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Nicht fliehen – ankommen: „(Dis)connected“ im Neuen Schauspiel

Premiere Nicht fliehen – ankommen: „(Dis)connected“ im Neuen Schauspiel

Die Theatergruppe „bar oder ehda“ ist ein Theaterprojekt von und mit Geflüchteten und Schondagewesenen. Am Mittwoch hat sie im Neuen Schauspiel die berührende Premiere ihres Stücks „(Dis)connection“ gefeiert.

Das Leben hält viele Warteräume bereit. Die Gruppe „bar oder ehda“ hat aus der Bühne des Neuen Schauspiels einen davon gemacht.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. „Ich habe immer noch keinen Titel für dieses Stück.“ Etwas verloren dringt Len-Henrik Buschs Stimme aus der Mitte des Zuschauersaals. Gut gefüllt ist das Neue Schauspiel am Mittwochabend anlässlich der Gastspielpremiere „(Dis)connected“ der Theatergruppe „bar oder ehda“ des Vereins Interaction Leipzig.

Die Gruppe hat sich das Thema Diskonnektivität herausgesucht und mit acht Schauspielern bearbeitet: die vier geflüchteten jungen Männer Kenan Alabdallah, Wael Alhamed, Yasser Almarhe, Saad Yaghi und an ihrer Seite Daniela Döring, Anna Meyer, Annelie Richter und Len-Henrik Busch.

Im Prolog entwirft Busch erste Gedanken zu dem Motto, das den Abend prägen soll. Er muss erst in den engen Raum hineinfinden, füllt ihn mit seiner angenehmen Stimme und beschreibt seine Verlorenheit im Alltag der Selbstfindung, der Verlorenheit in sich, in heftigen Gesten. Dann ein akustischer Bruch – das eigentliche Stück beginnt.

Die acht Spieler schaffen eine typische Wartehallensituation: acht Stühle, ein Wasserspender. Aufgereiht sitzen sie da, klammern sich an ihr Hab und Gut. Pikachu-Rucksack neben Laptop neben Stricknadeln neben Smartphone neben Schöner-Wohnen-Magazin. Sie halten die Stille gut aus, das Nichtstunkönnen, das dieses Nebeneinanderherschweigen so unangenehm macht, bis ein Zuschauer mit beklommenem Kichern herausplatzt.

Frenetischer Applaus

Das steife Gespräch unter Fremden will nicht so recht in Gang kommen, Herkunft und Ziel sind nicht für jedermann Themen, die er gerne ausführlich behandelt. Aber die namenlosen Wartenden werden wärmer, tauschen sich über das Hier und Dort aus, ohne dass Regisseurin Constanze Burger in Schwarz-Weiß-Malerei verfällt. Es gibt kein Wir oder Ihr. Es gibt nur ein Ich und ein Du, einzig und allein die individuelle Geschichte. Sei es, dass man den Erwartungen des stressigen Alltags entfliehen will, dem Anderssein in der Heimat oder eben nicht flieht. Sondern ankommt.

Zwischendurch bricht Burger die Wartehallenszene auf, lässt Zäsuren mit assoziativen Szenen entstehen, die zwar Tiefe geben, aber auch verwirrende Sprünge schaffen, ganz nach dem Motto des Abends. Und die Amateure halten den Bogen ihrer Charaktere mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Textlich sehr berührend ist die Episode zur Frage „Wann ist ein Unbekannter unbekannt?“. Trotz deutlicher Akzente zeichnen die Nicht-Muttersprachler feine Wortspielereien und überzeugen auch in ihren Monologen in subtiler Emotionalität, ohne auf die Tränendrüse drücken zu müssen.

Der spürbare Zusammenhalt der Gruppe trägt den Abend auch durch ein paar textliche Längen und schafft in dem engen Zuschauersaal zusätzliche Nähe, die sich anschließend in frenetischem Applaus entlädt. Die Regisseurin sowie die Dramaturgin Laura Kröner haben ein ganz besonderes, behutsames Stück Amateurtheater geschaffen, das zum Nachdenken über den eigenen Weg und das Ankommen in der Fremde des Alltags anregt.

Weitere Aufführungen von „(Dis)connected“: 11. Oktober, 20 Uhr, Neues Schauspiel (Lützner Straße 29), Eintritt 10/7 Euro; 14. November, 20 Uhr, Theatrium (Alte Salzstraße 59), Eintritt 8/5 Euro

Von Katharina Stork

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