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Kultur Oh, nein: Yes brechen ihr Leipziger Konzert ab, weil der Sänger die Stimme verliert
Nachrichten Kultur Oh, nein: Yes brechen ihr Leipziger Konzert ab, weil der Sänger die Stimme verliert
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18:54 29.05.2014
Sein Tambourin-Spiel war nicht beeinträchtigt: Jon Davison zwischen Geoff Downes und Chris Squire im Haus Auensee. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Und das, obwohl sie "dem größten Yes-Fan in Deutschland" gehört, wie Heinz Rudolf Kunze über sich selbst sagt.

Ein paar Minuten zuvor hat der Musiker, der hier zuletzt im Januar selbst auftrat, aber nun als Zuschauer in der Halle war, noch spontan eine undankbare Aufgabe übernommen: den ratlosen Anhängern von der Bühne aus auf Deutsch zu erklären, was da soeben vor sich gegangen ist. Warum die wegweisende Progrock-Band der ersten Stunde statt der versprochenen drei vollständigen Alben nur die A-Seite ihres Konzeptwerks "Close To The Edge" von 1972 und eine instrumentale Zugabe aufgeführt hat: weil Sänger Jon Davison auf einmal nicht mehr bei Stimme sei.

"Ich bin genauso Yes-Fan wie ihr", sagt Kunze, "und genauso enttäuscht. Ich möchte mich im Namen der Band noch mal bei euch entschuldigen." Dass der Auftritt, wie er andeutet, vielleicht schon diesen Sonntag nachgeholt werde, ist nach Angaben der Konzertagentur Mawi mittlerweile jedoch unwahrscheinlich. "Aber wir suchen intensiv nach einer Möglichkeit, dass Yes bald nach Leipzig zurückkehren", sagte gestern Agenturchef Matthias Winkler, der darüber hinaus Kunzes Manager ist.

Am Abend zuvor schien um 20.26 Uhr die Yes-Welt noch in Ordnung zu sein. Zu einem pompösen Orchester-Intro aus der Konserve, zu auf eine Leinwand projizierten Plattencovern, Magazin-Titelbildern, Konzerttickets aus 46 Jahren Band-Geschichte hüpfen vier langhaarige Mitt- bis Endsechziger und ihr 43-jähriger neuer Sänger geradezu jungenhaft in den Saal. Mit einem grandiosen Klang-Durcheinander wie dem von "The Solid Time of Change", Teil eins des 20-minütigen Epos "Close To The Edge", würde jede andere Gruppe ihr Publikum vor den Kopf stoßen. Aber ein Yes-Fan alter Schule erwartet genau das.

Abgesehen von drei "Ahhhhs" und einem "Dabdab" dauert es fast vier Minuten, bis Davison mit den ersten Zeilen dran ist. Von einer betagten Hexe, die ihn aus den Tiefen der Ungnade befreien könne, hat er zu singen - und eigentlich meistert er die verqueren Melodien in ihrer schwierigen Rhythmik ebenso wie in der knabenhaften Höhe, die nunmal ein Yes-Markenzeichen sind. Recht hübsch auch gelingen ihm, Gitarrist Steve Howe und Bassist Chris Squire bald der ruhige, mehrstimmige Chor in Kapitel drei des Lieds ("I Get Up I Get Down"). Davison sowie Schlagzeuger Alan White und Keyboarder Geoff Downes jedenfalls strahlen. Die mürrischen Züge von Howe und Squire könnten auch als konzentriert durchgehen.

Der Jubel ist groß im Haus Auensee, als das Werk vollbracht ist. Squire und Downes setzen zum nächsten Streich an, als Howe um Verzeihung bittet. "We love you", sagt er zu den Zuschauern, aber sie mögen die Band bitte für fünf Minuten entschuldigen. "Wir müssen kurz klären, ob wir heute Abend fit genug sind, für euch zu spielen." Spricht's und verschwindet. Seine Kollegen machen einen verwunderten Eindruck, als sie ihm folgen.

Kurz darauf ist es wieder Howe, der voranschreitet. Von einem "medizinischen Problem außerhalb unserer Kontrolle", spricht er. "Den Rest erklärt Chris." Ja, äh, ergänzt Squire, "wir hoffen, dass wir das Konzert kommende Woche nachholen können. Aber heute Abend hält Jons Stimme nicht." Weil ihnen das sehr leid tue, fährt Howe fort, "bleiben wir noch fünf Minuten" - und spielen, was eigentlich als Zugabe gedacht war. Davison schrammelt auf einer Akustikgitarre, die anderen vier dürfen sich nacheinander in Soli empfehlen.

Abgang und Auftritt Kunze - doch auch danach findet die Erkenntnis, dass es das wohl gewesen ist für heute, nur langsam ihren Weg von den Köpfen in die Beine der Besucher. "Sind alles bloß Menschen", stellt ein langjähriger Fan namens Klaus Werner fest. Der 58-Jährige aus Eisenberg hat sich mit Freunden aus Chemnitz und dem Erzgebirge in Leipzig getroffen - für knapp eine halbe Stunde Yes. Nur ein paar Anhänger, deren VIP-Ticket ein Treffen mit der Gruppe beinhaltet hätte, sind richtig sauer. Enttäuscht sind sie alle.

Hinter der Bühne lächelt Davison unentwegt, vielleicht aus Nervosität, vielleicht nur, weil er ein freundlicher Mensch zu sein scheint. "Ach, keine Sorge, meine Stimme wird schon wieder", beruhigt er. "Ich darf sie jetzt nur nicht benutzen." Was schwierig wird, immerhin stehen in den kommenden sieben Tagen fünf Konzerte in Prag, Bratislawa, Warschau, Aarhus und Oslo im Plan. Ob es Davison wirklich aufmuntert, als ihm Heinz Rudolf Kunze erklärt, dass wohl nur der ursprüngliche Sänger Jon Anderson durch eine Laune der Natur die Gabe erhalten habe, diesen hohen, klaren Gesang auf endlosen Touren durchzuhalten? Auch die Stimme des bald 70-jährigen Anderson soll inzwischen futsch sein, aber von dem Gerücht will Davison nichts gehört haben.

Unter den Enttäuschten aber ist Kunze der Glückliche. Mit 13 sei er 1969 in seinem Osnabrücker Kinderzimmer mit dem ersten Lied "Beyond and Before" der Yes-Debütplatte zum Fan geworden. "Ich erzähle ja gern, alles erreicht zu haben und aufzuhören, sobald ich einmal bei The Who Tambourin spielen darf", sagt er und lacht: "Yes zu entschuldigen, kommt dem aber schon sehr nahe."

Als mögliche Nachholtermine wurden bis gestern der 1. oder 7. Juni genannt. Aktuelle Informationen auf www.mawi-concert.de und der Facebook-Seite von Mawi sowie lvz-online.de. Wer sein Ticket zurückgeben möchte, dem wird der Kaufbetrag an der Vorverkaufsstelle erstattet, an der er die Karte erstanden hat.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.05.2014

Mathias Wöbking

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