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Kultur Neuer Chef im Interview: Alexander Schmitt
Nachrichten Kultur Neuer Chef im Interview: Alexander Schmitt
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00:32 25.03.2018
Alexander Schmitt, der Künstlerische Leiter des MDR-Kinderchors. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Sie haben den MDR-Kinderchor vor knapp drei Monaten übernommen – sind Sie noch das jüngste Mitglied?

Nein. Zweimal im Jahr machen wir Vorsingen für Neu-Aufnahmen, zuletzt im Januar und Februar – es gibt also durchaus Mitglieder, die noch kürzer dabei sind als ich.

Wie viele Mitglieder hat der MDR-Kinderchor insgesamt?

Derzeit sind es gut 170.

Die werden nur in Ausnahmefällen gemeinsam auf der Bühne stehen …

… die stehen eigentlich nie gemeinsam auf der Bühne. Das Leistungsniveau und die Anforderungen liegen doch sehr weit auseinander bei einem Chor, dessen Mitglieder zwischen 3 und 18 Jahre alt sind.

Also gibt es nicht einen MDR-Kinderchor, sondern eigentlich mehrere?

Genau. Es gibt einen Vorchor für die ganz Kleinen zwischen 3 und 5, die aus Gründen des Kinderschutzes noch gar nicht auftreten dürfen – aber fürs morgige Geburtstagskonzert eine Ausnahmegenehmigung erhalten haben. Dann folgen zwei Nachwuchschöre, einer für die Grundschüler der ersten und zweiten Klasse und einer für die der dritten und vierten, wo es dann mit der Mehrstimmigkeit losgeht. Schließlich kommt der Konzertchor, dessen Mitglieder meist weiterführende Schulen besuchen. Die müssen sich schon sehr bewusst entscheiden weiter mitzumachen, denn der Zeitaufwand ist doch erheblich: Sie proben zwei Mal die Woche für jeweils zwei Stunden, haben noch mehr Stimmbildung, Theorie-Unterricht und richtig viele Auftritte.

Wie viele sind das ungefähr im Jahr?

Das ist sehr unterschiedlich. Aber um die 50 sind es mindestens für jedes Mitglied.

Die Auftritte, die Proben, Stimmbildung, Theorieunterricht – machen Sie das alles allein?

Nein. Das ginge gar nicht. Die Leitung des MDR-Kinderchores ist eine Team-Aufgabe: Wir haben sechs Stimmbildner und Theorie-Lehrer, dazu habe ich zwei Assistenten, die Proben übernehmen und morgen auch dirigieren: Wieland Lemke und Meta Kuritz.

Haben Sie keine Angst, dass die Kinder die Lust am Singen verlieren, wenn sie so früh mit Musiktheorie belästigt werden?

Nein, gar nicht. Wir bilden ja nicht 180 kleine Musikwissenschaftler aus, es geht nicht um Harmonielehre oder Tonsatz.

Schade – sondern?

Darum, dass die Kinder wissen, was sie singen und warum – und, ganz basal, darum, dass sie Noten lesen und vom Blatt singen können. Das ist auch eine Frage des Repertoires und der Anforderungen: Wenn die theoretische Basis stimmt, ist es viel leichter, Neues zu lernen.

Wie sieht das Repertoire überhaupt aus?

Sehr breit. Wir machen im Grunde alles. Wir sind ja im Gegensatz zum Kinderchor der Oper, der naturgemäß vor allem das Opern-Repertoire pflegt, zum Kinderchor des Gewandhauses, der vor allem das sinfonische Repertoire abdeckt, oder zu den Thomanern, die es mit der geistlichen Musik halten, nicht festgelegt. Als Kinderchor einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt haben wir viele Aufgaben: Wir konzertieren mit eigenen Programmen, werden für Chorsinfonik mit dem Sinfonieorchester angefragt, wenn etwa Orffs Carmina burana anstehen oder Mahler-Sinfonien, wir singen a cappella, mit Klavierbegleitung oder mit Orchester. Und um das Spektrum noch breiter zu machen, haben wir gerade einen Auftrag vergeben, der den MDR-Kinderchor mit orientalischen Instrumenten zusammenbringen soll für eine Vertonung der Geschichten aus 1001 Nacht.

Der MDR-Kinderchor ist der einzige Kinder-Rundfunkchor in Deutschland, da ist es keine Kunst, auch der älteste zu sein. Aber 70 Jahre sind dennoch ein eindrucksvolles Alter. Hat der runde Geburtstag eine Rolle gespielt für ihre Bewerbung?

Nein. Ich habe erst davon gehört, als die Bewerbung schon lief. Und ganz am Anfang fand ich es auch ein wenig seltsam, mit einem Chor ein solches Jubiläum zu feiern, den ich selbst gerade erst kennenlerne. Aber mittlerweile finde ich, dass das ein wunderbarer Einstieg ist.

Warum?

Weil ich so die Geschichte des Chores viel besser und intensiver kennenlernen kann.

Wie bilden Sie diese Geschichte im Geburtstagskonzert ab?

Indem dem wir die ganze Breite zu zeigen versuchen, vom Volkslied über die „West Side Story“ bis zu Unterhaltsamem wie „Plink, Plank, Plunk“. – das dirigiert mein Vorvorgänger Gunter Berger. Dass der im Jubiläumskonzert mitwirkt, darüber freue ich mich sehr.

Sind sonst noch Vorgänger beteiligt?

Nein. Hans Sandig, der Begründer des Chors, ist 1989 verstorben, Ulrich Kaiser im Ausland unterwegs. Und mehr waren es nicht – ich bin in 70 Jahren erst der vierte Leiter des MDR-Kinderchors.

Die Fluktuation bei den Chormitgliedern wird höher sein. Haben Sie Nachwuchssorgen?

Überhaupt nicht.

Obwohl die Konkurrenz so groß ist in Leipzig?

Nein – und das ist wirklich etwas Besonderes in dieser Stadt. Es gibt hier fünf erstklassige Kinderchöre, neben uns den der Oper, den des Gewandhauses, die Thomaner und die Schola cantorum – das ist eine enorme Dichte für eine Stadt mit etwas über einer halben Million Einwohner. Aber alle finden genug gute Sängerinnen und Sänger. Es scheint, dass die Kultur des Singens in Leipzig noch stärker ausgeprägt ist als beispielsweise in Köln, wo ich vorher gearbeitet habe. Denn auch die Eltern singen gern und besser – was man merkt, wenn man das Publikum mal mitsingen lässt. Das ist ein hohes Gut, diese Tradition und diese sängerische Qualität. Also: Ja, es gibt eine gewisse Konkurrenz, aber nicht mit Ellenbogen und mit Neid auf den jeweils anderen, sondern im Sinne eines breiteren Angebotes und Miteinanders. Da ist für jede und jeden der richtige Chor dabei – und für jeden Chor gibt es genug Mitglieder-Potenzial.

24.3., 15 Uhr, Kongresshalle am Zoo: „Kindergeburtstag“ – Konzert zum 70. mit dem Kinderchor des Mitteldeutschen Rundfunks und Gästen. Restkarten. Tageskasse.

Von Peter Korfmacher.

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