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Kultur Nur scheinbar ungewöhnlich: Vier behinderte Punkmusiker vertreten Finnland beim ESC
Nachrichten Kultur Nur scheinbar ungewöhnlich: Vier behinderte Punkmusiker vertreten Finnland beim ESC
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23:23 07.04.2015
Von Imre Grimm
Vier behinderte Punkrocker vertreten Finnland beim 60. ESC. Quelle: ORF (Symbolfoto)
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Das hier sieht aus wie Punk. Und es hört sich an wie Punk. Es hat die Was-wollt-ihr-denn-Attitüde von Punk. Es strahlt in jeder Sekunde die Botschaft aus: „Ich bin behindert, aber das ist mir scheißegal, und das sollte es euch auch sein.“

Kari Aalto, 39 Jahre alt, ist Sänger und Texter der finnischen Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät (kurz: PKN). Das heißt übersetzt „Pertti Kurikans Namenstag“ und ist so ziemlich das Originellste, was Finnland seit den schröcklichen Monsterrockern von Lordi popkulturell hervorgebracht hat. Drei der vier Musiker haben das Downsyndrom, einer ist Autist. An der Gitarre: Pertti Kurikka (58), Punkfan seit 30 Jahren, Kirchgänger, Komponist und Organist, Autor von Horrorgeschichten. Am Bass: Sami Helle (42), in Boston, New York und der Karibik aufgewachsen. Am Schlagzeug: Toni Välitalo (30), Schlagerfan und der Benjamin der Truppe. Im Mai wird das wüste Quartett Finnland beim Eurovision Song Contest in Wien vertreten – mit dem 90-Sekunden-Song „Aina mun pitää“ (deutsch: Ich muss immer). Darin steckt der ganze Zorn über ein Leben mit Stigma. Punk ist für sie Flucht vor falschem Mitleid und Unterforderung, ein Befreiungsakt gegen die Ablehnung einer Gesellschaft, die vom Anderssein überfordert ist, ein Druckventil zwischen Rebellion und Abhängigkeit.

Im preisgekrönten finnischen Dokumentarfilm „The Punk Syndrome“ von 2012 erzählen die Filmemacher Jukka Kärkkäinen und Jani-Petteri Passi die Geschichte der Band. 2009 tauchte Kurikka in einem Workshop von Sozialarbeiter Kalle Pajamaa auf. Der schlug vor, eine Band zu gründen. Gleich die erste Demoaufnahme „Kallioon!“ wurde zum Soundtrack des finnischen Filmdramas „Vähän kunnioitusta“ über ein junges, behindertes Mädchen, das sich nach Selbstbestimmung und Normalität sehnt. Für PKN war es der Durchbruch. Schnell wuchs die Fangemeinde auch außerhalb der Behinderten-Community. Pajamaa gilt heute als inoffizielles „fünftes Mitglied“ der Band, er ist Manager, Arrangeur, Problemlöser – quasi Brian Epstein und George Martin in Personalunion.

Nun also: der ESC. Am 19. Mai müssen Pertti Kurikan Nimipäivät das Halbfinale überstehen, dann treten sie am 23. Mai auch im Finale an. Und warum denn auch nicht? Der Wunsch nach Autarkie und Ausbruch ist universal. PKN ist keine schrullige Exotenkapelle und schon gar kein plumpes Marketinginstrument kaltblütiger Erregungsökonomen zur Erzeugung von Aufmerksamkeit. PKN ist ein Akt der Emanzipation, ein Lichtstrahl der Normalität in einem Meer von Künstlichkeit. Denn was bitte ist an rumänischen Discomäusen mit eingefrorenem Lächeln „normaler“ als an ein paar rumpeligen finnischen Punkmusikern, die zufällig das 21. Chromosom dreifach besitzen? Textlich taucht PKN tief ein in die Lebenswirklichkeit am Gesellschaftsrand. „Ich will etwas Respekt und Gleichheit in meinem Leben“, fordert Kurikka in einem seiner Lieder. Im Film zeigt Schlagzeuger Toni Välitano stolz auf sein T-Shirt. „Perkele!“ steht da. „Gottverdammt!“ Sie streiten, sie hadern, sie vertragen sich, sie machen Musik.

Es ist nicht die erste Band von Behinderten, seit Jahren hat etwa die Hamburger Rockband Station 17 Erfolg, gegründet 1988 von Bewohnern der Wohngruppe 17 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Aber PKN ist musikalisch auffällig gut. Der ESC ist schließlich kein Wettbewerb für Lebensentwürfe. Auch Conchita Wurst gewann, weil sie gut war, nicht weil sie bärtig war oder anders. „Es ist ein Segen, dass sie dabei sind“, sagt einer, der sich auskennt mit Tatkraft und Träumen von Behinderten.

Guildo Horn, unvergessener Grand-Prix-Erneuerer und oberster Entstaubungsbeauftragter, seit 30 Jahren Vermittler zwischen den Welten. Er wurde 1998 beim ESC Siebter mit „Guildo hat euch lieb“. Die Teilnahme von PKN sieht Horn auch als politisches Statement: „Endlich können geistig Behinderte auf der europäischen Bühne mal zeigen, wo der Hammer hängt.“ Es werde so viel über Inklusion gesprochen – Entertainment könne helfen, auch die ins Boot zu holen, die noch nie mit Behinderten zu tun hatten. „Man wird sehen: Das tut nicht weh, das tut sogar gut.“

Im Grunde, sagte Sänger Aalto mal, sei die Sache mit der Band, von der Europa in diesem Frühling sprechen wird, doch ganz simpel: „Es geht um einen Idioten, der Punk singt, und drei andere Idioten, die Punk spielen.“ So einfach kann das sein.

Imre Grimm

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