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Nicht-Hipster unter sich: Mit den Lesebühne-Autoren zum Schkeuditzer Kreuz

Nicht-Hipster unter sich: Mit den Lesebühne-Autoren zum Schkeuditzer Kreuz

Armutshauptstadt des Ostens, Kindergartenplätze nur gegen Bestechung und ein Flughafen, der vor allem für Militärtransporte genutzt wird: Wer hat noch einmal behauptet, Leipzig sei das bessere Berlin? Die Autoren der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz waren es jedenfalls nicht.

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Gestrandet am Schkeuditzer Kreuz: Zum ersten Mal in der Lesebühnen-Geschichte vereint sich die Hymne der Leipziger Textpiloten mit dem Autobahnlärm.

Quelle: Verena Lutter

Leipzig. "Geh lieber nach Magdeburg. Da gibt's noch mehr lost places", heißt es in einem Text von André Herrmann an eine fiktive Neu-Leipzigerin. Ihn und seine Kollegen hat das am Sonntagabend trotzdem nicht davon abgehalten, den fünften Lesebühnen-Geburtstag mit einer Sightseeing-Tour durch Leipzig zu feiern.

Es geht an den Ort, der seit Gründung der Lesebühne im Jahr 2008 an jedem dritten Freitag im Monat mit einer Hymne besungen wird: das Schkeuditzer Kreuz. Für die Lesebühnen-Autoren nicht einfach das schnöde Aufeinandertreffen von A 9 und A 14, sondern der "ultimative Umschlagplatz aller Transit-Träume". Inspirationsquelle für Lyrik, Prosa und manchmal auch Musik.

40 Fahrgäste und ein Busfahrer namens Klaus (leicht genervt, weil die Tour länger dauert als ursprünglich geplant) sind Zeugen, als Julius Fischer um kurz nach 21 Uhr auf einem Hügel am ältesten Autobahnkreuz Europas in die Gitarrensaiten greift. Die Sonne geht gleich unter, es weht eine leichte Brise. "Rausgeschmissen, angestrandet im Autobahn- und Flugverkehr, steh'n wir hier im Rausch der Nächte - und der Wind ist unser Frisör": Noch nie passten diese Zeilen so gut wie jetzt.

Kurt Mondaugens Erklärung, warum genau die Lesebühne eigentlich so heißt, wie sie heißt, geht vorher im Lärm des vorbeirauschenden Verkehrs unter. Die Hälfte der Fahrgäste kann da gerade sowieso nicht zuhören, weil sie sich nach der Ankunft am Schkeuditzer Kreuz erst einmal in die Büsche geschlagen hat. Bier, Cola und Wasser im Bus, aber blöderweise keine Bus-Toilette - die Natur muss es mal wieder ausbaden. André Herrmann prophezeit: "Bei Google Street View wird hier ab heute ein großer gelber Fleck zu sehen sein."

Zum ersten Mal angestoßen wird in der Wilhelm-Seyfferth-Straße, nicht weit entfernt von der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der Julius Fischer seinen ersten Text gewidmet hat. "Der Rundgang" beschreibt das Hipster-Ereignis des Jahres aus Sicht eines Nicht-Hipsters: Studenten in "engen individuellen Hosen" drücken sich vor Objekten herum, die Kunst sein sollen ("Gehört der Stuhl zur Ausstellung, oder ist der zum Sitzen?"). Eine Zuhörerin nippt bei diesen Worten arglos von ihrer Flasche Club Mate. Das koffeinhaltige Trendgetränk soll beim HGB-Rundgang angeblich sogar den Säuglingen eingeflößt werden. Damit sie schon im Windelalter mitkriegen, was der nächste heiße Scheiß sein wird?

Kein Beleg für die "Leipzig ist ja so hip"-Behauptung bleibt bei der literarischen Bustour unüberprüft. Kurt Mondaugen, Mitautor des 2008 veröffentlichten Bilderromans "Moon over Plagwitz", ätzt beim Zwischenstopp auf der Karl-Heine-Straße über den Westbesuch: "Im Westen sitzen und sich selbst besuchen." Franziska Wilhelm bedauert in "Mein neues Viertel" ihren Umzug in die schicke Sebastian-Bach-Straße ("Kein Döner im Umkreis von 200 Metern"). Die Wohnungen im Musikviertel sind übrigens deshalb so groß und luxuriös, weil der Bürger im 19. Jahrhundert dem Adligen gleichgestellt werden sollte. Sebastian Ringel, an diesem Abend und auch im wirklichen Leben Stadtführer, kennt sogar die Zahl der damaligen Dienstboten rund um die Beethovenstraße. 2:1 - zwei Leipziger auf einen Dienstboten. Das klingt nach einem anstrengenden Alltag.

Eigentlich, so das Fazit nach fast drei Stunden Fahrt im Open-air-Bus, kann sich doch jeder nur glücklich schätzen, der nicht in einem In-Stadtteil wohnt. Oder, besser gesagt, noch nicht. Denn die nächste Hipster-Enklave formiert sich schon, warnt André Herrmann: "Der Sieger des Einkaufswagen-Rennens beim Schkeuditzer Straßenfest gewinnt eine Wohnung in Leutzsch!"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.06.2013

Verena Lutter

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