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"Ohne Arbeit kann ich nicht leben" - Choreograph Dietmar Seyffert wird 70

"Ohne Arbeit kann ich nicht leben" - Choreograph Dietmar Seyffert wird 70

Mit seiner Vitalität, Ironie und Nachdenklichkeit scheint er dem Alter Paroli zu bieten: Dietmar Seyffert, der am morgigen Sonntag 70 Jahre alt wird. Wer den ehemaligen Tänzer, heutigen Choreographen und Regisseur trifft, begegnet einen Mann, der voller Ideen steckt.

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Dietmar Seyffert (M.) bei der Probe zum "Feuervogel" Mitte der 80er Jahre im Ballettsaal der Oper Leipziger Oper; mit Jörg Simon (l.) und Jörg Lukas.

Quelle: Andreas Birkigt

In Deutschland hat er sich inzwischen rar gemacht, sieht man von seiner Professur an der Internationalen Dance Academie Berlin ab. "Ich choreographiere und inszeniere lieber im Ausland. Ohne Arbeit kann ich nicht leben, und dort wird sie geschätzt und geachtet", sagt Seyffert. Mehr als 30 Länder sind es inzwischen, in denen der Künstler rund um den Globus wirkt. In Vancouver hat er jüngst Mozarts "Cosi fan tutte" inszeniert.

Neben einer Gastprofessor in Moskau choreographierte Dietmar Seyffert am Bolschoi-Theater und führte Regie in Sankt Petersburg: Brechts "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe". In den kommenden Wochen wird er wieder in Perm, der Balletthochburg am Ural, arbeiten. "In Russland werden Ballett und Tänzer geschätzt und gefördert. Das Publikum liebt sie. Zeitgenössische Komponisten sind wichtige Partner der Choreographen. Es ist immer wieder anregend und beglückend. Inzwischen werden die Tänzerinnen und Tänzer auch gut bezahlt, so dass sie nicht mehr ins Ausland abwandern." Und was wird er auf die Bühne bringen? "Es geht im Ballett doch immer wieder um Liebe und Tod."

Dietmar Seyffert, der in Reichenberg, dem heutigen tschechischen Liberec, geboren wurde, hat nicht nur bei Palucca in Dresden, an der Leipziger DHfK sondern auch in Moskau studiert. Der Choreograph, der seine Laufbahn an der Deutschen Staatsoper Berlin begann, und dann 1978 nach Leipzig wechselte, bekommt heute noch glänzende Augen, wenn er als Nachfolger von Emmy Köhler-Richter an die Zeit im Haus am damaligen Karl-Marx-Platz denkt. "Ich hatte viele Freiheiten. Während an der Staatsoper immer noch jemand das allerletzte Wort hatte, ließ Generalintendant Karl Kayser mich und auch die anderen jungen Leute arbeiten. Nicht selten sagte er, ,macht euren Mist alleine'. Und wenn dann doch mal etwas schiefging, stellte er sich dank seines breiten Rückens als ZK-Mitglied vor uns."

Unvergessen ist hier Seyfferts furiose Choreographie von Strawinskys "Sacre du Printemps", eine Sternstunde modernen Balletts. Amüsant war Daubervals "Schlecht behütete Tochter" mit einer entzückenden Marina Otto, einem überragend springenden Hans-Georg Uhlmann und Meistertänzer Norbert Thiel. In guter Erinnerung bleibt auch die in Zusammenarbeit mit Regisseur Günter Lohse überaus erfolgreiche DDR-Erstaufführung von Bernsteins "West Side Story". In dieser Inszenierung fügten sich Schauspieler aus der Bosestraße, Musicalakteure aus Lindenau, Sänger und Tänzer des Opernhauses sowie Studenten zu einem Ensemble. Viele der Mitwirkenden standen am Anfang ihrer Karriere: Dagmar Schellenberger ist heute Intendantin der Seefestspiele Mörbisch, Dirk Vondran lehrt als Prorektor der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy". Auch Schauspielerin Manon Straché oder der von Seyffert geförderte junge (auch singende) Tänzer Mario Schröder, der jetzt Leipzigs Ballettcompagnie leitet, machten 1984 auf sich aufmerksam.

"Ich freue mich, dass Mario nach seiner erfolgreichen Tänzerkarriere ein anerkannter Choreograph geworden ist und wünsche ihm, dass es ihm gelingen möge, neben dem modernen Tanz auch das klassische Ballett im Repertoire des Leipziger Opernhauses zu etablieren", sagt sein einstiger Förderer.

Wenn heute in Deutschland der Name Seyffert auftaucht, ist das meist in Verbindung mit Sohn Gregor, der an der Berliner Ballettschule und an der Schauspielschule "Ernst Busch" als Professor lehrt sowie mit fulminanten Tanzspektakeln über de Sade oder im Juli in Leipzig über den Jubilar Richard Wagner auf sich aufmerksam macht. Vater Dietmar Seyffert schreibt gerade in russisch ein drittes Buch über Bewegung, Rhythmus, Psyche und die Vielfalt der Möglichkeiten des Tanzes. In Russland, sagt er, "ist das vielgelesene Literatur, die hierzulande niemanden interessiert".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2013

Rolf Richter

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