über die Konsequenzen der Entstalinisierung für die DDR brachten ihn in dramatische Konflikte mit dem SED-Regime. Er wurde aus der SED ausgeschlossen, verhaftet und zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung" verurteilt.

Gegen die Zensur der Staatsmacht

1964 kam Loest aus der Stasi-Haft in Bautzen II frei. Er verfasste fortan zunächst Romane und Erzählungen, die vorrangig dem Broterwerb dienten. 1978 erschien dann sein autobiografischer Roman „Es geht seinen Gang". Nach offenem Protest gegen die Zensur der Staatsmacht trat Loest 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband aus. 1981 siedelte er mit der Familie in die Bundesrepublik über. Hier erschien seine Autobiographie „Durch die Erde ein Riss".

Nach der Friedlichen Revolution 1989 fand der Sachse schnell und konsequent zurück nach Leipzig. Er wurde Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller und setzte sich nachhaltig für enge Verbindungen zu Polen ein, die er mit einem Plan zur „Förderung polnischer Literatur in Deutschland und deutscher Literatur in Polen" beförderte. 1995 erschien sein Opus Magnum – der Roman „Nikolaikirche", der die Ereignisse um die Montagsdemonstrationen in Leipzig schildert und in der Regie von Frank Beyer mit Ulrich Mühe als Darsteller auch als Film ein großer Erfolg wurde. 1996 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig.

Loest war ein großer Freund dieser Stadt, aber gleichermaßen auch stets deren vehementer Kritiker. Er legte sich mit Leipzig oft und gern an, seine Ehrenbürgerwürde verstand er als Herausforderung, um für seine Überzeugungen zu werben. So gab er auch nicht nur einmal kund, dass er ein neues Freiheits- und Einheitsdenkmal in Anbetracht von Nikolaikirchhof mit Säule und Überlauf-Brunnen für völlig überflüssig hält, um an die Friedliche Revolution im Herbst 1989 zu erinnern.

Loest wirkte bis zum Schluss

In den vergangenen Wochen beschäftigte ihn die Verwirklichung des Kunstprojektes „Aufrecht stehen". Für ein Wandbild mit Darstellungen von Ernst Bloch, Hans Mayer, Wolfgang Natonek, Werner Ihmels und Georg-Siegfried Schmutzler, die alle, ob nun als legendäre Professoren, als im Widerstand gegen die SED-Diktatur agierende Studenten beziehungsweise als Pfarrer der Studentengemeinde Geschichte schrieben, hatte er den Leipziger Maler Reinhard Minkewitz als ausführenden Künstler gewonnen.

Das Bild, so Loests später Lebenswunsch, sollte seinen Platz finden in der Alma mater sozusagen als seine Antwort auf jene Kunst, die zu DDR-Zeiten entstanden war, wie etwa das Karl-Marx-Relief, das heute auf dem Uni-Campus an der Jahnallee zu sehen ist, oder auch Werner Tübkes Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz". Bis zu Loests Ableben war aber keine Einigung darüber zu erreichen, wie das Projekt, in das er sein Herzblut und viel Geld investierte, realisiert werden kann.

Dass Loest das Jahrhundert-Gedenken an die Völkerschlacht nun nicht mehr erleben kann, ist auch eine späte Tragik seines Lebens. Er ließ sich inspirieren von diesem weltgeschichtlichen Ereignis, schrieb extra dafür seine Erzählung „Sechs Eichen bei Rötha". Am kommenden Wochenende wird der sanierte Schlosspark in der Kleinstadt nahe Leipzig der Öffentlichkeit übergeben. Die Feier wird nun auch sicher zum Gedenken an Erich Loest werden.

Was bleibt von ihm? Sehr, sehr viel, besonders auch persönliche Erinnerungen. Der Autor war im vergangenen Sommer mit ihm für die LVZ-Sommertour im Norden Leipzigs im Seenland unterwegs. Loest zeigte sich glücklich darüber, was aus einer einst malträtierten Landschaft geworden ist. Und als er zum Abschluss in seiner Lieblingskneipe in Leipzig-Gohlis sein Bierchen trinken konnte, ging ihm wieder mal das Herz auf über seine sächsische Heimat.

Er war ganz einfach – ein Mensch. Stets geradlinig, mal höchst freundlich, auch mal sehr knurrig, sich selbst und seine beste Freunde oft nicht schonend. Bleiben werden natürlich zu allererst seine Bücher, die das 20. Jahrhundert und besonders das Leben im geteilten Deutschland unverwechselbar dokumentieren. Die Wiedervereinigung erlebt zu haben, gehörte zu den großen Genugtuungen in seinem Leben. Loests Werke gehen, gar keine Frage, um mit seinen Worten zu sprechen, „ihren Gang". Und Erich, unser Freund, geht ihn nun auch.

Videorückblick: Erich Loest in der LVZ-Autorenarena 2012:

Thomas Mayer

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