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"No homo, verstehste!": Rapper-Darsteller Bushido im Kohlrabizirkus

"No homo, verstehste!": Rapper-Darsteller Bushido im Kohlrabizirkus

So was kann man sich gar nicht ausdenken: "Geile_Ferkel_Sau" heißt das WLAN-Netzwerk im Kohlrabizirkus und spätestens, seit man das weiß, ist einem nichts mehr peinlich an diesem Samstagabend, der eine Art HipHop-Konzert-Simulation mit dem Rapper-Darsteller Bushido ist.

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Das Bild stammt aus einem Bushido-Konzert im Haus Auensee im Mai 2011. Im Kohlrabizirkus durften wir am Samstag nicht fotografieren, "da das Management keine Presse wünscht", wie wir erfuhren. Dass sich unser Autor ein Ticket kaufte, war freilich nicht zu verhindern.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Bushido ist - das sagt er ja auch immer wieder, wenn ihm noch irgendjemand ein Mikrofon hinhält - eigentlich ein ganz Lieber. Die fünf, sechs Rollstuhlfahrer, die im Kohlrabizirkus etwas enttäuscht sind, weil es aber auch so absolut gar keine Rolli-Tribüne gibt, lässt er einfach hinter, in den Bühnenbereich, wo sie natürlich einen ganz exklusiven Blick haben. Und vermutlich sogar über die Monitor-Anlage der Künstler auch noch einen halbwegs vernünftigen Sound. Der ist heute unbezahlbar. Dass der Klang im Rund unter der riesigen Kuppel etwas - sagen wir mal - schwierig sein würde, weiß man auch, wenn man keine Ausbildung als Tonmann gemacht hat.

Die Mühe, das für dieses Konzert irgendwie in den Griff zu bekommen, hat sich niemand gemacht. Der Nachhall ist also grauenhaft dominant und so etwas wie ein ernsthafter musikalischer Anspruch per se erledigt. Aber wen interessiert das schon? Um Musik geht es heute ganz bestimmt nicht. Und ein bisschen müssen einem dieser Bushido und seine Crew fast sogar leid tun, zumindest nach den auch hier geltenden Regeln der vor allem Groupie-relevanten ersten Reihe bei Popkonzerten: Wenn betont männlich auftretende Musiker, die in ihren Songs gern darüber rappen, dass sie möglichst junge Frauen möglichst anal penetrieren, eine erste Reihe vor sich haben, die überwiegend aus äußerst unansehnlichen mitgrölenden Halbstarken besteht - darf man das ausgleichende Gerechtigkeit nennen?

"Ihr seid die Geilsten, danke Leipzig." Leipzig und Leipziger findet Bushido trotzdem ganz toll. Das sagt er andauernd und so penetrant, dass man meinen könnte, für jede Erwähnung des Wortes würde ihm das Stadtmarketing einen Euro überweisen. Da stört es nur marginal, dass hier der Leipziger an sich deutlich in der Minderheit ist. Man kann das an den Nummernschildern der Autos auf dem Parkplatz sehen und daran, dass ganz genau null Fahrräder vor der Halle stehen. Voll ist die gerade mal zu einem Viertel, das sieht nicht nur peinlich aus, sondern verstärkt das Sound-Problem nochmal ganz drastisch. Die, die da sind, machen aber ordentlich Lärm, wenn sie darum gebeten werden, und halten ansonsten bevorzugt ihre Handykameras hoch oder ihre Hand. Mit der den Beat mitzuwinken, gehört zu den Ritualen, die man über HipHop halt so lernt bei Youtube.

Vorn auf der Bühne stehen Bushido und sein wie immer bestens frisierter aktueller Protegé Shindy. "Guter Freund, no homo, verstehste!". Auf diese Klarstellung legt Bushido denn doch besonders Wert. Im Sommer sorgten sie mit dem inzwischen indizierten homophoben Gewaltfantasie-Song "Stress ohne Grund" für einen sauber geplanten Skandal. Zwei Rapper und ein DJ: Das ist das klassische HipHop-Oldschool-Modell, das heutzutage auch noch den Vorteil hat, auf Tour nicht besonders teuer zu kommen. Bei Bushido aber wirkt selbst das nur wie eine Inszenierung für das von HipHop-Kultur gänzlich unbeleckte Publikum in seinen Bench- und Hollister-Klamotten. Gute Rapper sind die beiden ohnehin nicht, weder als Texter noch als Präsentatoren ihrer jede Sprachraffinesse strikt meidenden Billig-Reime. Auch der "DJ" hat wenig anderes zu tun, als die Playbacks abzuspielen und gelegentlich mal ein Scratching einzustreuen. Sogar der als Geschäftsgrundlage fungierende "Ghetto Gangsta"-Habitus spielt keine Rolle. Warum bei diesem Konzert Presse offiziell unerwünscht ist, kann man absolut nachvollziehen.

"Panamera Flow" ist nach knapp zwei zähen Stunden mit ermüdend vielen Zwischenansagen der Höhepunkt der Show, die letzte Zugabe. Es ist eine sinnentleerte Statussymbol-Aufzählung, mit der man sonst vielleicht 13-Jährige beeindrucken kann. Von denen ist kaum einer hier, der Jubel im Kohlrabizirkus ist trotzdem groß. Gottseidank, möchte man fast sagen, fahren die gleich alle wieder weg. So, wie Bushido auch.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.10.2013

Jörg Augsburg

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