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Kultur Näherkommende Einschläge: Der Leipziger Markus Matthias Krüger in Bad Frankenhausen
Nachrichten Kultur Näherkommende Einschläge: Der Leipziger Markus Matthias Krüger in Bad Frankenhausen
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00:18 31.03.2017
Unheimliche Ruhe: „Großer Wald unter Schnee““ von Markus Matthias Krüger. Quelle: Galerie Schwind
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Bad Frankenhausen

In diesem Tann schweigen die Vöglein. Metaphysisch dunkel, wie ein undurchdringlicher Vorhang steht ein „Großer Wald unter Schnee“ vor dem Betrachter – und zieht ihn gleichzeitig hinein. Der Leipziger Markus Matthias Krüger hat diesen dünn beschneiten Kiefernforst auf wuchtigen 140 mal 200 Zentimetern gemalt. Eine bedrohliche Ruhe geht von ihm aus. Ein Gefühl, dass da noch was kommen könnte. In „Winterdrama II“, einer kargen, nur von wenigen Nadelbäumen bewohnten Nachtlandschaft, ist tatsächlich etwas passiert: Weit hinten am Horizont scheint ein Feuer, erleuchtet die Silhouetten eines Dorfs. Senkrecht steigt eine Rauchsäule auf. Man kann die Stille fühlen. Die Einschläge sind noch fern. Dieses „Winterdrama“ stirbt in Schönheit.

Der Kontrast im Panorama Museum in Bad Frankenhausen könnte kaum heftiger sein. Oben Werner Tübkes fantastisches, allegorisch bis zum Bersten aufgeladenes Bauernkriegs-Wimmelbild mit über 3000 Figuren – ein Stockwerk tiefer die menschenleeren Landschaften von Markus Matthias Krüger. „Hortus“ (Garten) heißt die Schau; bis 18. Juni ist sie zu sehen. Es ist die erste Museums-Einzelausstellung des Künstlers, der von 2010 bis 2013 Meisterschüler bei Annette Schröter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst war und von der Leipziger Galerie Schwind vertreten wird. Gezeigt werden über 100 Werke aus zehn Schaffensjahren.

Etwas rätselhaft Schwebendes

Es liegt etwas rätselhaft Schwebendes in diesen Bildern, vielleicht weil der Maler den Betrachter im Vertrauten abholt. Wir sehen Felder, Wiesen und Wälder, auch Häuser, Mauern, Industriebrachen. Es gibt weite Horizonte mit altmeisterlichem Wolkentheater. Die Sonne steht oft tief, wirft Schatten. Nicht selten scheint der Mond.

Es sind keine Gegenden, in die Goethe seinen Faust zum Osterspaziergang geschickt hätte. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein? Eher nicht. Hier war der Mensch, irgendwann mal – oder er hat sich in eins der Häuser geflüchtet, die sich im Bild „Hain“ vor einem wie eine riesige Wolke auftürmenden Wald ducken. Die Krone der Schöpfung, ja die Fauna insgesamt hat sich in Krügers Bildkosmos verzogen. Es bleiben Spuren, menschliche Überarbeitungen.

Die Natur holt nicht dramatisch zum Gegenschlag aus, sie nimmt sich mit stoischer Selbstverständlichkeit ihren Lebensraum zurück. In „Nachmieter“ hat ein Baum das Dach eines offenbar verlassenen Hauses beiseite geschoben, in „Haus der Flora“ trägt er es hoch oben in seiner Krone, als hätte ihm kein Sturm etwas anhaben können. So lotet der Maler Möglichkeiten aus, erzeugt bisweilen surreale Stimmungen, ganz ohne sich surrealer Stilmittel zu bedienen. Das Bild „Bresche“ von 2013 zeigt eine Gruppe von acht Bäumen, von denen die beiden mittleren auf einem Drittel Höhe umgerissen wurden, auch die benachbarten hat es zum Teil erwischt. Es bleibt ein kreisrundes Loch und die Frage, was hier passiert ist: Ist ein Meteorit durchgerauscht, ein Flugobjekt, ein Tornadorüssel? Dieser Einschlag ist schon mal nähergekommen.

Störungen der optical correctness

Solche Störungen der optical correctness finden sich in vielen Bildern Krügers. Mal brennt ein Pickup, versinken uniforme Fertighäuser im Wasser, ragt ein Flugzeugflügel wie eine überdimensionale Haiflosse aus dem Wasser oder ist ein Haus zur Hälfte abgesackt – ein Bild das in Bad Frankenhausen mit seinem schiefen Kirchturm vielleicht besonders viele Blicke auf sich zieht. Im 2016 vom Museum der bildenden Künste in Leipzig angekauften großformatigen „See“ genügen nur ein paar Begradigungen, um einen frappierenden Effekt zu erzielen: Das von einem bis zum Horizont reichenden spätsommerlichen Laubwald umrahmte Gewässer ist quadratisch.

Diesem Einbruch des Ungewohnten in das Gewohnte entspricht die Stilistik von Krügers Kunst, in der die Tradition der barocken Landschaftsmalerei ebenso wie die der Niederländer und der Romantiker wirkt – hier aber ganz nüchtern fortgeschrieben wird. Das Inventar – gesichtslose Gewerbe- und Wohngebiete, entvölkerte Brachen, oder rätselhaft in der Landschaft umherstehende Ziegelmauern – entstammt sicher dem Nachwende-Ostdeutschland, wird im Werk des 1981 in der Altmark geborenen Malers aber zur überzeitlichen Metapher.

Mathematische Strenge

Das liegt auch an der mathematischen Strenge, mit der viele Bilder inszeniert sind, wie etwa „Quader“, in dem sich die Form der Strohballen auf einem Feld in der Form eines Waldstücks in der Mitte exakt wiederfindet. „Zwei Wäldchen III“ zeigt ein Landschaftspanorama mit zwei fast bis auf den Ast symmetrischen Baumgruppen. So stimmt hier alles. Und stimmt alles nicht. Von „Feldversuchen des Unheimlichen“ spricht Frédéric Bußmann, Kurator im Museum der bildenden Künste, im opulenten Katalog.

Es gibt viele Wege, auf denen man sich der Kunst des Markus Matthias Krüger annähern kann. Zur Entzauberung führt keiner.

Bis 18. Juni im Panorama Museum in Bad Frankenhausen (Am Schlachtberg 9), Di–So, 10–17 Uhr (ab April bis 18 Uhr), Katalog (200 Seiten, 110 ganzseitige Abbildungen): 39,90 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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