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Paul Austers neuer Roman "Unsichtbar" erscheint

Paul Austers neuer Roman "Unsichtbar" erscheint

„Unsichtbar" heißt der neue Roman von Paul Auster, in dem der US-Amerikaner ein Labyrinth der Stimmen und Erzählstränge entwirft, in dem seine Helden auf der Suche sind nach Wahrheit, Frieden, sich selbst.

Leipzig. Ein raffiniertes Werk.

Die Stimmen hausen im Inneren, sie wüten stumm. Erst wenn sie Sprache werden, wird Welt erfahrbar, Schuld sichtbar. Mit der Kraft der Gedanken spielt Paul Auster in vielen seiner inzwischen 15 Romane. In „Reisen im Skriptorium" (2007) formen sich in der Enge einer Schreibstube Erinnerungen. „Mann im Dunkel" (2008) ist kunstvolles Vexierspiel mit Identitäten. Stets befinden sich die Helden im Zustand äußerster Ungewissheit; und mit ihnen die Leser, sind sie doch keinen Schritt weiter als die Figuren. Im Zentrum stehen: Adam Walker, Rudolf Born, Jim Freeman und Cécile Juin. Hinzu kommen Adams Schwester Gwyn, Borns Freundin Margot und Céciles Mutter Hélène. Adam, ein gutaussehender, 20-jähriger Literaturstudent, schreibt Gedichte und gelegentlich Buchrezensionen. Er hat eine Schwäche für französische Lyrik, die Auster mit ihm teilt - wie auch das Geburtsjahr und die Abneigung gegen den Vietnam-Krieg. 1967 lernt Adam bei einer Party den Politologen Rudolf Born kennen, einen „deplacierten Dandy", und durch ihn Margot, die versucht, Malerin zu werden. Born macht schon beim zweiten Treffen ein unglaubliches Angebot: 25 000 Dollar für eine Literaturzeitschrift, sie könnte vierteljährlich erscheinen, er stelle sich etwas Frisches und Wagemutiges vor, eine Publikation, die für Kontroversen sorgt.

Brutal, hässlich und ekelhaft

Adam nimmt begeistert an, will das Heft „Stylus" nennen, zu Ehren Edgar Allan Poes. Doch so weit kommt es nicht. Nicht Adams so kurze wie intensive Affäre mit Margot entzweit die Männer, sondern ein Mord in einer dunklen Straße New Yorks. Born verschwindet wie Margot Richtung Paris, und Adam erlebt den „Tiefpunkt" seiner „Laufbahn als Mensch". Er will Born zur Verantwortung ziehen, liefert sich aber nur dessen Rache aus. Auster fragt nach nicht weniger als Schicksal und Schuld. Schnitt. 40 Jahre später schickt Adam seinem Kommilitonen Jim, der als neuer Ich-Erzähler auf den Plan tritt, ein Manuskript. Es ist eben jenes erste Kapitel Austers, der die Buch-im-Buch-Konstruktion gern nutzt. Hier perfektioniert er sie. Adam liegt im Sterben. Er hat die 70er Jahre überstanden, ohne in den Vietnamkrieg zu müssen. 1973 schreibt er sein letztes Gedicht und studiert anschließend Jura, denn: „Es gibt viel mehr Gedichte auf der Welt als Gerechtigkeit." Seine letzten Lebensmonate verbringt er nun mit den Erinnerungen an das Jahr 1967, das für ihn Weichen gestellt hat. Er bittet Jim, inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, um Hilfe beim zweiten Kapitel, weil Erzählposition und Inhalt kollidieren. Brutal, hässlich und ekelhaft sei es, warnt er, und Jim empfiehlt, es in der zweiten Person zu schreiben. So entfernt sich der Autor vom Ich: „Kann die Tatsache, dass du ein einziges Mal kurz den Mut verloren hast, deinen Glauben an dich so beschädigt haben, dass du kein Vertrauen mehr in deine Zukunft hast?", schreibt er und wird in einem dritten Abschnitt die dritte Person wählen. Auch dieses Aus-sich-heraus-Treten und in andere hinein ist wiederkehrendes Motiv. Mit zunehmender körperliche Schwäche kümmert er sich weniger um die physische Welt als vielmehr um die inneren Zustände. Auster verbindet sein Thema mit dem Sprachrhythmus des Poeten: „Er hebt den Kopf und sieht aus dem Fenster: grau und bedeckt, im Westen ein Wolkengebirge, wieder etwas Neues am immer neuen Himmel über Paris."

Gegen ihn kann keiner gewinnen

Diesen letzten Teil seiner Erinnerungen wird Adam nicht mehr beenden, das übernimmt Jim, der nun quasi moderierend durch die Geschichte führt, da er, wie sich herausstellt, derjenige ist, der den Roman schreibt. Wieder öffnet Auster eine neue Tür. Alle Namen sind erfunden, Adam, Born, Jim ..., die Fährten verwischt. Allein die Fakten könnten stimmen, sie sind akribisch dokumentiert: das Ungeheuerliche zwischen Adam und seiner Schwester Gwyn, die Unbarmherzigkeit Adams, als er in Paris Kontakt aufnimmt zu Borns neuer Partnerin Hélène und deren Tochter Cécile. Unberechenbar bleibt der Mensch, unergründlich sein Charakter. Schließlich bringt Auster, bringt Jim auf der Suche nach der Wahrheit über jenen Mord im Sommer '67 weitere Text-Fragmente ins Spiel. Céciles Tagebuch könnte die Verstrickungen lösen, Geheimnisse aufdecken. Könnte erklären, wer dieser Born wirklich ist. Der lebt inzwischen auf einer westindischen Insel und schreibt an seinen Memoiren. Oder doch an einer Fiktion? „Ein Roman eröffnet uns grenzenlose Möglichkeiten. Wir können die Wahrheit sagen, ja, aber wir haben auch die Freiheit, uns etwas auszudenken", überlegt er. „Damit wir die Wahrheit sagen können, werden wir es als erfundene Geschichte hinstellen." So bleibt er undurchschaubar. Möglich, dass er Geheimagent war, jedenfalls verfügt er über Kontakte in höchste Kreise. Mal redet er über Politik und Krieg wie ein Verführer, dann wie ein Feldherr. Er ist geistreich und charmant, exzentrisch, zynisch und düster. Das in seinen Gedanken Unsichtbare wird zur Gewalt, wenn er spricht. Gegen ihn kann keiner gewinnen, mit ihm schon gar nicht. Als sein Gegenspieler bleibt Adam der von der eigenen Verführbarkeit Gepeinigte. Es ist Cécile, souverän und entschieden, die das letzte Wort hat im überraschenden Finale. So wie Adam und Margot weniger voneinander angetan waren, als dass sie sich einander antaten, so kann die Kapitulation vor der Wahrheit schmerzhafter sein als die Lüge. Paul Auster: Unsichtbar. Roman. Deutsch von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag; 320 Seiten, 19,95 Euro

Janina Fleischer

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