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Neuer Verlag mit Gay Taleses „Der Voyeur“

Neuerscheinung Neuer Verlag mit Gay Taleses „Der Voyeur“

Der Tempo-Verlag ist ein neues Imprint des Verlags Hoffmann und Campe. Zum ersten Programm, das im Frühjahr mit acht Titeln erschienen ist, gehört Gay Taleses Buch „Der Voyeur“. Tempo und Talese – hier treffen Legenden aufeinander.

Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Gay Talese im Jahr 2015.

Quelle: dpa

Leipzig. Hier finden Legenden zueinander. Die eine ist Gay Talese (85). Der in New York lebende Autor gilt als Mitbegründer des New Journalism, des literarischen Journalismus. „Frank Sinatra ist erkältet“ hieß seine berühmte Reportage aus dem Jahr 1966, eine Erzählung aus der Wirklichkeit. Der Journalist hat für die „New York Times“ und den „Esquire“ gearbeitet, er schrieb die Bücher „Ehre deinen Vater“ über einen Mafia-Clan und „Du sollst begehren“ über die sexuelle Revolution (beide bei Rogner & Bernhard; 2008). Letzteres hat ihm einen Kontakt beschert, auf dem sein jüngstes Buch entstand.

Auf Deutsch ist „Der Voyeur“ im Tempo-Verlag erschienen, der zu Hoffmann und Campe gehört. Das legendäre Magazin „Tempo“, die Älteren werden sich erinnern, stand in den 80er und 90er Jahren für Avantgarde und Spaß und für New Journalism. Das ist nun auch schon wieder über 20 Jahre her. Jedenfalls passt der Name Tempo zu dem, was der Verlag verspricht: „Romane und Sachbücher verlegen, die sich etwas trauen“, „neue, unkonventionelle literarische Stimmen aus Deutschland und der Welt“. Zum ersten Programm gehört natürlich Maxim Biller mit „Hundert Zeilen Hass“, seinen legendären „Tempo“-Kolumnen. Oder „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ von Uwe Kopf, er war Textchef von „Tempo“. Oder eben „Der Voyeur“ von Gay Talese.

Anfang 1980 erhält der Journalist einen Eilbrief, anonym. Wie sich später herausstellt, ist es Gerald Foos, Besitzer des Manor-House-Hotels in Aurora, Colorado, der schreibt, dass er durch als Lüftungsschacht getarnte Löcher in den Zimmerdecken seine Gäste beobachtet. Am liebsten beim Sex. Was er sieht und hört, dokumentiert Foos schriftlich. Das reicht von äußerlicher Beschreibung seiner „Probanden“ und Angaben zur Herkunft über Gespräche bis zum Verhalten auf der Toilette und im Bett. Seine Frau weiß davon und interessiert sich ebenso für diese Art Live-Porno.

Womöglich hält Foos sich auch für einen Chronisten seiner Zeit. Jedenfalls schickt er dem berühmten Talese über Jahre seine 1966 beginnenden Aufzeichnungen, nachdem der ihn in seinem Motel getroffen hat. Aus Gesprächen mit Foos, dessen Dokumenten und eigenem Empfinden hat Talese sein Buch gebaut. Auf Fotografien sind Motel und Voyeur und dessen zwei Ehefrauen und schließlich der Abriss des Motels zu sehen, was die Hoffnung schwächt, das alles könnte doch nur ausgedacht sein.

„Pionier der Sexualforschung“

Doch der Autor, tatsächlich ein Chronist seiner Zeit, betont ja immer wieder, ausschließlich über Tatsachen zu berichten. Die reichert er an mit Einordnungen. Er verweist auf eine Studie des Literaturwissenschaftlers Steven Marcus über einen unter dem Namen „Walter“ bekanntgewordenen Erotomanen aus dem 19. Jahrhundert, der seine „repressive Erziehung, wie es scheint, durch einen exzessiven Voyeurismus sowie intensiven Sexualverkehr mit ungezählten Frauen kompensiert“ hat.

„Die Motivation des Voyeurs ist die Erwartung“, schreibt Talese. Oder: „Nach Stunden berechnet, wird wohl niemand für seine Mühen schlechter entlohnt als ein Spanner.“ Gerald Foos, der sich als „Pionier der Sexualforschung“ sieht, für einen Whistleblower hält und meint, er habe niemanden bloßgestellt, notiert über seine erste heimliche Beobachtung: „Eine ungeheure Erregung ergriff mich. Mir war gelungen, wovon andere Menschen nur träumen konnten. Allein der Gedanke löste ein Gefühl von Macht und genzenloser Überlegenheit aus.“

Wie Voyeure könnten sich auch die Leser fühlen. Belohnt werden sie in diesem Sinn nicht. Nicht mit den Notizen des Motel-Besitzers über das „kaum merkliche Beben ihrer Lenden“. Nicht mit dessen Erkenntnissen: „Es bestätigt sich immer wieder, die meisten Urlauber sind in den Ferien unglücklich und unzufrieden.“ Gay Talese führt ihn nicht vor, und er hält sich nicht raus – am Ende bleibt das unangenehme Gefühl, zu viel gesehen zu haben.

Gay Talese: Der Voyeur. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Tempo-Verlag; 224 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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