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Kultur Perfides Spiel: Das "Game of"-Prinzip in Kochsendungen und Realityformaten
Nachrichten Kultur Perfides Spiel: Das "Game of"-Prinzip in Kochsendungen und Realityformaten
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22:35 30.03.2015
Um die Krone buhlen bei „Game of Thrones“ die Königsgeschlechter, in „Game of Chefs“ kämpfen drei Starköche am Herd um die Macht. Quelle: Robin Utrecht (Symbolfoto)
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Die von George R. R. Martins Romanreihe inspirierte Fernsehserie, deren fünfte Staffel gerade Weltpremiere in London feierte, ist berüchtigt für ihre saftigen Gewalt- und Erotikszenen. Es rollen bekanntlich so einige Köpfe, und das Spiel um den Thron wird nicht selten im Schlafgemach ausgetragen. Wer nun befürchtet, dass die Fernsehköche ihre Edelstahlmesser zweckentfremden oder sich gegenseitig als „Naked Sushi“ dekorieren, kann aufatmen. Dennoch gibt es deutliche Parallelen zwischen den beiden Sendungen. Das „Game of“-Prinzip lässt sich auch bei anderen Konkurrenzformaten, von Casting- bis Realityshow, beobachten.

Martialische Rhetorik:

„Wettkampf“, „Niederlagen“, „Jeder gegen Jeden“: Die Ankündigungstexte zu „Game of Chefs“ würden George R. R. Martin gefallen. Selbst eine so harmlose Aufgabe wie die Zubereitung einer Forelle wird bei „Game of Chefs“ für den „Erdrutschsieg“ rekrutiert, eine Crème de Cassis kann über die „Leadership“ entscheiden. Im Vorspann werden zu dramatischer Musik Messer gewetzt, die drei Starköche, die mit ihren Kochteams gegeneinander konkurrieren, inszenieren sich in Kriegerposen, die auch der Nachtwache aus „Game of Thrones“ gut zu Gesicht stehen würden. Da wird ein Gurkensud zur „Geheimwaffe“, eine blonde Teilnehmerin droht mit einer „Geschmacksbombe“. Auch die Moderatorin Silvia Schneider stimmt ein in den Kriegergesang: „Die Wettkämpfe sind hart, am Ende des Abends werden wir wieder ein Teammitglied verlieren“, sagt sie dräuend.

Rosenkrieg:

In George R. R. Martins Fantasiewelt Westeros buhlen verschiedene Königsgeschlechter um die Vormacht. Dementsprechend werden die drei Kochteams bei Vox jeweils von einem Stargastronomen angeführt, der als Mentor fungiert. Die drei Sterneköche, die ihre Schützlinge wie Bauernopfer in die Küchenschlacht führen, haben klar verteilte Rollen: Holger Bodendorf gibt den gutmütigen Lehrer, Christian Lohse ist der Ruppige mit dem weichen Kern, Christian Jürgens der Künstlertyp. Das Team-Prinzip ist auch aus der Castingsendung „The Voice of Germany“ bekannt.

Das Überleben des Stärkeren:

Darwinismus-Formate stehen im Fernsehen hoch im Kurs. Das "Dschungelcamp“ hat es vorgemacht, wer sich nicht anpasst, fliegt. So überlebt die junge Arya Stark in „Game of Thrones“, weil sie sich wie ein Chamäleon ihrer brutalen Umwelt angleicht, indem sie immer skrupelloser wird. Bei „Game of Chefs“ geht es zwar nur metaphorisch ums Eingemachte, aber auch hier gibt Lohse die Losung vor: „Wer nicht richtig kocht, der muss gehen.“ Die Messer, die als Preise an die besten Köche verliehen werden, sind ein Symbol: Hier geht es ums Ganze.

Indoktriniertes Fußvolk:

Die Köche werden gedrillt wie Soldaten, „Nicht schlafen, in Reihe arbeiten!“ lautet ein Befehl. Moderatorin Silvia Schneider schwärmt von „Menschen, die für Gewinn alles tun würden“. Der 22-jährige Teilnehmer Lucas Kaminski Sampaio aus Rust sagt stolz in die Kamera: „Wir müssen laufen, und wir müssen brennen, brennen wie der Herd“, und die 26-jährige Anne Leupold sekundiert: „Ich werde einfach ferngesteuert das tun, was man mir sagt.“ Das klingt

schon sehr nach der Armee der Gesichtslosen, die in „Game of Thrones“ der blonden Kriegerin Daenerys Targaryen ohne Widerworte folgen. Ihre Drachen fehlen den Köchen aus „Game of Chefs“ zwar, aber dafür brennt bei ihnen selten etwas an.

Weshalb kommt das „Game of“-Prinzip beim Zuschauer so gut an? Weil hier Moral hintangestellt wird und das Publikum die Köche, Fantasykrieger, Dschungelkandidaten oder „Germany‘s Next Topmodel“ Kandidaten als Stellvertreter in den Ring schicken kann? Das „Game of“-Prinzip ist die moderne Form von „Brot und Spiele“, der alltägliche Existenzkampf wird durch den Unterhaltungsfaktor salonfähig gemacht. Das heimliche Vergnügen an der Demütigung des anderen gehört dazu. Ein perfides Spiel.

Nina May

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