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Neue Ausgabe des „Kursbuch“ widmet sich der Verblödung durch Sprache

Bullshit-Sprech Neue Ausgabe des „Kursbuch“ widmet sich der Verblödung durch Sprache

In seiner aktuellen Ausgabe widmet sich das „Kursbuch“ einer Sprache der Verblödung. Der „Brief eines Lesers“ stammt von Deniz Yücel und ist ein „kurzes Glossar des Bullshit-Sprechs der AfD“.

Nicht nur Dauertalkgast Wolfgang Bosbach fehlt auf diesem Bild: Der Blick ins leere „Anne Will“-Studio zeigt vor allem Ruhe nach dem Bullshit – oder auch davor.

Quelle: dpa

Leipzig. In ein paar Tagen ist es geschafft. Schluss mit Wahlarenen und Talkshows, mit Phrasen und überforderten Moderatoren, kurz: Schluss mit Bullshit. Und Gelegenheit für einen Blick auf „Bullshit.Sprech“, wie die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Kursbuch“ überschrieben ist. Hier lässt sich alles noch einmal nachlesen. Nicht nur, wie es war – sondern auch: warum. Im Vergnügen des Wiedererkennens liegt ein Trost.

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg)

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 191. Bullshit. Sprech.Murmann Verlag; 208 Seiten, 19 Euro

Quelle: Murmann Verlag

Der Titel bezieht sich auf einen Essay des US-amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt, in dem er Bullshit zum philosophischen Begriff macht für Versprechungen und Behauptungen, die falsch sind. Bewusst oder unbewusst. Frankfurt geht davon aus, dass Bullshit-Sprecher sich nicht darum scheren, ob die Dinge der Wahrheit entsprechen. Das sei das eigentliche Charakteristikum, schreibt Mitherausgeber Armin Nassehi im Editorial: „Dem Bullshitter ist sein Bullshit egal, Hauptsache, er kommt damit durch.“

Man könnte also einerseits auch Mumpitz dazu sagen oder einfach Quatsch – andererseits umfasst Bullshit mehr. Beispiele dafür gibt es überall. Täglich kommen neue hinzu. Die hier von Wissenschaftlern und Schriftstellern zusammengetragenen stammen aus der Pop-Kultur, genauer: dem „Kulturimperialismus des Bequemen“, aus dem Unternehmensalltag, der Ökonomie, dem Talkshow-Wesen oder sozialen Netzwerken.

Es ist ein Spiel

Bullshit liegt auf dem Platz. „Kursbuch“-Mitherausgeber Peter Felixberger nähert sich dem Fußball über Niklas Luhmanns Systemtheorie, die in Räume des Zusammengehörigkeitsgefühls führt, in denen ein Bilder- und Metaphernvorrat lagert, den Kritiker als Bullshit wahrnehmen. Für Betroffene ist er ein Kulturgut.

In den Beiträgen geht es um Missverständnisse, Gedanken- oder Verantwortungslosigkeiten, auch Unverschämtheiten aller Art – und damit am häufigsten um Sprache. Sie macht Bullshit erkennbar und benennbar. Wie „unkritisch Gesellschaftskritiker gegenüber ihrer eigenen Sprache sind, wie bequem es sich vermeintlich unbequeme Denker machen“, zeigt Jakob Schrenk anhand von Überschriften, Diagnosen und Behauptungen aus der gut 50-jährigen „Kursbuch“-Geschichte, um mit dem Appell zu schließen: „Schluss mit der Angst vor dem Bullshit.“

Natürlich, es ist ja immer auch ein Spiel – im besten Fall mit Gedanken, im schlechten mit Ängsten und so oder so mit dem Feuer. Auf den Spuren von „Bullshit.Sprech“ sind Polarisierungen auszumachen, die einem Machtgefälle folgen. Im „Klerikaljargon“ findet der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf religiöse Begriffe wie Schöpfung als zentrales Symbol religiöser Sprache oder Allmacht als „äußerst ambivalente, überaus problematische und gefährliche Vorstellung“.

Am Beispiel der Talkshow

Wobei Lösungen nie in der Ablehnung, gar Abschaffung eines Wortes liegen, sondern im Verständnis der Inhalte, also auch der Aufgeklärtheit der Sprechenden. Dies macht Armin Nassehi deutlich in seinem Beitrag zur „Political Correctness“, die oft einer Bullshit-Verschiebung nahekommt – aber für den guten Zweck.

Mit „14 Anleitungen für erfolgreichen Talkshow-Bullshit“ veranschaulicht Hans Hütt das „Das Hohlsprech-Prinzip“. Im Jahr 200 1 hatte er den Teilnehmer einer Talkshow auf seinen Auftritt vorbereitet, indem er Kurzprofile der anderen Gäste und deren Positionen zum Thema zusammenfasste. seine Vorhersagen trafen alle ein. Nicht was die Gäste sagen, sei interessant, sondern das, was sie nicht sagen, wie auch das, was sie nicht gefragt werden. Hütt interessiert sich nun für die dem Format zugrunde liegende Dramaturgie, „es geht um einen Container des gesammelten Ungesagten“.

Und bemerkt in der Simulation des politischen Betriebs eine Unaufmerksamkeit von Moderatoren und ihrer Regie, die bewirkt, dass beispielsweise Alice Weidel, AfD, im Bundestagswahlkampf, „wie eine gelangweilt maulende Myrte in den Studios sitzt und das späte Dramolett des unterforderten begabten Kindes aufführt.“ Sofern sie das Studio nicht verlässt – wie neulich auch Wolfgang Bosbach, dem als Dauergast Punkt 5 der Anleitung gewidmet ist.

Brief von Deniz Yücel

Zurück zur AfD: Der „Brief eines Lesers stammt diesmal von Deniz Yücel, vom 15. September 2014, und ist ein „kurzes Glossar des Bullshit-Sprechs der AfD“. Yücel sitzt seit Anfang des Jahres in türkischer Haft. Die fadenscheinigen Begründungen seien, heißt es im Editorial, „Bullshit-Sprech in Reinform: offenkundiger Unsinn, dessen Offenkundigkeit wohl auch den Sprechern bekannt sein dürfte, freilich gepaart mit der Chance, damit durchzukommen.“

Grundsätzlich unterhält dieses „Kursbuch“-Ausgabe mit deutlichen Worten im Ton zuweilen heiterer Gelassenheit. Ganz und gar entfesselt spielt am Ende Schriftstellerin Kerstin Hensel mit Sprechweisen.

Die „Sprache der Verblödung“ mit ihren beiden Seiten Karnevalisierung und Pathos analysiert Georg Seeßlen. Es müsse „uns klar sein, dass die Sprache keineswegs nur ein Mittel der Verblödung ist, sondern auch ein Ziel“. Zudem „naturgemäß ansteckend“. Verblödung, schreibt er, „dient der Macht und dem Interesse. Macht und Interesse verblöden Sprache.“ In einem erweiterbaren 17-Punkte-Katalog umreißt er von Entleerung (der Begriffe) über stumpfe Wiederholung bis zur treuherzigen Selbstdarstellung das Strickmuster mancher Wahlkampfrede. Demnächst dann im Bundestag.

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 19. Bullshit.Sprech. Murmann Verlag; 208 Seiten, 19 Euro

Von Janina Fleischer

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