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Persönliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf der Bühne

Neues Schauspiel Leipzig Persönliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf der Bühne

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Soheil Boroumand findet als Erwachsener unter den Gutenachtgeschichten, die sein Großvater früher für ihn aufnahm, eine Kassette mit Erinnerungen an dessen Zeit bei der Wehrmacht. Die Auseinandersetzung mit der Schuld und Verantwortung bringt Enkel Boroumand nun als sehr persönliches Theaterstück auf die Bühne.

„Er war ja nicht mal deutsch, der Wald“, heißt das Theaterstück, das Soheil Boroumand am Freitag erstmals im Neuen Schauspiel aufführt.

Quelle: Kempner

Leipzig . Soheil Boroumand besitzt eine Kiste mit alten Kassetten seines deutschen Großvaters. Gutenachtgeschichten, Kinderlieder, Reime und Radiomitschnitte. Vor etwa sieben Jahren, Boroumand besuchte gerade die Schauspielschule am Michael Tschechow Studio in Berlin, fand er darin eine Kassette mit der Aufschrift „Russland“. Boroumands bereits verstorbener Großvater schildert auf dem Band seine Kriegserlebnisse als Zahnarzt und Sanitäter der Wehrmacht in Litauen 1941/42.

Ein brennender Wald, ein toter sowjetischer Pilot und ein Loch, das er ausheben muss. „Es dreht sich immer um dieses Loch, er wiederholt seine Geschichte zweimal und kommt immer wieder zu dem Punkt“, sagt Boroumand. In der Recherche hat er herausgefunden, dass sein Großvater im litauischen Grotnow zu einer Zeit das Loch grub, in der dort sehr viele Juden innerhalb weniger Tage umgebracht wurden.

„Das war für mich ein großer Schock, weil das eine Seite von meinem Großvater war, die ich nicht kannte. Ich schätzte ihn als liebevollen, aufmerksamen Opa, der sich viel um mich gekümmert hat“, sagt Boroumand. Der Großvater habe nie etwas von den vier Jahren, die er mit der Wehrmacht im Krieg war, erzählt. Seine drei Kinder haben nicht nach den Erlebnissen gefragt.

„Eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Privaten hat nicht stattgefunden“

Nun bringt sein Enkel die Geschichte und seine persönliche Auseinandersetzung damit auf die Bühne. Denn Boroumand ist freischaffender Schauspieler. Am Freitag feiert sein Stück „Er war ja nicht mal deutsch, der Wald“ Premiere im Neuen Schauspiel. „Es sind definitiv die härtesten Proben, die ich je hatte“, sagt er. In ihm gebe es Widerstände, das Stück zu spielen. Aber bei der Recherche habe der Schauspieler immer häufiger das Gefühl, dass eine persönliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland nicht stattgefunden hat. „Während der NS-Zeit war das Private sehr politisch, danach wurde behauptet, es wäre nie politisch gewesen“, sagt der Schauspieler, der in Rheinland-Pfalz geboren wurde und in Leipzig lebt. Er wolle die Thematik jetzt wieder politisch machen, denn eine Aufarbeitung sei nur möglich, wenn man die persönlichen Erlebnisse in die Öffentlichkeit trägt. „Und das mache ich jetzt.“

Auf der Bühne liegt ein Haufen Kassetten, die schwarzen Bänder ziehen sich durch die Publikumsreihen. Hinter dem Kassettenhaufen: ein angedeutetes Loch. Das Loch, auf das die Berichte des Großvaters immer wieder kommen. Zu Beginn des Stückes werden Kinderreime und Lieder, die der Opa für den kleinen Soheil aufnahm, abgespielt. Sie brechen ab, der 31-Jährige spielt seinen Großvater, der in seinem Alter war, als er die Wehrmacht in Litauen unterstützte. Er erzählt die Geschichte zweimal, einige Details wirken konstruiert. „Er wiederholt Sachen immer wieder. Vielleicht, um sich klarzumachen, dass er nicht so viel Schuld hat“, sagt Boroumand.

Nicht aufgearbeiteten Geschehnisse wirken in Familie nach

Ein Video verbindet den ersten mit dem zweiten Teil des Stücks. Auch alte Filmsequenzen und Fotos von Boroumand und seinem Großvater sind darin zu sehen. Im Anschluss spielt Boroumand sich selbst. „Der Text des zweiten Teils verändert sich durch die Arbeit am ersten Teil noch ständig, wahrscheinlich muss ich bis kurz vor der Premiere Text lernen“, verrät Boroumand, der als Gast am Hessischen Staatstheater Wiesbaden engagiert ist. Etwa eineinhalb Stunden dauert „Er war ja nicht mal deutsch, der Wald“. Der Titel des Stücks bezieht sich auf ein Zitat des Großvaters, der sich nicht an Löscharbeiten eines Waldes beteiligen wollte, da dieser nicht deutsch war.

Boroumand hat während der Arbeit am Stück immer mehr gemerkt, dass die nicht aufgearbeiteten Geschehnisse in seiner Familie nachwirken, dass es etwas gibt, was nicht aufgelöst ist. Seine Familie reagierte zunächst abwehrend auf seine Idee, den Stoff auf die Bühne zu bringen. Inzwischen sei sie aber sehr interessiert und unterstütze Boroumands Vorhaben. „Ich glaube, meine Generation ist die erste, die das Thema persönlich aufarbeiten kann“, sagt er. Die Generation seiner Eltern habe eine Abwehrhaltung gehabt, das sei gesellschaftlich wichtig gewesen, habe aber dazu geführt, dass über die NS-Zeit geschwiegen wurde.

„Dadurch, dass er nicht darüber gesprochen hat, musste mein Opa die Kassette aufnehmen“, vermutet Boroumand. Viele Zeitzeugen sind mittlerweile tot, bei Nachfahren bleibt häufig eine Lücke zurück. Viele von Boroumands Freunden wünschen sich, dass auch sie so eine Kassette finden würden. „Klar kann man so eine Wissenslücke verdrängen“, sagt Boroumand, „aber man kann sie nicht ausklammern.“ Es sei wichtig, sich immer wieder auf den Holocaust zu beziehen, findet er. Dadurch verstehe man besser, was gerade passiert.

Ihn interessieren an dem Thema vor allem die Gefühle, der Umgang mit der Schuld, mit der Erinnerung an Vorfahren. Inzwischen erinnere er sich an seinen Großvater anders als früher: Er kennt die helle Seite des liebenswürdigen Opas. Doch es gab auch eine Zeit des Mannes im Krieg. An die will sich Boroumand mit dem Stück „rangraben“ und seinen Großvater gleichzeitig nicht stigmatisieren. „So etwas Persönliches habe ich noch nie gemacht, aber das ist auf diese Art auch gut“, sagt er.

Premiere von „Er war ja nicht mal deutsch, der Wald“ am Freitag, 20. Oktober, im Neuen Schauspiel, Lützner Straße 29. Außerdem am 8., 29,, und 30. November und am 7., 21., 22., und 23. Februar. Eintritt 13 , ermäßigt 10 Euro

Von Theresa Held

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