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Kultur Neue Spielstätte in Leipzigs Innenstadt: Livelyrix und Philharmonie eröffnen den Kupfersaal
Nachrichten Kultur Neue Spielstätte in Leipzigs Innenstadt: Livelyrix und Philharmonie eröffnen den Kupfersaal
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00:34 25.04.2018
Slam und Sinfonie: Christian Meyer und Julius Fischer mit der Philharmonie Leipzig im neuen Kupfersaal.  Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 Die treffenden Worte für das, was hier gerade passiert, findet Slam-Poet Bleu Broode alias Nils Straatmann, nachdem er die Bühne betreten hat. „Von Kindesbeinen an“, schwärmt er, „war es mein großer Traum, im Kupfersaal aufzutreten“, und erntet sogleich die ersten Lacher. „Wie schön, dass es jetzt auch den Saal zu diesem Traum gibt.“

Als Straatmann vor 28 Jahren weit weg von Leipzig auf die Welt kam und aufwuchs, aßen auf den rund 1000 Quadratmetern, an deren Ende er jetzt im Rampenlicht steht, freilich Studenten zu Mittag. Der Raum, Anfang des 20. Jahrhunderts im Herzen der Stadt für Gastronomie und Vergnügungen erbaut, fungierte da längst als Mensa und FDJ-Jugendklub namens „Kalinin“. Auch Elisabeth Jaspersen, 31, und Marcus Müller, 32, heute die Geschäftsführer des Kupfersaals, hatten damals noch keinen Schimmer von ihrem späteren Traum, hier Kultur zu machen. Seit zwei Jahren dürfte er ihnen indes so manchen Schlaf geraubt haben.

Nach 14 Monaten Warten auf die städtische Genehmigung und dreimonatigem Umbau ist am Samstag aber doch sogar die handgefertigte Bar gerade rechtzeitig fertig geworden. Sie wird von Lampen erhellt, die schon den Academixern Licht spendeten, als sie hier in den 90ern vorübergehend ihre Spielstätte hatten. Genau drei Stunden und elf Minuten nachdem die letzte Schraube eingedreht ist, fällt der Vorhang: „Hereinspaziert!“, fordert Leipzigs vielleicht musikalischster Dichter Julius Fischer die Menge auf. Für 560 Zuschauer ist der Kupfersaal zugelassen. Abweisen mussten die Türsteher zwar niemanden; aber zeitweise hätten nicht mehr viele hineingedurft.

Zu Beginn einer anderthalbstündigen Eröffnungsshow klagt Moderator Christian Meyer, Leipzigs vielleicht musikalischster Dichter, über ein Problem, das symptomatisch für den neuen Veranstaltungsraum ist. „Soll ich Sie siezen oder duzen? Ich weiß es nicht!“ Der Kupfersaal gibt sowohl der Philharmonie Leipzig als auch dem auf Poetry Slams spezialisierten Livelyrix-Verein erstmals eine eigene Spielstätte. Beide waren bislang als Nomaden auf unzähligen Bühnen der Region und darüber hinaus unterwegs.

„Abendauftaktveranstaltungen“

Die ungewöhnliche Konstellation hat ihren Ursprung im „Kulturkaffee Plan B“ am Rand der Innenstadt, das Marcus Müller bis 2015 zusammen mit Holger Engelhardt betrieb, dem Konzertmeister der Philharmonie. Der Livelyrix-Verein, dessen Vorsitzende Elisabeth Jaspersen nach wie vor ist, versammelte monatlich die Lesebühne Schkeuditzer Kreuz im Plan B. Als eine saftige Mieterhöhung die Schließung des Cafés erzwang, war der Weg geebnet für einen gemeinsamen Plan C beider gemeinnütziger Vereine.

Knapp 200 000 Euro hat das engere Team, zu dem neben den zwei Geschäftsführern und Engelhardt noch Jaspersens Ehemann Julius Fischer gehört, in die Ausstattung des Kupfersaals gesteckt. Der Eigentümer der Immobilie hat noch mal etwa dieselbe Summe in den Umbau des vormaligen Ramschladens investiert und garantiert den Kulturmachern eine mindestens zehnjährige Pacht. „Im Vergleich zum Plan B ist der Kupfersaal natürlich nicht gerade der nächste Schritt“, weiß Müller, „sondern wahrscheinlich vier oder fünf Stufen darüber“.

