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Onkelz-Songwriter Stephan Weidner: „Wir sind angekommen“

Onkelz-Songwriter Stephan Weidner: „Wir sind angekommen“

Mit „III“ veröffentlicht Stephan Weidner (49) alias Der W eines der härtesten Alben seiner langen Karriere und knöpft sich die zahllosen Onkelz-Kopierer vor.

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Stephan Weidner und ein Bandmitglied auf der Bühne. (Archivfoto)

Quelle: Kay Kölzig

Leipzig. Sehr oft werde sich mit fremden Federn geschmückt. Bands kokettierten mit Härte - ohne selbst zu wissen, worum es sich dabei überhaupt handelt.

Frage

: Du hast deine Tour auf das Frühjahr verschieben müssen. Das Wichtigste deshalb vorab: Wie geht es dir?

Stephan Weidner:

Wie man so schön sagt: Den Umständen entsprechend. Ich hatte vor zwei Jahren einen schweren Mountainbike-Unfall. Dabei war mein Unterarm mehrfach gebrochen, das Ganze musste mit einer Metallplatte zusammengetackert werden. Während der letzten Wochen hatte ich starke Schmerzen, die bis zu einem Taubheitsgefühl gingen, das sich durch den ganzen Arm zieht. Bis dahin habe das alles erfolgreich ignoriert – jetzt ging es aber nicht mehr: Ich muss mich nochmal operieren lassen, die Metallplatte kommt endlich raus. Deshalb muss die Tour leider bis zum Frühjahr warten. Mir wäre auch lieber, wenn ich sofort auf die Bühne, das neue Album live testen könnte.

Es heißt immer, dass die dritte Platte eine wegweisende ist - wohin hat dich dein Weg mit „III“ geführt?

Ich denke, wir haben jetzt unseren Sound gefunden und dass das gerade der Anfang für etwas Großes sein kann. Wir sind angekommen – auf einer Ebene, auf der ich beginne, so etwas wie Zufriedenheit zu empfinden.

Bist du mit den ersten beiden Alben nicht zufrieden gewesen?

Es gibt wohl keinen Künstler, der mit seinem Werk in Gänze zufrieden ist. Die beiden Alben für ihre jeweilige Zeit okay. Ich hatte 25 Jahre in einer großen Band gespielt. Zwar nicht im zweiten Glied, aber ich hatte kaum Vocals, ein anderes Instrument gespielt. Da ist es doch klar, dass man eine gewisse Zeit braucht, um wirklich herauszufinden, wer man ist. Dafür hat es diese beiden Platten gebraucht – mit der dritten starte ich, starten wir jetzt richtig durch.

Das neue Album ist weitaus rockiger als die Vorgänger. Schließt sich hier der Kreis zu den späten Onkelz?

Die Onkelz sind sicherlich etwas punkiger in ihrer Attitüde gewesen. Aber ich denke auch, dass wir rockiger klingen. Das liegt daran, dass ich inzwischen alle Bandmitglieder in die Kompositionen einbeziehe. Daraus entsteht etwas Organisches, eine kompakte Platte, wie ich sie noch nicht erlebt habe.

Wie schwierig ist es für dich gewesen, mit deinem Gesicht für eine Band zu stehen, nachdem du dich ein Vierteljahrhundert in eine Band einfügen musstest?

Ich habe ja meine Solokarriere nicht gestartet, weil ich das unbedingt wollte, sondern weil es diverse Umstände bei den Onkelz gab, die nicht mehr gingen. Da war ein Sänger, der mit seinen Drogenproblemen zu kämpfen hatte; da stimmte einiges nicht mehr zwischen uns alten Kumpels. Deshalb haben wir gesagt: Okay, das war es jetzt. Es gab keine andere Lösung. Und für mich lag das Soloding dann sehr nahe. Es ist ja nicht so, dass ich bei den Onkelz nichts gemacht hätte: Ich habe die meisten Songs geschrieben und viel organisiert, ich war sowas wie der Bandleader. Die letzten zehn Jahre war es bei den Onkelz so, dass ich mehr oder weniger allein vor mich hin gewerkelt habe. Umso mehr Spaß macht es mir jetzt, in einem Team zu arbeiten – mit drei anderen Musikverrückten. Es macht einfach Spaß zu jammen und ins Studio zu gehen. Das habe ich viele viele Jahre vermisst.

Sind die Onkelz zu groß gewesen, um noch im Kleinen jammen zu können?

