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Physikalische Erlösungsfantasie: Wilfried Schmickler bei der Lachmesse in Leipzig

Physikalische Erlösungsfantasie: Wilfried Schmickler bei der Lachmesse in Leipzig

Die Kabarettbühnen der Stadt sind zu klein für einen wie Wilfried Schmickler. Im ausverkauften Schauspielhaus zeigte er am Donnerstagabend im Rahmen der Lachmesse sein Programm "Ich weiß es doch auch nicht".

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Große Gesten gibt es nur für die Fotografen - sonst überzeugt Wilfried Schmickler mit Worten.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein flammendes, am Rande zur Derbheit verlaufendes Plädoyer wider die menschliche Dummheit.

Es herrscht Ausverkaufs-Stimmung in der Szene. Die FDP-Pointen müssen raus, so lange die Menschen die Abkürzung noch mit der Klientel-Partei in Verbindung bringen. Auch Schmickler tritt genüsslich nach, baut die Witzchen von der Stange allerdings elegant in einen Quasi-Prolog ein, als er noch für die Fotografen posiert (damit danach Ruhe ist). Ein kleiner Trick, um die Stimmung vorab auf Wunschtemperatur zu regulieren. Nötig hätte es der Rheinländer nicht. Mit seiner Bühnenpräsenz, dem sonoren Timbre und schnellen, aber klar gesetzten Worten hat er den Saal sowieso von der ersten Sekunde an im Griff.

Schmickler arbeitet sich durch die sozio-politischen Phänomene der Zeit, springt von der Bundestagswahl ("Kristina Schröder rangierte in der Beliebtheitsskala irgendwo zwischen Sepp Blatter und dem Ehec-Erreger") zu den Prognose-Scharmützeln der Wirtschaftsforscher (die in der "Expertenhölle" voll "Pech und Schwafel" landen). Von den Sprechblasen der Talkshow zu einer Gesellschaft, die ihre innere Leere mit Events und Popmusik-Gedudel betäubt, die in ihrer Effizienz-Sucht vor dem Haircut-to-go steht - und ihre Innenstädte mit Tunnelbauprojekten gefährdet, um den Nahverkehr nur im Minutenbereich zu beschleunigen. Schmickler, der Rheinländer, meint die Kölner U-Bahn - aber auf Leipzig passt's ja auch.

Schmickler bedient sich aus der klassischen Themenpalette der Polit-Kabarettisten und arbeitet sich eher impulsiv und bisweilen derb in der Wortwahl daran ab, als nach analytischer Tiefe zu streben. Aber das passt zu diesem Urgestein, dem man die Fassungslosigkeit (etwa über Merkels Beliebtheitswerte angesichts 7,3 Millionen Niedriglohn-Beschäftigter und anderen unrühmlichen Fakten) und eben auch Wut über das Treiben der politischen Klasse, Talkmaster, Spießbürger und willenlosen Konsumenten immer noch abnimmt. "Ist die Menschheit wirklich so bescheuert, wie sie tut", singt er in einem Lied. Und in der Empörung blitzt immer wieder, auch das eine belebende Facette seines Programms, die anarchische Lust auf, die unhinterfragte Ordnung herauszufordern: "Haben Sie schon mal im Flughafen mit dem Gedanken gespielt, ihr Gepäck unbeaufsichtigt zu lassen?"

Neben Liedern jongliert Schmickler wortverliebt und dynamischer als die meisten jungen Slam-Poeten mit präzisen Stabreimen, um den Kabarett-Monolog aufzulockern. Ebenso zielsicher greift er zum Mittel der absurden Übersteigerung, fantasiert die Königskrönung Merkels herbei oder betreibt theoretische Physik als Erlösungs-Fantasie: Wenn Volker Kauder nun auf einen Volker Kauder aus Anti-Materie träfe, einen Anti-Kauder, sie würden sich mit einem Lichtblitz in ein Nichts verwandeln. Man muss die physikalischen Vorgänge nicht genau verstehen. Aber klar ist: Schade wäre, träfe Schmickler auf einen Anti-Schmickler.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.10.2013

Dimo Rieß

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