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Kultur Opernsängerin Wallis Giunta spricht über sexualisierte Gewalt in der Musikwelt
Nachrichten Kultur Opernsängerin Wallis Giunta spricht über sexualisierte Gewalt in der Musikwelt
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10:00 11.06.2018
Weltweit gefeiert und couragiert: die Mezzosopranistin Wallis Giunta (32). Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Sie ist eine international gefragte Mezzosopranistin und aktuell im Ensemble der Oper Leipzig. Am 22. Juni diskutiert die in Kanada geborene Wallis Giunta (32) über ein Thema, das immer noch gerne unter den Teppich gekehrt wird. In Leipzig ist sie Gast bei einer Debatte über „Machtmissbrauch und sexualisierte Diskriminierung in der Musik(-Ausbildung)“. Im Interview berichtet sie von eigenen Erfahrungen, spricht über die Hoffnungen, die sie mit der #MeToo-Bewegung verbindet und den langen Weg zur Gleichberechtigung.

Sie sprechen am 22. Juni über Machtmissbrauch und sexualisierte Diskriminierung. Was ist Ihnen selbst passiert?

Nichts, das so ernst ist wie das, was einigen Frauen zum Beispiel mit Harvey Weinstein passiert ist. Ich wurde nicht vergewaltigt. Ich hatte Glück. Aber es gab viele Situationen, in denen es zu unangemessenem Körperkontakt kam – bis hin zu sexueller Bedrohung.

Wie treten diese Männer auf?

Sie wissen, dass dein Job von ihnen abhängt. Manchmal wollen sie dich zu sexuellen Handlungen drängen. Und dann gibt es diese Situationen, in denen eine Person Genuss darin zu finden scheint, wenn sich Frauen unwohl fühlen. Es muss gar nicht unbedingt etwas Direktes passieren, solche Männer gehen einfach permanent über die Rote Linie, die das Professionelle und das Unprofessionelle trennt. Sie tun nichts, aber sie spielen die ganze Zeit verbal damit – machen Witze, Kommentare oder berühren dich an privateren Körperstellen. Das ist nichts, womit man zur Polizei gehen kann.

Mit welchen Gefühlen geht man zur Arbeit, wenn so etwas im Spiel ist?

Man fühlt sich permanent angegriffen, wie ein Kaninchen vor einem Wolf. Man hat das Gefühl, sich verstecken zu müssen, ständig aufzupassen, sich zu verteidigen. In so einer Situation kann man nicht arbeiten.

Was sagen Ihre Kolleginnen zu diesem Thema?

Ich kenne keine einzige, die nicht auf irgendeine Art ein Problem damit hat.

Ist die gesamte Opernwelt derartig negativ aufgeladen?

Nein. Es gibt wunderbare Leute, zum Beispiel Ulf Schirmer (Intendant der Oper Leipzig, Anm. d.Red.), der immer absolut professionell ist. Er behandelt uns alle gleich, mit dem selben Respekt. Und die anderen Männer nehmen sich an ihm ein Beispiel. Ich würde nicht hierbleiben, wenn ich mich hier nicht sicher, nicht wohl fühlen würde, wenn die Frauen wie Prostituierte behandelt würden. Ich habe viele gute Erfahrungen gemacht, aber eben auch genug schlechte.

Auf der Bühne kommen immer wieder Szenen vor, die sexuell aufgeladen sind. Wird das von Männern ausgenutzt?

Da gibt es zwei Möglichkeiten als Sänger: Man ist professionell, macht, was der Regisseur von einem sehen will. Und dann gibt es die Typen, die das als Gelegenheit nutzen, weiterzugehen, die Linie zu überschreiten. Sie flüstern dir ins Ohr, sie fassen dir nicht an den Arm, wie sie sollen, sondern woanders hin.

Wann ist Ihnen das letzte Mal so etwas passiert?

Erst im vergangenen Jahr. Das meiste passierte, als ich jünger war, als Studentin und als junge Künstlerin. Wenn dir so etwas als Studentin passiert, hast du kaum eine Chance, dich dagegen zu wehren, wenn ein gefeierter Sänger mit dir arbeitet und sich Freiheiten rausnimmt. Wenn du am Anfang Deiner Karriere stehst – und dich dann über so etwas beschwerst, dann fühlt es sich so an, dass du nie wieder singen wirst.

Sie nennen keine Namen, warum nicht?

Es gibt einige Vorfälle, die für mich geklärt sind, wo ich mich entschieden habe, es nicht öffentlich zu machen. Die anderen Situationen waren wie gesagt schlechtes Benehmen, nichts das man vor Gericht bringen könnte.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Lage für Frauen verbessert?

Ja, so lange wir die Tatsache berücksichtigen, dass wir noch einen langen Weg zu gehen haben. Und wenn wir bei jedem kleineren Vorfall einen Riesenwirbel machen, dann wird man uns nicht glauben, wenn es darauf ankommt. Ich möchte, dass die #MeToo-Bewegung kein Strohfeuer ist, sondern andauert.

Ist es nicht bitter, dass sich immer noch die Opfer Gedanken über die richtige diplomatische Strategie machen müssen?

Ist es. Aber es verändert sich zum Glück.

Was hat sich denn geändert?

Ensembles setzen sich für ihre Künstler ein. Die Leute, die Macht haben, haben verstanden, dass sie denen helfen müssen, die sie nicht haben. Mir selbst ist mehrfach passiert, dass sich das Ensemble nach Übergriffen der Sache angenommen hat, mit Konsequenzen für den Täter. Man ist sich zunehmend darüber im Klaren, dass es schlecht für den eigenen Ruf ist, wenn sich einer aus der Leitung danebenbenimmt, dass man keinen sicheren Ort zum Arbeiten bietet.

Podiumsdiskussion über „Machtmissbrauch und sexualisierte Diskriminierung in der Musik(-Ausbildung)“: Am 22. Juni um 14 Uhr in der Hochschule für Musik und Theater (Leipzig, Grassistr. 8, Probesaal, Raum 304)

Von Jürgen Kleindienst

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