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Poetische Kraft des Nordens

Vor 200 Jahren wurde in Husum Theodor Storm geboren Poetische Kraft des Nordens

Vor 200 Jahren wurde in Husum der Dichter Theodor Storm geboren. Seine Bedeutung ist bei Literaturwissenschaftlern unbestritten – und es wird Zeit ihn wieder mehr zu lesen.

Mathias Wieman als Deichgraf Hauke Haien in dem Film „Der Schimmelreiter“ (Deutschland 1933; Regie und Buch: Carl Oertel und Hans Deppe).

Quelle: epd

Leipzig. „Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden, während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes beschäftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, ob von den ,Leipziger’ oder von ,Pappes Hamburger Lesefrüchten’.“

So beginnt „Der Schimmelreiter“, die letzte der gut 50 Novellen des morgen vor 200 Jahren in Husum geborenen Theodor Storm. Seine bekannteste – und seine beste. Schmucklos beginnt sie, nüchtern. Mit einem Satz schließt Storm die Zeiten kurz: Der da zu berichten beabsichtigt, tut es um das Jahr 1888, in dem Storm den „Schimmelreiter“ vollendete – kurz vor seinem Tod am 4. Juli. Das reichliche halbe Jahrhundert, über das ihn seine Erinnerung trägt in den Salon der Senatorin, katapultiert uns ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Und die Erzählung aus der blauen Mappe, die wir aus der Erinnerung vorgetragen bekommen, schlägt den Bogen noch einmal über Generationen zurück in die Jahre 1732 bis 1756, in die die Lebensspanne jenes Hauke Haiens fällt, der es bis zum Deichgrafen bringt, am eigenen Anspruch scheitert und an einer Umgebung, die für seine Ideen noch nicht reif ist. Und der nun, zur Zeit der blauen Mappe, die Nordfriesische Küste entlangreitet als Untoter, dem der Blanke Hans Frau und Kind nahm, und der danach selbst in die Fluten ritt.

Im Grunde birgt „Der Schimmelreiter“ alles, was Storm ausmacht. Und da Storm die Summe der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts zog, ist „Der Schimmelreiter“ immer noch hin und wieder Schulstoff. Allerdings in der Mittelstufe – was zu früh ist für dieses Sprachkunstwerk. Denn 15-Jährige sind schwer zu gewinnen für den sinnlichen Zauber, mit dem Storm das Watt schillern und den Sturm peitschen lässt, Blicke in kantige Friesen-Schädel erlaubt, oder für die Präzision, mit der er eine Dorfgesellschaft skiziert, die in der Aufklärung noch nicht angekommen, in ihrem Kampf gegen das Meer aber auch im Schoß von Mutter Kirche und altem Aberglauben nicht mehr geborgen ist.

Ihnen läge wohl mehr am Phantastischen, an der Geistererscheinung des Reiters mit den glühenden Augen auf dem mageren Schimmel, den niemand hört, den viele sehen. Aber ausgerechnet diese Erscheinungen belässt Storm im psychedelischen Ungefähr – als Chiffre für Bedrohtheit, Schicksal, die Entfremdung der Zeitalter und der Welten. Für diese Einbrüche des Übernatürlichen bedarf er, der Realist, der dreifachen Erzählklammer. Nur so kann er seinen Realismus zum „Poetischen“ weiten, für den er steht. Und der gar nicht so weit entfernt ist vom „Magischen“ der Kollegen aus dem Lateinamerika des 20. Jahrhunderts.

Der weit überwiegende Teil von Storms Novellen spielt an der Küste, in jenem Schleswig-Holstein, das bis 1864 zu Dänemark gehörte. Hier wird er geboren, hier geht er zur Schule, hier beginnt er als Teenager zu dichten. Hier macht sich der Spross einer Advokaten-Familie mit 24 als Anwalt selbstständig. Die Zulassung für diesen Brotberuf erkennen die Dänen ihm 1853 ab, weil er sich allzu sehr für die Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins eingesetzt hat. Storm geht ins Exil nach Potsdam, später nach Heiligenstadt im Eichsfeld, wo er als Richter arbeitet. Erst 1864 darf er zurück in die Heimat, erst als gewählter Landvogt, dann als Oberamtsrichter.

