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Österreicherin Maja Haderlap gewinnt in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis

Österreicherin Maja Haderlap gewinnt in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis

Die Österreicherin Maja Haderlap hat gestern den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Sie setzte sich beim Lesen um einen der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum in Klagenfurt gegen 13 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durch.

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Preisträgerin Maria Haderlap.

Quelle: dpa

Klagenfurt. Weitere Preise gingen an Steffen Popp, Nina Bußmann und Leif Randt, das Publikum entschied sich für Thomas Klupp.

Als hätte er es geahnt. Sicher hat er es gehofft: „Schreiben, ernsthaftes und existenzielles Schreiben, hält sich in Gebieten auf, in denen es weh tut und wo dieses Schreiben etwas Notwendiges und Unausweichliches wird“, sagte der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer in seiner Rede zur Eröffnung der 35. Tage der deutschsprachigen Literatur am vergangenen Mittwoch und sprach auch von einem Kampf mit „unseren Widerständen und Verdrängungen“. Auf einige der Autoren trifft dies zu, auf Maja Haderlap besonders.

Eingeladen von Jurorin Daniela Strigl liest sie einen Auszug aus ihrem Roman „Engel des Vergessens“, der heute im Wallstein Verlag erscheint. Ihre erste Sprache, ihre „Affektsprache“, sei übrigens Slowenisch, sagt Haderlap, die einige Jahre Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt war. Für ihren autobiographisch gefärbten Text hat sie die Geschichte ihrer Familie im Wald ihrer Kindheit ausgegraben und, wie Strigl in ihrer Laudatio betont, „damit auch die Toten“. Es sind Tote, über die in Österreich lange geschwiegen wurde, denn es geht um den Partisanen-Kampf der Kärntner Slowenen gegen die deutsche Wehrmacht, ein „in der Literatur kaum beschriebenes Blatt“.

Haderlap erzählt die Geschichte auf drei Ebenen, erinnert heute an die Zeit der Kindheit, als Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit sich zu Bildern fügten. Hier öffnet der Wald einen Geschichtsraum und überwuchert gleichzeitig alles. „Ich überlege während des Aufstiegs durch den Wald, ob ich in meinem Kinderkörper bleiben sollte oder über mich hinauswachsen möchte, und bleibe an diesem Tag in meinem kurzen Rock, in den Baumwollstrumpfhosen und in den Gummistiefeln stecken.“

Nicht nur das Thema, auch die Umsetzung hatte es den Juroren bereits am zweiten Lesetag angetan. Als einen makellosen, nostalgischen Text mit großem Sprachfluss lobt ihn Alain Claude Sulzer, Paul Jandl überzeugen die feinen sprachlichen Nuancen.

Im bei geringer Einhelligkeit aufwendigen Wahlverfahren, nötig ist die absolute Mehrheit, liefert sich Haderlap ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Steffen Popp. Auch er versucht, Geschichte und Geografie literarisch zu verbinden, in dem er der „Spur einer Dorfgeschichte“ folgt und dabei selbst eine neue Spur zieht. „Das Dorf hat Flügel, sitzt auf dem Gebirgsrücken wie ein Vampir. Nachts überfliegt es die Wälder, riesiges Schwarz, mit kleinen Lichtinseln, schimmernden Kugellampen.“

Dafür bekommt Popp den Kelag-Preis, verbunden mit 10 000 Euro und – zur sichtlichen Überraschung des Autors – einer Lesereise. Dass der Erzähler sich als ein Angesprochener, als ein Du begreift, hat Laudatorin Meike Feßmann für den Text eingenommen, den Rest der Jury allerdings weniger. Deren Vorsitzende Burkhard Spinnen sieht den „Leser zum Analytiker der Machart des Textes reduziert“, Hubert Winkels empfindet ihn als „halbfertig“, Hildegard Keller konstatiert „einen großen Eigensinn“. Popp, der unter anderem am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, kommt wie Haderlap von der Lyrik. Beider Texte sind von einer sprachlichen Dichte, dass man sie sich regelrecht erarbeiten muss.

Nach mehr oder minder kontroversen Diskussionen an den Vortagen gibt es zum Schluss nur noch lobende Worte für die sieben Autoren der Shortlist, aus der die Jury vier Preisträger ermittelt. Das Geld werde sie gut brauchen können, sagt wenig charmant Redaktionsleiter Hubert Novak, als er Nina Bußmann den 3sat-Preis (7500 Euro) überreicht, den sie für ihre Beschreibung eines beklemmendes Lehrer-Schüler-Verhältnisses erhält. Mit gemischten Gefühlen hat vielleicht Linus Reichlin den alternativen Preis der Automatischen Literaturkritik entgegengenommen. Pluspunkte vergibt riesenmaschine.de etwa in den Kategorien „automatische Waffen“ und „Vögel, die keine Rabenvögel sind“.

Am Samstag, dem dritten und letzten Lesetag, kommen sie endlich: die ironischen und somit auch publikumswirksamen Beiträge. Leif Randt und Thomas Klupp bringen – vor und nach Michel Božikovic’ Kroatien-Kriegs-Text und Anne Richters Rückkehr in die Kleinstadt der Kindheit –  Leichtigkeit in den Live-Lese-Marathon.

Randt, der 2010 den MDR-Literaturpreis gewann, schreibt gekonnt ironisch über die Bedrohungen in einer Wellness-Welt der nahen Zukunft und verteilt Seitenhiebe gegen den Literaturbetrieb: „Als Agent für junge Literatur sind meine Klienten teilweise noch minderjährig, ich streiche in ihren Texten Fehler an und verhandle später mit Verlagen über Vorschüsse und Royalties.“ Der Auszug macht neugierig auf den ganzen Roman. „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ erscheint im August im Berlin Verlag, in Klagenfurt gibt es den Ernst-Willner-Preis und 7000 Euro.

Randt wäre Publikumsliebling geworden, hätte nicht zuguterletzt Thomas Klupp den Romanauszug „9to5 Hardcore“ gelesen, in dem er sich Internet-Pornografie widmet und den Wissenschaftsbetrieb parodiert. Das ist zunächst sehr witzig, dann allerdings ermüdend. Die Leidenschaft für Literatur ist teilbar, die Meinungen sind es nicht immer.

Janina Fleischer

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