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Pilgerfahrt nach „Graceland“

Pilgerfahrt nach „Graceland“

Die weiße Villa auf dem sanften, grasbewachsenen Hügel am Elvis-Presley-Boulevard in der Blues-Metropole Memphis im US-Bundesstaat Tennessee erzählt die Geschichte vom kurzen Leben des „King of Rock n Roll“.

Memphis. In „Graceland“ starb Elvis Presley 1977 mit nur 42 Jahren vereinsamt, verfettet und drogenkrank im Badezimmer. Jetzt, am 8. Januar, wäre er 75 geworden.  

 Die Zeit in „Graceland“ scheint stillzustehen. An der Eingangstreppe stehen zwei leerblickende lebensgroße Steinlöwen. Ein paar Stufen hinauf umrahmen riesige Säulen die pompöse Tür. Das gepflegte Herrenhaus ist noch immer so eingerichtet, wie Elvis es mochte. Mit Dingen aus den 70er Jahren, die andere für Kitsch halten. Bunte Farben, satte Samtstoffe, Spiegel, Kristallleuchter, kantige Formen. Im lichtdurchfluteten Wohnzimmer steht ein schwarzer Flügel. Um ihn herum tobten einst Priscillas dänische Doggen. Durch die hinteren Fenster sieht man eine malerische Pferdekoppel und einen kleinen Pool. Elvis-Memorabilien locken Hunderttausende  

„Graceland“ ist Wallfahrtsort und Rummelplatz zugleich. Zu der schmucken Villa und den Elvis-Museen gegenüber pilgern pro Jahr etwa 700 000 Fans. An den Geburts- und Todestagen des „Kings“ ist der Ansturm besonders groß - da versammeln sich schon mal 50 000 Fans zu einer Prozession im Kerzenschein auf dem Gelände. Führungen durch Haus und Museen sowie der Verkauf von Elvis-Souvenirs bringen „Elvis Presley Enterprises“ - dem Imperium, das alles, was mit dem „King“ zu tun hat, verwaltet - jährlich geschätzte 30 Millionen Dollar (20,8 Millionen Euro) ein.   

Der Rebell der Rockmusik, der mit seiner Stimme und laszivem Hüftschwung Mädchen reihenweise in Ohnmacht fallen ließ und den konservativen Süden erschütterte, wird in „Graceland“ mit all seinen Skurrilitäten präsentiert. Seine glitzernden Overalls, Klunker, Sonnenbrillen und Schusswaffen sind in einem separaten Trophäen-Haus ausgestellt. Videos zeigen sein legendäres Aloha-Konzert auf Hawaii, das 1973 via Satellit weltweit ausgestrahlt wurde. Eine Milliarde Zuschauer saß damals vor den Bildschirmen. Bis heute hält die Show alle Zuschauer-Rekorde als Fernseh-Event eines einzelnen Künstlers.  

Elvis Privatflugzeuge, der kleine Jet „Hound dog II“ und das große, nach seiner Tochter benannte Passagierflugzeug „Lisa Marie“ sind auf dem Ausstellungsgelände geparkt. Die alte Boeing 707 ist mit allen Schikanen ausgestattet. Schlafzimmer, eine Bar, Konferenzraum und zwei Badezimmer machten das Reisen für den Superstar, seine Familie und Freunde seinerzeit bequem. Als Elvis einmal bemerkte, dass seine kleine Tochter noch nie Schnee gesehen hatte, ließ er sie mit der Boeing kurzerhand nach Colorado fliegen und einen Schneemann bauen. Nur um sogleich wieder umzukehren und nach „Graceland“ zurückzudüsen. Freunde berichten mit Wehmut vom Verfall des „King“   

