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Orchesterkonzert zum Bachfest in Leipzig: Augenzwinkernd und doch ernsthaft

Orchesterkonzert zum Bachfest in Leipzig: Augenzwinkernd und doch ernsthaft

Auf das Barock folgt die Klassik? Diese vermeintliche Weisheit über die Musikgeschichte im 18. Jahrhundert hat schon lange Risse bekommen. Längst ist bekannt, dass es in der Musik eine Art Korridor zwischen diesen beiden Großepochen gibt, über dem meist Behelfsüberschriften wie Galanter Stil oder Empfindsamkeit stehen.

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Die Streicher-Akademie Bozen in der Leipziger Nikolaikirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Gerade wer sich mit dem 300-jährigen Jubilar Carl Philipp Emanuel Bach beschäftigt - und das Bachfest tut es in diesem Jahr in besonderem Maße - kommt nicht umhin, auf solche Grauzonen hinzuweisen.

Genau darum geht es im vorgestrigen Konzert in der Nikolaikirche. "Vom Barock zur Klassik" lautet der Titel eines Abends, der von Johann Sebastian Bach über dessen zweitältesten Sohn Carl Philipp Emanuel bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart führt. Doch die (um Bläser verstärkte) Streicherakademie Bozen stellt die Werke nicht chronologisch vor - schließlich soll dies kein musikhistorisches Seminar werden -, sondern in einer Reihenfolge, die der Logik von Charakter und Besetzung der Musik folgt.

So geht es gleich mit einer Sinfonie des Bach-Sohns los, in der die Streicherakademie Bozen bereits ihre Stärken vorführen kann: anmutiger Klang, gemeinsames Empfinden, Präzision ohne Prätention.

Bereits seit 1987 existiert das Südtiroler Ensemble, und es kann auf Zusammenarbeit mit illustren Partnern längst nicht nur im Bereich der Alten Musik zurückblicken. Gleichwohl muss es zumindest in Sachsen offensichtlich noch als Geheimtipp gelten: Die Nikolaikirche ist zwar gut gefüllt, von einem ausverkauften Konzert ist das aber merklich entfernt. Was auch an den Eintrittspreisen liegen mag, die im Spitzenbereich durch ihre Saftigkeit psychologisch abschrecken, an der Basis allerdings sehr erschwinglich sind, von der Last-Minute-Regelung des Bachfests (10 Euro Eintritt ab 15 Minuten vor Konzertbeginn) ganz zu schweigen.

Herzstücke des Programms sind drei Solokonzerte für Bläser. Giovanni De Angeli und Sergio Azzolini präsentieren sich zunächst im Dialog, in einem Konzert unbekannter Autorschaft für Oboe und Fagott. Lyrisch und zugleich gewitzt-virtuos gerät ihr Zwiegespräch, getragen vom spannungsreichen Spiel des Streichorchesters um Konzertmeister Georg Egger. Die Musiker denken in großen Bögen, zugleich ist jeder einzelne Takt innerlich durchpulst.

Highlight des Abends ist sinnigerweise das herrliche Oboenkonzert in Es-Dur von Carl Philipp Emanuel. Mit Witz gestaltet De Angeli den beschwingten ersten Satz. Vor allem aber lässt das darauffolgende düstere, fast romantische Adagio aufhorchen - der vielleicht spannnungsvollste Moment des ganzen Konzerts und eine von nur wenigen dunklen Ecken in diesem so lichten, heiteren Programmgebäude.

Kongenial gestaltet Azzolini Mozarts Fagottkonzert, das Werk eines 18-Jährigen, das allzu brav wirken kann, poliert man es nicht wie dieser Solist samt Begleitern mit allerhand Witz auf. Augenzwinkernd und doch ernsthaft - so muss man es machen.

Noch voller Energie ist Azzolini, als er sich wieder ins Orchester eingliedert, das er zugleich an diesem Abend anleitet. Das tut der Ouvertüre D-Dur BWV 1069 nur bedingt gut, weil mit seinem Engagement eine gewisse Lautstärke einhergeht, die aus der Orchestersuite von Bach Senior phasenweise ein weiteres Fagottkonzert zu machen droht - auf Kosten besonders der Geigen und Oboen.

Das ist angesichts der glanzvollen Gesamtleistung allerdings ein zu verschmerzender Makel. Nach dem prachtvollen Eingangssatz folgen flinke und weniger flinke Tänze, der letzte von ihnen ist eine Réjouissance. Das heißt Freude - und ist auch eine.

Ist das alles nun barock, klassisch oder empfindsam? Es ist eine Frage der Perspektive, ob man in gewohnter Weise vor allem das Trennende zwischen diesen Werken sehen will, die im Abstand weniger Jahrzehnte entstanden sind, oder ausnahmsweise einmal ihre Gemeinsamkeiten. Klug haben es die Südtiroler vermieden, ihre Interpretation zum klingenden Epochen-Karteikasten werden zu lassen.

Fazit: Dass die üblichen Schwellen in der Musikgeschichte, wie wir sie sehen, zwar plausibel sind, aber eben auch nur hilfreiche Konstrukte - nicht zuletzt das hat dieser Abend spüren lassen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.06.2014

Benedikt Lessmann

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