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Nimm mich!: Mehrere Städte buhlen um den neuen SWR-„Tatort“ – nicht immer in Würde

Nimm mich!: Mehrere Städte buhlen um den neuen SWR-„Tatort“ – nicht immer in Würde

Sie sind Bürgermeister einer mittelgroßen Stadt im Südwesten? Sie haben die Nase voll davon, dass ihre Kommune nur null- bis einmal pro Jahr in überregionalen Medien auftaucht? Sie wollen mit erhöhter Medienpräsenz den Tourismus ankurbeln und setzen dabei nicht länger nur auf historisch bedeutsame Wassertürme, ortstypische Alkoholika und Backwaren sowie Ihre ganz persönliche Strahlkraft? Dann machen Sie doch mit beim großen Wettbewerb „Unser Dorf soll ,Tatort‘ werden“.

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Im Dezember hat der Südwestrundfunk (SWR) das Aus für den Bodensee-„-Tatort“ verkündet. 2016 ermittelt Eva Mattes (60) nach 14 Jahren zum letzten Mal. Die Nachricht lässt überall in Baden-Württemberg regionale Blütenträume ins Kraut schießen: In Freiburg, Baden-Baden, Bad Wilbad, Ulm, Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg, Biberach, Heiden- heim sowie im schönen Leutkirch (20 000 Einwohner) stellen sich hoffnungsfrohe Bürgermeister vor Mikrofone und preisen die Krimi-tauglichkeit ihrer Heimat. In Karlsruhe zum Beispiel meldete Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) beim SWR sein Interesse an.

Eine Rathaussprecherin machte schon mal Nägel mit Köppen: „Wir sind zuversichtlich.“Die Konkurrenz allerdings schläft nicht: Mannheim und Heidelberg ziehen als Zwillings-Standort gemeinsam ins Feld und versichertem dem SWR in einer durch und durch gravitätischen Depesche: Die gesellschaftspolitische Dimension des ,Tatorts‘“ könne in beiden Städten „zu einer neuen Relevanz gelangen“. Heidelberg verfüge über eine „geradezu mediterrane Lebensqualität“ am Ufer des Neckars unter den bewaldeten Gipfeln des Odenwalds, Mannheim atme die Luft einer Großstadt „mit beeindruckender Industrie- und Erfindergeschichte“ und wandle sich „in rasendem Tempo zu einer internationalen Kreativ ...“ und so weiter und so fort.

Ludwigshafen ist bereits „Tatort“-Schauplatz

Schönheitsfehler: Mannheims Nachbarstadt Ludwigshafen ist bereits „Tatort“-Schauplatz. Dafür habe Heidelberg bereits Erfahrungen als Drehort, gemahnt die lokale Presse. Zum Beispiel im Film „Heidelberger Romanze“ von 1951 mit der jungen Liselotte Pulver. Unvergessen. Oder zuletzt 1997 in der Ingrid-Noll-Verfilmung „Die Apothekerin“ mit Katja Riemann – einem Werk, das allerdings für Einheimische irritierende Details enthielt: „Die Untere Straße wird als Ausfallstraße dargestellt, und die Seppich-Waschstraße dient als Torbogen zum Neckarstrand.“ Da müsste das „Tatort“-Team dann natürlich präziser arbeiten.

In Ulm hat Oberbürgermeister Ivo Gönner mit sieben Landtagsabgeordneten und drei Landräten ebenfalls ein Werbeschreiben an den SWR und diverse Gremien verfasst. Die Herren verweisen auf die hohe Zahl von Ulmer Sonnenstunden und den „sprichwörtlichen Nebel“ an Donau und Iller. „Unsere Region von Ostwürttemberg bis Oberschwaben eignet sich hervorragend als Kulisse“, bettelt das lokalpatriotische Team. Die Rede ist außerdem von „modernen Wissenschaftsstandorten, gelebter Tradition, Landwirtschaft und Brauchtum“. Seit 2014 ist Ulm gar Sitz eines neu geschaffenen Polizeipräsidiums, zuständig für die Landkreise in Ostwürttemberg. Das erhöht die Chancen, denn SWR-Fernsehfilmchefin Martina Zöllner sagt: „Realistischerweise muss die ,Tatort‘-Stadt ein Polizeipräsidium haben.“

Die Lokalpresse in Oberschwaben tut ihr Möglichstes, den Traum vom Ulmer, Biberacher oder Ravensburger „Tatort“ am Leben zu erhalten. Ein prominenter Fürsprecher, so heißt es, sei Horst Lettenmayer („Ich würde es auf jeden Fall begrüßen“). Dem 73-jährigen Biberacher ist die Kompetenz nicht abzusprechen – ihm gehören schließlich die Beine und Augen, die seit 1970 im „Tatort“-Vorspann zu sehen sind. Der Ravensburger Regisseur Jürgen Bretzinger glaubt nicht an den Standort Ulm, denn es liege zu nah an Stuttgart („Und was ist in Ulm so viel anders als in Stuttgart?“). Der Intendant der Biberacher Filmfestspiele verweist nicht ganz ohne Stolz darauf, dass Ulm und Neu-Ulm sogar über ein „Rotlichtmilieu und eine Islamistenszene“ verfügten – „aber das würde vermutlich nur für wenige Filme ausreichen“. Sein Favorit: Freiburg.

Leutkirch mit Außenseiterchancen

Eher mit Außenseiterchancen hat sich Leutkirch ins Rennen begeben. Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle gibt in der „Schwäbischen Zeitung“ zwar zu, „dass Verbrechen auf den ersten Blick jetzt natürlich nicht zu uns passen“. Aber: „Wir haben Märchenschlösser wie Rimpach und Zeil und das Glasmacherdorf Schmidsfelden oder den Bockturm“ – sowie „Allgäuer Bräuche wie das Gesundbeten, das Räuchern, die Raunächte und das Funkenfeuer, das würde dem ,Tatort‘ ein spezielles Flair geben“.

Und im Rathaus gebe es im historischen Sitzungssaal ein Engelbild, „da könnte man einen Mord mit dem Titel ,Abschied unter Engeln‘ konstruieren“. Immerhin: Frank Plasberg sei ehemaliger Leutkircher. Als Kommissare könne er sich „George Clooney oder Brad Pitt“ vorstellen. Beim SWR sieht man derlei Bemühen eher zurückhaltend. Bewerbungen hätten gar keinen Zweck, sagt Zöllner. „Die Entscheidung fällt nach dramaturgischen Gesichtspunkten.“ Der SWR prüfe im Moment Städte, Regionen, Drehbuchideen und Ermittler-Konstellationen. Groß müsse eine „Tatort“-Stadt nicht sein. Leutkirch darf noch hoffen.

Imre Grimm

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