Im Auto-Museum sind Elvis’ Harley Davidson und sein berühmter pinkfarbener Cadillac zu bewundern. Der Mann besaß 22 Vehikel. Er war versessen aufs Autofahren, und er hatte Heißhunger auf Erdnussbutter und Bananensandwiches. So wurde aus dem schmucken Rock n Roller mit dem Schlafzimmerblick zuletzt eine aufgedunsene Karikatur seiner selbst. George Klein, ein enger Freund von Elvis aus den „Graceland“- Jahren, erinnert sich wehmütig. „Vielleicht hätte man ihm helfen können“, knarzt Klein, ein kurzgewachsener, selbstbewusster DJ und Fernseh-Moderator mit lauter Stimme. „Aber damals gab es keine Suchtkliniken wie zum Beispiel das Betty Ford Zentrum.“   

Elvis war ständig krank. Mal im Krankenhaus, dann wieder draußen. Der Cocktail aus Appetitzüglern, Aufputsch- und Beruhigungsmitteln vermischt mit Fressorgien forderte seinen Tribut. Aber keiner seiner Freunde glaubte damals auch nur im entferntesten, dass das Ende so nahe war. George Klein und Jerry Schilling, ein weiterer gemeinsamer Jugendfreund, dachten daran, Elvis zu betäuben und ihn heimlich in die Universitätsklinik zu bringen. „Aber das wäre zu beschämend gewesen für ihn“, meint Schilling.   

Die Loyalität seiner von ihm ausgehaltenen Freunde, vielfach auch „Memphis Mafia“ genannt, war für Elvis wichtig. Vor allem, nachdem Ehefrau Priscilla von seinen Seitensprüngen genug hatte und mit ihrem Karatelehrer durchbrannte. „Da ging es mit ihm bergab“, sinniert Schilling und fährt fort: „Nur wenige Menschen kannten Elvis und seinen Tiefgang wirklich gut.“ So habe der Musiker gern ernste Gespräche über Glauben und den Sinn des Lebens geführt und schmiss sein Geld nicht nur für Autos und Motorräder heraus. Elvis spendete Millionen an Kinderkrankenhäuser und für andere gute Zwecke. Auch das wissen nur wenige. „Graceland“ zeigt nur die schönen Seiten   

In „Graceland“ ist von den elenden letzten Jahren des „King of Rock n Roll“ nichts zu sehen. Das letzte Foto von Elvis zeigt ihn im Jahr 1973, noch halbwegs gut in Form. Das Vermarktungsunternehmen „Elvis Presley Enterprises“ stellt sicher, dass im Elvis-Tempel in Memphis nur die strahlende Seite des Superstars gepriesen und verhökert wird.   

Elvis hatte das Anwesen 1957 im Alter von nur 22 Jahren für 100 000 Dollar gekauft. Seine Eltern Gladys und Vernon zogen mit ihm dort ein. Im Musikzimmer wurde geprobt, im Billard-Zimmer gefeiert, und im Unterhaltungsraum konnten Fernsehprogramme auf drei Bildschirmen gleichzeitig angeschaut werden - das hatte sich Elvis von US-Präsident Lyndon B. Johnson abgeguckt. Die ehemalige Terrasse im hinteren Teil des Hauses wurde in ein „Dschungel-Zimmer“ mit Pelzen, Palmen und ausgestopften Tieren umfunktioniert.  

„In „Graceland“ war immer viel los“, erinnert sich Jerry Schilling. „Leute gingen ein und aus, es gab viele Partys. Wir waren jung und wild.“ Nur einmal hat Schilling Elvis sauer erlebt. Als er seine damalige Freundin uneingeladen mitbrachte. Das passte dem jungen Star nicht, der bei allem Spaß auch schon mit Anfang 20 Wert auf Etikette legte. „Elvis hatte durchaus scharfes Temperament“, sagt Schilling. „Er gab seinem Unmut durch Schmollen Ausdruck. Zog die Stirn in Falten und verfiel in kalte Schweigsamkeit.“ Ein schwarzer Kindheitsfreund erinnert sich   

Elvis Presley mit 75. Kaum vorstellbar. Vielleicht ein dicklicher Mann mit schütterem weißem Haar. So wie viele seiner Freunde aus seinem Geburtsort Tupelo (US-Bundesstaat Mississippi) heute aussehen. Sam Bell zum Beispiel. Der schwarze Sam und der weiße Elvis waren als Kinder unzertrennlich. Keine Selbstverständlichkeit im damals streng rassengetrennten Süden der USA. Sam und Elvis gingen durch separate Eingänge für Schwarze und Weiße ins Kino. „Sobald es dunkel wurde, kletterte Elvis über die Balustrade, um neben mir zu sitzen“, erzählt Sam grinsend.