Schriftstellerei, Karriere, Familie, Heimat – das sind die Koordinaten seines Lebens. Storm könnte nun am Ziel seiner Träume sein: Er bekleidet in seiner Heimatstadt ein einträgliches und angesehenes Amt; mit seiner Frau Constanze, die er 1846 geheiratet hatte, hat er sechs Kinder, pflegt freundschaftlichen Umgang (meist in Briefen, Husum liegt doch sehr weit ab vom Schuss) mit Tycho und Theodor Mommsen (mit denen er in Studienzeiten in einer WG lebte), Gottfried Keller, Theodor Fontane, Paul Heyse, den Geistesgrößen seiner Zeit. Seine Novellen werden gelesen und gefeiert, seine Gedichte noch mehr. Doch dann stirbt 1856 bei der Geburt der Tochter Gertrud seine Frau. Zwar hat der Dichter da längst eine Beziehung zu Dorothea Jensen angefangen, die er im Jahr darauf heiratet. Aber seine Trauer fließt in „Tiefe Schatten“: „Dort in der Ferne ahn’ ich den Abgrund; Darin das Nichts.“

Sie sind wirklich tief, diese Schatten, tiefdunkel und tief empfunden, wohl die besten Verse, die dem Dichter Storm gelangen. Anders als bei den Novellen indes hat sich bei der Poesie nicht die Qualität durchgesetzt, sondern die Folklore: Seine Liebeserklärung an Husum, „die graue Stadt am Meer“ und, mehr noch, jener „Knecht Ruprecht“, den noch vor wenigen Jahren so ziemlich jeder einmal in seinem Leben auswendig zu lernen hatte. Schöne Verse, vertraute Verse, Verse aus einer verlorenen Kinder-Welt. Aber sie tragen wohl einen Teil der Schuld daran, dass Storm im 20. Jahrhundert im öffentlichen Bewusstsein zum Heimatdichter schrumpfte.

Gewiss: Manchmal legt sich Rührseligkeit aufs Gemüt, wenn in Novellen wie „Immensee“ (erste Fassung: 1849) eine Liebe vom Leben zermalmt wird, oder „Ein Bekenntnis“ (1887) ein Arzt seiner Frau Sterbehilfe gibt und zu spät erkennen muss, dass er sie hätte retten können. Und in manchen Gedichten fliegen Moral und Sentiment wohl auch recht tief. Aber derlei geht auf in einer Sprache, die sich bei allem Pathos, aller Sensibilität im Kern die schnörkellose Direktheit, Klarheit, Kraft des Nordens bewahrt hat. Storm schichtet sie zu klaren schönen Formen. Da hinein gießt er das Bild eines Jahrhunderts, das uns kulturell wie politisch tiefer geprägt hat, als uns lieb sein kann. Und es zeigt uns, dass Liebe und Tod kein Verfallsdatum kennen.

1880 lässt Storm sich frühzeitig pensionieren, um mehr Zeit für seine Schriftstellerei zu haben. Es entstehen einige seiner besten Arbeiten: „Die Söhne des Senators“, „Hans und Heinz Kirch“ ... Mitte der 80er wird der Magenkrebs diagnostiziert, dem er kurz nach der Fertigstellung des „Schimmelreiters“ erliegt.

„Er ist ein Meister, er bleibt“ sagte Thomas Mann 1930 knapp über sein Vorbild Storm. Damit dürfte er Recht behalten. Auch Literatur-Rezeption folgt wellenförmig den Gesetzen der Mode – und nach denen wird es Zeit für eine Renaissance. Mal wieder den „Schimmelreiter“ zu lesen, wäre ein guter Anfang. Und wer sein Kind oder seinen Enkel unter dem Tannenbaum „Von drauß vom Walde komm ich her“ aufsagen lässt, macht auch nichts falsch. Noch bleibt genug Zeit zum Auswendiglernen.

 

Von Peter Korfmacher

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