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Kultur Oscars zwischen Hysterie und Hochglanz
Nachrichten Kultur Oscars zwischen Hysterie und Hochglanz
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13:30 02.03.2018
Hollywood putzt sich raus: Am Sonntag werden die Oscars verliehen – sicherlich auch im Schatten der Missbrauchsvorwürfe. Quelle: Foto: Getty
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Los Angeles

Golden-Globe-Moderator Seth Meyers fühlte sich noch wie „der erste Hund, den man ins All geschossen hat“. Anfang Januar stand er vor einer schwierigen Aufgabe: Wie macht man Witze über Macht und Missbrauch vor Betroffenen? Meyers wagte die Flucht nach vorn und mokierte sich über den „sexuell perversen Abschaum“ im Saal. Stars von Meryl Streep bis Steven Spielberg lachten mit. Der Ton war gesetzt für den Umgang mit Harvey Weinsteins sexuellen Übergriffen und den weitreichenden Folgen.

Inzwischen redet Hollywood kaum noch über etwas anderes. Gastgeber Jimmy Kimmel muss sich an diesem Sonntag bei der Oscar-Gala eher überlegen, wie er die #MeToo-Bewegung runterdimmt. Es sind ja auch noch ein paar Filmpreise zu vergeben. Und gibt es nicht auch noch andere Debatten? Was ist mit der Ungleichbehandlung schwarzer Künstler? Oder der kreativen Krise Hollywoods? Egal. Die einzige Frage momentan lautet: Ist die Zeit der mächtigen Männer in Bademänteln abgelaufen?

Es kommen immer neue Ungeheuerlichkeiten an den Tag

Harvey Weinstein steht unter Anklage. Seine Firma hat Insolvenz anmelden müssen. Die Polizei von Los Angeles hat eine Sonderkommission für sexuelle Übergriffe gebildet. Filmstudios und TV-Sender, mit dabei: Disney-Chef Bob Iger und Netflix-Boss Ted Sarandos, haben eine Kommission mit einer Juristin an der Spitze gegründet, um die „weit verbreitete Kultur der Übergriffe“ zu beenden. Die Initiative „Time’s Up“ hat viele Millionen Dollar für einen Rechtshilfefonds für Opfer gesammelt.

Schauspieler müssen sich inzwischen in ihre Verträge hineinschreiben lassen, dass sie bei inkorrektem Verhalten aus ihren Filmen herausgeschnitten werden. Einen Präzedenzfall gibt es schon: Kevin Spacey, der sich an jungen Männern vergangen haben soll, wurde aus Ridley Scotts komplett abgedrehtem Thriller „Alles Geld der Welt“ eliminiert.

Wen es als Nächsten erwischt, ist derzeit spannender als Wetten auf Oscar-Sieger. Viele Namen werden gehandelt: Oliver Stone, James Franco, Casey Affleck gelten als belastet. Bei Missbrauchsvorwürfen verhält es sich ungefähr so wie beim Dieselskandal in der Autoindustrie: Es kommen immer neue Ungeheuerlichkeiten an den Tag.

Jennifer Lawrence verärgert über Kleid-Debatte

Und dann sitzt da noch ein alter Mann in New York und versteht die Welt nicht mehr: Woody Allen hat ein halbes Jahrhundert lang Stars um sich geschart. Nun gehen Schauspielerinnen wie Greta Gerwig und Ellen Page auf Distanz. Der Regisseur ist vor Gericht vom Vorwurf des Missbrauchs seiner Stieftochter Dylan zwar freigesprochen worden, dennoch dürfte sein 48. Film „A Rainy Day in New York“ sein letzter sein. Niemand wird Allen mehr Geld geben, und niemand außer Alec Baldwin will sich noch mit ihm blicken lassen.

Allmählich wird Hollywood mulmig. Die Grenzen zwischen Aufklärung und Rufmord verwischen. Hat eine Hexenjagd begonnen? Wieso reicht eine bloße Anschuldigung, um Karrieren zu zerstören? Und wie kann es sein, dass in den sogenannten sozialen Medien eine peinliche Anmache genauso geahndet wird wie der Verdacht einer Vergewaltigung?

Hysterie macht sich breit: Wenn sich Jennifer Lawrence in einem tief dekolletierten Kleid in winterlicher Kälte zeigt, wird das zum Missbrauchsfall stilisiert – sehr zum Ärger von Lawrence selbst, einer der selbstbewussten weiblichen Frauen in Hollywood. Rose McGowan, jenes Opfer in Weinsteins Vergewaltigungssystem, das die Lawine gegen ihn ins Rollen brachte, zieht derweil als Rachegöttin durchs Land.

Erschütterungen gehen übers US-Kino hinaus

Inzwischen dürfte allen klar sein, dass es nicht reicht, sich in schwarze Kleidung zu hüllen und einen „Time’s Up“-Sticker anzuheften. Der Gang über den roten Teppich vor dem Dolby Theatre am Sonntagabend kommt einem politischen Akt gleich. Nicht wenige glauben wie Actionstar Liam Neeson, dass die Wut der Frauen sich bis zu einem Präsidenten zurückführen lässt, der sich damit brüstet, Frauen an intimen Stellen berühren zu können, ohne Folgen fürchten zu müssen. Die Erschütterungen gehen längst übers US-Kino hinaus. Sie haben auch Deutschland ergriffen, siehe die Vorwürfe gegen Dieter Wedel.

Zumindest ein Mann profitiert vom kulturellen Erdbeben: Christopher Plummer, 88 Jahre alt, ist jener Schauspieler, der Kevin Spacey auf der Leinwand ersetzen durfte. Er ist für den Oscar nominiert.

Von Stefan Stosch

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