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19:30 15.02.2017
Stellan Skarsgård und Nina Hoss in Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“. Quelle: Berlinale/Franziska Strauss
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Berlin

„Glaube nie einer Geschichte, die dir ein Schriftsteller erzählt“, sagt der Schriftsteller Max und gluckst selbstgefällig in sich hinein. Okay, aber kann man einer Geschichte glauben, die ein Kinoregisseur erzählt?

Volker Schlöndorff sollte Max Frischs Erzählung „Montauk“ verfilmen, dieses „aufrichtige Buch“, wie es Frisch genannt hat, weil er darin mehr von seinem Leben (und den dazugehörigen Frauen) preisgibt als in jedem anderen. Schlöndorff hielt das Buch jedoch für unverfilmbar – und ersetzte den Stoff kurzerhand durch sein eigenes Leben. Er darf das. Frisch war ein Freund von ihm, er hat 1991 schon „Homo Faber“ ins Kino gebracht.

Es sei sein „persönlichster Film“ geworden, hat Schlöndorff bei der Berlinale gesagt, wo „Rückkehr nach Montauk“ gestern Abend Premiere hatte. Schlöndorff verweist dabei sogar auf das passende Kapitel seiner Autobiografie. Es heißt „Das Siebenundvierzigste“ und handelt von einem 47-jährigem Mann zwischen zwei Frauen an einem langen Wochenende in New York.

Letztlich kommt es aber nur auf eines an: dass sich die Geschichte auf der Leinwand wahr anfühlt. Daran arbeitet Schlöndorff anfangs aufdringlich. Schriftsteller Max ist nach Jahren wieder nach New York gekommen. Er liest aus seinem neuen Roman. Wir lauschen seiner eingängigen Stimme. Max spricht über das, was ein Menschenleben ausmache. Es seien die Dinge, die man getan habe und bereue, sowie jene, die man unterlassen habe und bedauere.

Schlöndorff hätte die Arbeit seinen Schauspielern überlassen können

Diese plakative Einstimmung ist überflüssig. Schlöndorff hätte seinem wunderbaren Schauspielertrio getrost die alleinige Überzeugungsarbeit überlassen können. Sehr bald spüren wir, dass Max (Stellan Skarsgård) in seinen Gedanken nicht nur bei seiner Freundin Clara (Susanne Wolff) ist. Da rumort eine andere Frau aus vergangenen New Yorker Tagen in ihm: Rebecca (Nina Hoss), der er wie ein Stalker nachstellt. Schließlich unternimmt er mit ihr einen Ausflug nach Montauk, wie ihn auch Max Frisch einst unternahm.

Eine bittere Reise in die Vergangenheit wird das, gefüllt mit Erinnerungen an verpasste Chancen, aber auch durchzuckt vom irrwitzigen Hoffnungen. Erstaunen, Unverständnis, Glück: All das spiegelt sich in den Gesichtern. „Rückkehr nach Montauk“ ist eine schmerzvolle Liebesgeschichte – aber auch ein Versuch über die Egozentrik der Männer. Und, ja, der Film fühlt sich so wahr an wie jede gut erfundene Geschichte.

Der Wahrheit noch näher kommen wollte Andres Veiel: Er hat den einzigen Dokumentarfilm in den Wettbwerb mitgebracht. In „Beuys“ kann man den Aktionskünstler Joseph Beuys noch einmal entdecken, von dem bei manchen wohl nur die Erinnerung an Filz und Fettecke geblieben ist. Doku-Spezialist Veiel – siehe „Black Box BRD“ über die RAF – holt den 1986 gestorbenen Beuys aus dem Archiv und präsentiert ein erstaunlich aktuelles Porträt.

Veiel erklärt nichts, Beuys soll sich selbst erklären. Dem Regisseur geht es um die Haltung des Künstlers. Zum allergrößten Teil ist der Film spielerisch aus Videos und Fotos komponiert. Jüngere Zuschauer dürften Schwierigkeiten haben, sich in das historische Umfeld hineinzufinden – aber auch für sie wird erkennbar, dass sich Beuys unermüdlich an der Erweiterung des Kunstbegriffs abarbeitet.

Sensationen schaffen, damit die Menschen zuhören

Der Mann mit dem Hut war ein Provokateur, aber nie um der Provokation willen. Er war ein Populist, aber im guten Sinne: Er wusste, dass es immer neue Sensationen braucht, damit die Menschen zuhören. Deshalb unterhielt er sich mit einem Kojoten in New York, deshalb pflanzte er 7000 Eichen in Kassel, und deshalb ließ Professor Beuys 400 Studenten in seiner Klasse zu und nicht nur zehn, wie es die Düsseldorfer Kunstakademie verlangte.

Beuys wollte jeden Einzelnen anstacheln, sich einzumischen. Und egal, welcher Shitstorm sich gerade über den Kunstrebellen ergoss: Er lachte die Aggressionen einfach weg. „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen?“, fragt er in dieser Hommage, in der allerdings für kritische Distanz kein Platz ist.

Nach dieser Doku kann man in Berlin ins Museum Hamburger Bahnhof gehen. Dort hängt Beuys` Filzanzug. Man weiß nun ein bisschen mehr über den Menschen, der darin steckte.

Von RND/Stefan Stosch

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