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Pralles Sittengemälde in Öl - Igor Strawinskys "Rake's Progress"

Pralles Sittengemälde in Öl - Igor Strawinskys "Rake's Progress"

In der Oper Leipzig feierte am Samstagabend Igor Strawinskys "Rake's Progress" Premiere. Die Kooperation mit dem Teatro La Fenice Venedig, bei der Damiano Michieletto Regie führte und Anthony Bramall dirigiert, wurde vom größten Teil des Publikums gefeiert.

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Quelle: Volkmar Heinz

In Anns Szene im zweiten Akt kommt alles zusammen: Derlei Akkordrepetitionen nutzte schon Claudio Monteverdi als Signal höchster Unruhe; die Streicher-Terzen scheinen aus dem Eingangschor von Bachs Johannes-Passion geborgt, das folgende Trompeten-Solo ist nach dem modelliert, mit dem Donizetti in "Don Pasquale" Ernestos Selbstmitleid ironisch überhöhte; die Gesangslinien von Rezitativ und Arioso verweisen auf Händel; das Ganze ist eingebettet in eine Nummernoper, die eine Verbeugung vor der Dramaturgie der Da-Ponte-Meisterwerke von Strawinskys Abgott Mozart ist; dessen Arien-Typologie und Ensemble-Magie ohnehin den kompletten rund zweieinhalbstündigen Dreiakter prägen.

So kann man "The Rake's Progress", Strawinskys 1951 in Venedig uraufgeführte mit Abstand erfolgreichste Oper inszenieren und musizieren. So kann man sie hören: als intellektuelles Vexierspiel für Kenner und Liebhaber, mehr oder minder geistreich die bis dahin rund 350-jährige Geschichte der Gattung durchmessend. Doch genau dies geschieht an der Oper Leipzig nicht: Der international höchst erfolgreiche Regisseur Damiano Michieletto vertraut ohne jedes Als-ob auf die Wucht der Geschichte vom Verführten, der aus Leichtfertigkeit zum amoralischen Wüstling wird.

Michieletto zeigt sie uns auf der Bühne Paolo Fantins und in den Kostümen Carla Tetis in drastischen Bildern. Da ist die heile Welt des Wochenend-Idylls im Vorgarten mit Autowäsche (des herrlichen Peugeot 204) und Gas-Grill. Da ist die zünftige Orgie mit Puffmutter Goose und ihrer schrägen Kompanie der Lust im Gold-gefüllten Swimmingpool, der boshafte Spaß der Heirat mit der fetten Türken-Baba im bonbonfarbenen Kleid inmitten dicker Bade-Tiere. Alles unter den riesigen Neon-Schriftzügen der sieben Todsünden, die erst abgewirtschaftet haben, nachdem Tom in faustischer Dummheit und Selbstüberschätzung Bankrott gemacht hat. Dan wird der leer versteigerte Pool zum Friedhof, zur Irrenanstalt, zum Grab.

Am Ende, bei der Moral von der Geschicht' vor dem Lametta-Vorhang, behält selbstredend das Böse die Oberhand. Da können Tom und Ann und ihr Vater noch so ausdauernd versuchen, Nick Shadow zu meucheln. Der Zweikampf zwischen ihm, der dunklen Macht, und Ann, dem Licht, der Liebe, ist im ersten Bild bereits entschieden.

Das klingt nach Moritat, nach Bilderbogen. Und das ist es auch. Aber Michieletto gelingt das Kunststück, diese Tableaus doch mit Menschen zu bevölkern. Die wunderbare Marika Schönberg als verlassen liebende Ann, der fabelhafte Norman Reinhardt als Naivling Tom, mit dem der grandiose Tuomas Pursio als geschmeidiger Diener-Verführer Nick auf den Spuren Don Alfonsos und Leporellos und Mephistos leichtes Spiel hat, die wunderbare Karin Lovelius als hysterische Baba, die exzellente Sandra Janke als dralle Puffmutter, der quecksilbrige Dan Karlström als Auktionator Sellem, Milcho Borovinovs mausgrauer Vater Trulove, Sejong Changs Anstalts-Wärter, der staunenswert wendige und selbst im Orgien-Umfeld überzeugende Chor nebst Komparserie: Sie alle machen Sittengemälde in dick aufgetragenem Öl aus einer Bilderfolge, die allzu oft mit holzschnittartiger Kargheit sich zufrieden gibt.

Was uneingeschränkt auch für die musikalische Seite der Medaille gilt. Gesanglich lässt die Besetzung keinen Wunsch unerfüllt: Schönbergs lyrische Wärme, Reinhardts geschmeidiger Tenorstrahl, Pursios schmeichlerischer Bariton, Lovelius' überspanntes Geschnatter und Gezeter, die kaleidoskopische Pracht des von Alessandro Zuppardo präparierten Chors - besser ist das nicht zu bekommen. Weil jeder Ton, jede Koloratur, jede Phrase Wärme atmet, Seele hat.

Am vielleicht eindringlichsten zeigt sich dies auf dem Friedhof. Da fordert Nick den Preis für seine Dienste und lässt sich auf ein letztes Kartenspiel ein. Dieser düstere Reflex auf die Rätselszene von Puccinis "Turandot" ist in gespenstischer Düsternis nur begleitet vom Cembalo. In nicht enden wollenden Ketten kantet Bo Price da die Tonarten gegeneinander. Mächtig kann das an den Nerven zerren. Das tut es auch hier. Doch unter dem vor innerer Erregung bebenden Gesang Reinhardts und Pursios tut es dies vor lauter quälender Anspannung. Für derlei inhaltliches Musizieren steht auch das klein besetzte Gewandhausorchester um Konzertmeister Andreas Seidel. Anthony Bramall, stellvertretender Generalmusikdirektor des Hauses, hat den Graben hochfahren lassen, damit die Sänger aussingen können, und das delikate Filigran der Partitur dennoch atmen kann und blühen.

Atmen und Blühen - das beschreibt überhaupt den Klang des Ensembles gut. Denn wo oft sonst die Musik im Trockendock verhallt vor lauter falsch verstandenem Historismus, der die Inspirationen intensiver in den Blick nimmt als das, was Strawinsky daraus machte, rastet sie hier emotional ein. Weil die Streicher sanft vibrieren dürfen und die obligaten Bläser in unwirklicher Schönheit Bögen spannen. Jonathan Müllers Trompete singt ein herrlich trauriges Solo, Peter Schurrocks Klarinette setzt gleisnerische Reflexe, David Petersens Fagott droht fahl aus der Tiefe, Dániel Embers Horn gibt ein wenig trügerischen Optimismus zu. Kommt dies alles zusammen, ist "Rake's Progress" ein reicher Quell von Schönheit - Ohrwürmer eingeschlossen, die mancher beim Verlassen des Hauses munter vor sich hin pfeift, summt, grummelt.

Bislang hat wohl noch keine Produktion der Ära Schirmer so deutlich gezeigt, wo er als Intendant hin will mit seinem Haus. Sinnlichkeit und Schönheit sollen auch dann für einen im keineswegs oberflächlichen Sinne schönen Abend sorgen, wenn Sperriges auf dem Spielplan steht. So inszeniert, gesungen, gespielt und so bebildert ist es nämlich nicht sperrig, sondern ein großer Musiktheaterabend. Entsprechend ausführlich fällt der Jubel im nicht ganz gefüllten Haus aus, in den sich aus Prinzip vereinzelt Buhs mischen.

Vorstellungen: 11., 24. April, 9. Mai (mit LVZ-Opernclub), 18. Mai; Karten gibt es im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Telefonnummer 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.04.2014

Korfmacher, Peter

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