Vermietungen sollen helfen, die eigene Kultur querzufinanzieren, sich aber auf keinen Fall in den Vordergrund drängen, so der Geschäftsführer. Disconächte schließt er schon wegen der Nachbarschaft zum Maternus-Pflegeheim aus. Vielmehr setze sich das Programm aus „Abendauftaktveranstaltungen“ zusammen, sagt er, die in der Regel gegen 22 Uhr zu Ende seien. Die Eröffnungsshow, dessen Publikum also mal geduzt und mal gesiezt wird, gibt einen vielversprechenden Vorgeschmack. Unter Leitung von Michael Köhler spannt die Philharmonie den Bogen von Mozart, Vivaldi und Beethoven bis hin zu „Fluch der Karibik“. Auch aus seinem äußerst erfolgreichen Simon-&-Garfunkel-Programm spielt das Orchester einen Ausschnitt, und ausnahmsweise dürfen Fischer und Meyer „Sound of Silence“ singen, die zwei vielleicht musikalischsten Dichter der Stadt.

Kulturelle Weiterbildungseinrichtung

Neben Nils Straatmann sammeln Slam-Meisterin Leonie Warnke und der Berliner Liedermacher Flonske ihre Lacher. Den ersten neuen Text seit fünf Jahren präsentiert das preisgekrönte Team Totale Zerstörung – André Herrmann und Julius Fischer – und wird dafür lauthals bejubelt. Nur die zum Duo geschrumpfte Band Lu:v steht im Nachgang vor der undankbaren Aufgabe, auf der zweiten, kleineren Kupfersaal-Bühne gegen das allgemeine Gebrabbel anzuspielen.

Für die Gestaltung der ersten Monate greifen Christian Meyer und Holger Engelhardt als Booker trotz der geringen Zeitspanne, die seit Betriebsgenehmigung zur Verfügung stand, nicht allein auf eigene Künstler zurück. Tim Fischer, das Lumpenpack, Enissa Amani und andere werden zu Gastspielen erwartet. Auch die Lachmesse quartiert sich hier an zwei Abenden ein.

Geschäftsführerin Jaspersen will den Kupfersaal mittelfristig sogar noch stärker im Leipziger Kulturleben verankern. Zur Buchmesse gehören Livelyrix-Abende ohnehin längst, darüber hinaus möchte sie etwa ans Wave-Gotik-Treffen oder die Euro-Scene anknüpfen. Der Kontakt zur Initiative LeipJAZZig – einst Stammgast im Plan B – sei zudem nach wie vor eng. Angestammte Livelyrix-Bühnen in der Distillery oder im Neuen Schauspiel fallen aber keineswegs weg: „Sie haben uns mit offenen Armen aufgenommen, jetzt fortzugehen, wäre nicht fair.“

Zumal es für die Betreiber bis auf Weiteres spannend bleibe, ob ihre Mischung aus klassischer Musik und Pop-Dichtung ihr Publikum auch langfristig findet und bindet, so Holger Engelhardt. Vorherige Kooperationen – gemeinsam führte man in der Peterskirche einen Nussknacker-Slam frei nach Tschaikowski und auf der Geyserhaus-Parkbühne Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum auf – haben ihnen aber Mut gemacht. „Merkwürdigerweise“, berichtet Jaspersen, „haben uns die Slam-Stammgäste für die Musik und die klassischen Konzertgänger für die Wortbeiträge gelobt“. Der Kupfersaal – eine kulturelle Weiterbildungseinrichtung? Ein Traum! Bitte mehr davon.

Nächste Termine im Kupfersaal (Kupfergasse 2): Freitag, 20 Uhr, Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, 8/6 Euro; Samstag, 19.30 Uhr, „Ein sehr guter Poetry Slam“, 14 Euro; Sonntag, 19.30 Uhr, Sinfoniekonzert, 35-40 Euro; www.kupfersaal.de

Von Mathias Wöbking

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