Jein. Ich weiß nicht, ob man zu groß werden kann. Aber es gehört dazu, dass man Lust aufeinander hat. Bei den Onkelz war es so, dass wir uns sehr lange, seit unserer Jugend kannten. Irgendwann trennen sich die Wege, wenn man sich satt hat.

Wie intensiv ist der Kontakt unter den alten Onkelz heute?

Den meisten Kontakt habe ich momentan mit Kevin. Seit er aus der Therapie entlassen wurde, telefonieren wir regelmäßig, wenigstens einmal in der Woche. Wir haben uns auch schon mehrfach gesehen und sehr gute Gespräche gehabt. Zu Pe habe ich auch noch einen guten Draht.

Juckt es dir dann nicht doch ab und an mal in den Fingern – vielleicht ist mit den Onkelz doch noch nicht alles zu Ende?

Im Prinzip denke ich: Es ist zu Ende. Es ist aber natürlich so, dass mit Kevin jemand aus dem Gefängnis kommt, der da noch eine offene Rechnung hat. Er wäre für mich die einzige Motivation, über etwas nachzudenken, was mit den Onkelz zu tun hat. Wenn Kevin es möchte, sollte er die Gelegenheit bekommen, sich zu entschuldigen, sich noch mal vor die Leute zu stellen – um das Bild, das er zuletzt abgegeben hat, zu korrigieren. Wir planen aber keine große Reunion oder so. Es wird garantiert auch keine neuen Platten geben.

Wenn man sich deine aktuellen Texte anschaut, sind die fast alle wütend. Wieviel Wut steckt noch in dir?

Soviel wie nötig. Aber man muss aufpassen, dass aus Wut kein Hass wird, das halte ich für ganz wichtig. Wut motiviert mich, treibt mich an. Es ist nach wie vor so, dass ich Ungerechtigkeiten nicht ab kann, auch wenn ich heutzutage unter der spanischen Sonne leben darf.

Ein Titel widmet sich den Kopien. Du prangerst darin an, dass vieles von dem, was sich heute Deutschrock nennt und unglaublich erfolgreich ist, bei den Onkelz geklaut ist. Warum diese Offensive, warum gerade jetzt und auf diese Weise?

Eines muss ich mal klarstellen: Es geht mir hier nicht um Neid. Ich habe mit den Onkelz, und auch als Der W, so viele Erfolge gefeiert, dass mir ein solches Gefühl fremd ist. Es geht mir einfach darum, dass sich sehr oft mit fremden Federn geschmückt wird. Ich habe das Gefühl, da wird sehr viel gemanagt und viel vorgegeben, da kokettieren Bands mit Härte, die gar nicht wissen, wie das geschrieben wird. Die Musikindustrie sollte lieber Bands fördern, die wirklich etwas zu sagen haben und die es wert sind. Abgesehen davon finde ich es musikalisch zum größten Teil erbärmlich, was da passiert. Und ich finde es schade, dass man sich auf der Fanebene dermaßen verarschen lässt.

Du lässt kein gutes Haar an euren Nachfolgern.

Das sind keine Nachfolger. Wir haben uns als Onkelz alles hart erarbeitet – du weißt, wie schwer unser Weg gewesen ist. Wir sind immer eigenständig geblieben. Und es gibt auch einige Kapitel, auf die ich nicht besonders stolz bin.

Bei dem Wort Mainstream bekommst du immer noch Pickel?

Du brauchst dir doch nur mal anschauen, was diese  Bands an Merch-Artikeln rauswerfen. Die Onkelz hätten nicht mal nur annähernd soviel Schrott, vom Kugelschreiber bis zur Babywindel, angeboten. Ich nehme das mit einer gewissen Gelassenheit. Ich darf aber als Ex-Onkel meine Meinung sagen, wenn unter falscher Flagge gesegelt wird.

Die Onkelz haben immer am Radio vorbei Erfolg gehabt. Wie schwer ist es für dich heute, ins Radio zu kommen?

Wir haben ganz bewusst erst gar nicht damit angefangen, in diese Richtung zu arbeiten. Von vornherein stand fest, dass wir uns nicht um Charts oder ums Radio kümmern. Natürlich wäre es für mich ein Leichtes, in die gleiche Kerbe wie beispielsweise die Hosen zu hauen und leicht mitsingfähige Refrains zu schreiben. Diesen Schlager-Punk, und das meine ich gar nicht böse, möchte ich aber nicht bedienen.

Interview: Andreas Debski

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