Nicht nur musikalisch sprengte Elvis Presley also die Rassenschranken. Auch auf seinen besten Freund ließ er nichts kommen. Sam und Elvis stromerten durch Tupelo, gingen angeln, schwimmen und bauten Baumhäuser. „Elvis schleppte einen Besen mit sich herum, und tat so, als würde er Gitarre spielen“, erinnert sich Sam. Er hatte keine Ahnung von Musik, aber imitierte immer alle möglichen Songs auf dem Klavier.  

Beim Talentwettbewerb des Mississippi-Alabama-Volksfestes hatte Elvis als Fünftklässler in Tupelo seinen ersten Auftritt. Er trug damals eine Brille, stand auf einem Stuhl vor dem Mikrofon, sang die herzzerreißende Ballade über einen gestorbenen Hund „Old Shep“ - und ging kläglich unter. Ausgestochen von Shirley Jones, die mit „My Dreams Are Getting Better All The Time“ den ersten Platz belegte, 25 Dollar bekam und obendrauf drei Karussell-Fahrkarten. „Das war das beste am ganzen Wettbewerb“, erzählt Shirley heute und lacht. Ihre eindringlichste Erinnerung an den schlechten Sänger? Dass er ihrer besten Freundin mit einem handgeschriebenen Brief höflich den Laufpass gab, um mit einem anderen Mädchen anzubandeln. „Er fing früh an. Er liebte die Girls“, bestätigen alle seine Freunde. „Elvis-Girls“ schwärmen noch heute   

Sara Ann Patterson ist eines der berühmten und beneideten „Elvis- Girls“ aus Tupelo. Sie zählt nicht zu seinen Ex-Freundinnen, hatte aber ein unvergessliches Erlebnis: Sie wurde vom „King“ geküsst. Auch mit 68 Jahren und grau meliertem langem Haar sieht sie noch gut aus. Als 15-jähriger Teenager geriet sie 1956 bei einem begeistert gefeierten Konzert von Elvis Presley in Tupelo hinter die Bühne und bekam von dem Superstar eine Umarmung und einen Kuss. „Es war einfach ungeheuerlich“, erinnert sich die zierliche Frau. „Mir blieb fast das Herz stehen, ich wurde von all meinen Klassenkameradinnen beneidet und bekam Fanpost aus aller Welt. Die Sachen, die sie zu jenem denkwürdigen Konzert trug, hat sie nicht gewaschen - „bis sie zu Staub zerfielen“.   

1948 sang Elvis in der Milam Junior High School in Tupelo mit seiner 7-Dollar-Gitarre aus dem örtlichen Werkzeugladen ein Abschiedslied, dann zog die Familie ins rund 120 Kilometer nordöstlich gelegene Memphis in Tennessee. Im Waschkeller der Mietwohnung übte Elvis singen und Gitarre spielen. Er besuchte die L.C. Humes-Highschool, und seine Leidenschaft für Musik aller Art begann zu wachsen. Gospelsongs und der wilde Blues in den Clubs von Memphis berühmter Beale Street zogen ihn in den Bann. Elvis besuchte nächtliche Gospel-Sing-Alongs im „Ellis Auditorium“ - beobachtete dort die wilden Bewegungen der schwarzen Sänger und ließ sich von der Spiritualität und dem Schwung der Kirchenmusik mitreißen. Der Gospel blieb bis zuletzt seine Lieblingsmusik. Selbst bei den mörderischen Konzertserien in Las Vegas, wo er zwei Shows pro Abend gab, traf er sich nach Konzertende noch oft mit Freunden im Hotel und sang bis in die frühen Morgenstunden Gospel. Eine Sekretärin half Elvis auf die Sprünge  

