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Kultur Neue Varieté-Show: "Stimm-Akrobaten" feiern Premiere im Leipziger Krystallpalast
Nachrichten Kultur Neue Varieté-Show: "Stimm-Akrobaten" feiern Premiere im Leipziger Krystallpalast
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18:19 12.09.2014
Kraftvoll und zornig: Linda Sander aus Berlin am Vertikalseil. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Aber weil die Sänger genau dies eigentlich nicht tun, wird die Sache nicht rund.

Ja, Unduzo verstehen ihr Handwerk, müssen sich trotz der Verstärker-Anlage mit deutlicher Wummerneigung auch in der A-cappella-Hochburg Leipzig nicht verstecken. Ihr Beatboxer Julian Knörzer macht mit seinem Mikro sogar ziemlich großes Kino. Am Ende, beim wunderbaren "Bauchtanz" und zum melancholischen Abgesang, laufen die fünf Breisgauer gar zu beeindruckenderer Form auf. Aber die Stimm-Akrobaten und die Körper-Künstler, sie finden meist trotzdem nicht zueinander.

Das hat wohl auch Regisseur Niels Weberling während seiner diesmal offenkundig überschaubar gebliebenen Arbeit an der Produktion eingesehen und den fünf kundigen Kehlen als komischen Sidekick Kai Eikermann aus Berlin zur Seite gestellt. Und der altgediente Breakdance-Comedian avanciert von einem ersten Auftritt an zum heimlichen Star des Abends. Derb ist seine Komik: Mit anarchischer Grandezza trägt er den Pömpel auf dem Haupte; sein Roboter-Witz, seine Befähigung zum fäkalen Gestalten ohne Peinlichkeit, die schratige Gestalt und die Virtuosität im Umgang mit der Bauchmuskulatur, sie sorgen schon für Gluckser im Saal, wenn Eikermann nur den Kopf schräg ins Bild hängt.

Aus Berlin kommt auch der akrobatische Höhepunkt des an akrobatischen Höhepunkten reichen Abends: Linda Sander, die sich zornig an Vertikalseil und Trapez abarbeitet. Thrill und Kraft stehen im Mittelpunkt ihrer beiden Nummern, eine Körperkunst auf höchstem Niveau, die nicht auf Anmut und Geschmeidigkeit setzt, sondern auf die herbe Schönheit des Tanzes über dem Abgrund. Atemberaubend und in seiner souveränen Gebrochenheit auch wieder poetisch. Mit ihr am Trapez funktioniert dann auch einmal das Zusammenspiel der beiden Show-Welten. Unduzo charmieren in "Stairways to Heaven" mit so kühnem wie lupenreinen Harmoniegesang, derweil Linda über den Köpfen des Publikums die Schwerkraft aushebelt.

Das gelingt auch Vanina und Foucauld aus Argentinien und Frankreich am "Schwingenden Doppelmast". Jedoch mit ganz anderen emotionalen Vorzeichen. Das unbedingte Aufeinanderangewiesensein der beiden, die Sicherheit, die sie ihm schenkt, den schwebenden Mast dirigierend, an dem er zirkelt und klettert und fällt und Halt findet, sie beschwören eine beinahe zärtliche Vertrautheit und drängen alsbald eine bohrende Frage in den Hintergrund: Wer in Gottes Namen denkt sich solche Konstruktionen aus?

Der Rest des Programms kommt ohne raumgreifende Geräte aus: Lynn aus China reichen fünf Schirme, die sie zärtlich auf ihren Füßen balanciert, Lorenzo Mastropietro aus Italien braucht für seine nostalgische Jonglage-Clownerie nicht mehr als die gleiche Anzahl an Hüten. James und Lynn, ebenfalls aus China, brauchen nur sich, um in anschmiegsamer Sinnlichkeit die Grenzen zwischen Akrobatik und Tanz zum Verschwimmen zu bringen. Naoto aus Japan schließlich zieht nur zwei Yoyos aus der Tasche.

Er steht am Ende der Show und gilt den Veranstaltern offenkundig als Höhepunkt der "Stimm-Akrobaten". Immerhin ist der zierliche Quirl aus dem Land der aufgehenden Sonne erstens doppelter Yoyo-Welmeister, zweitens räumte er auch bei der Krystallpalast-Newcomershow des letzten Jahres mächtig ab. Seine Nummer zeigt warum: An der Grenze zur Wahrnehmbarkeit wirbelt er mit Doppelscheiben an Schnüren, immer eng an der Musik entlang choreographiert. Und wenn der Zuschauer noch die eine Figur zu verstehen versucht, hat Naoto schon das nächste Spektakel im Taschenformat vorgeführt. Beeindruckend.

Wie eigentlich jeder andere der ausführlich beklatschten Programmpunkte auch, wenn jetzt aus der guten Idee noch eine richtige Show würde ...

"Stimm-Akrobaten" - bis 1. 11.; Karten/Infos: Tel. 0341 140660, www.krystallpalastvariete.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.09.2014

Peter Korfmacher

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