Im Sommer 1953 machte Elvis seinen High School-Abschluss und jobbte als Lastwagenfahrer. Aber nur wenige Wochen später bahnte sich die Wende an. Der 18-jährige schmucke Junge, der Wert auf gelackte lange Haare, Koteletten und extravagante Kleidung aus den Edelboutiquen der „Lansky Brothers“ legte, ging mit vier Dollar in der Tasche ins „Sun Studio“, um eine seiner Balladen aufzunehmen. Er hoffte, dabei den damals legendären Produzenten Sam Phillips kennenzulernen, der mit seinem „Memphis Recording Service“ schwarze Blues-Größen wie B.B. King und Chester Burnette herausgebracht hatte. Phillips leitete das „Sun Studio“, war aber an jenem denkwürdigen Samstag im Juli nicht da. Elvis traf stattdessen die Studio- Sekretärin Marion Keisker. „Wie klingst Du denn, mein Junge?“ fragte die Dame. „Ich klinge wie kein anderer“, antwortete Elvis. Die beiden nahmen den alten Country-Song „My Happiness“ auf, den später Connie Francis bekannt machte.   

Frau Keisker fand die Schnulze toll, Sam Phillips war nicht überzeugt. Er lud Elvis Presley erst ein Jahr später auf Drängen der Sekretärin zu einer Studio-Session mit Scotty Moore an der Gitarre und Bill Black am Bass ein, als er einen Sänger brauchte. Auch diese Session, bei der Elvis vor lauter Nervosität mit dem Rücken zum Aufnahmeraum stand, lief nicht gerade gut. Erst als die Jungs um Mitternacht eine Pause machten, verlor Elvis seine Scheu, griff zum Mikrofon, tobte damit herum und sang einen alten Blues-Song, den er mal im Radio gehört hatte. Scotty und Bill stimmten ein, und Phillips ließ das Band mitlaufen. Er hatte seinen ersten Hit: „Thats Allright“.  

In der Radiosendung „Red, Hot and Blue“ wurde der Titel am nächsten Abend 14 mal gespielt - die Telefone liefen heiß, die Zuhörer waren begeistert. Keiner konnte glauben, dass hier ein Weißer sang. Zwei Jahre später war Elvis ein Superstar. Er empörte weiße Moralapostel mit seinem gewagten Hüftschwung und schwarzer Musik, sang sich in die Herzen von Millionen Mädchen, trat im Fernsehen auf, begann Filme zu drehen. Der „King of Rock n Roll“ war geboren. Der Mythos lebt weiter   

Zu seinem diesjährigen 75. Geburtstag werden wieder Pilgerströme in „Graceland“ erwartet. Sie kommen unter anderem aus Australien, Japan, Europa und Amerika. Sie legen Blumen, Andenken und Teddybären auf sein Grab. In den Andenkenläden fallen sie wie Heuschrecken über die Souvenirs her. Elvis-Imitatoren und Menschen in T-Shirts mit dem Konterfei ihres Idols auf der Brust tummeln sich am heiligen Gral. 50 Millionen Fans können nicht irren, hieß es zu Elvis’ Lebzeiten, als er für „Love Me Tender“, „Heartbreak Hotel“ und „Jailhouse Rock“ Goldene Schallplatten bekam. Heute bringen zehntausende zahlungskräftiger Fans immer noch viel Geld nach Memphis. „Maximal drei oder vier Jahre hätte ich dem Elvis-Kult nach seinem Tod gegeben“, sagt George Klein. 32 Jahre später schaut man sich den Rummel von „Graceland“ an und sieht: Elvis lebt!

Tina Eck, dpa

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