Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Rassistische Anfeindungen in Altenburg: Schauspieler verlängern Verträge nicht
Nachrichten Kultur Rassistische Anfeindungen in Altenburg: Schauspieler verlängern Verträge nicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:28 06.03.2018
Bernhard Stengele vor einem Plakat mit dem Schauspieler Ouelgo Téné. Quelle: dpa
Anzeige
Altenburg/Graz

Fest steht: „Das Theater ist ein geschützter und angstfreier Raum.“ Doch Bernhard Stengele, Schauspielchef am Theater Altenburg, sieht mit Sorge, dass ausländische Künstler im Alltag inzwischen oft auf Ablehnung, Vorbehalte und Aggression stoßen. Das reiche von Kommentaren à la „Sprechen Sie erst mal Deutsch“ bis zu bedrohlichen Situationen auf dem Nachhauseweg. So sei ein Ensemblemitglied einmal von einer Horde junger Erwachsener umringt und angepöbelt worden. „Es ist dann zum Glück nichts Schlimmeres passiert“, berichtet Stengele.

Mehrere Schauspieler haben wegen der Anfeindungen ihre Verträge in Altenburg zum Saisonende nicht verlängert. Der Chef des Deutschen Bühnenverbandes Ost, Tobias Wellemeyer, spricht von „ekelhaften, rassistischen und bezeichnend dummen“ Vorfällen. Es sei zu erwarten, dass sich die Situation zuspitzen werde. Auch deswegen wollen die Theaterintendanten bei einer Tagung zu Wochenbeginn in Weimar über das Thema beraten.  

Ende Februar feiert Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ am Theater Altenburg Premiere. Der Afrikaner Ouelgo Téné schlüpft dabei in die Rolle des preußischen Pseudo-Hauptmanns. Auf der Bühne in der Ostthüringer Provinz ist das nicht ungewöhnlich. Seit fast fünf Jahren forciert Stengele dort internationales Theater. Zum Ensemble gehören nicht nur Schauspieler etwa aus der Türkei, Burkina Faso und Griechenland. Es entstanden auch Stücke in Kooperation mit einem Theater in Burkina Faso.

Was ist in Altenburg außerhalb des Theaters passiert? Die betroffenen Schauspieler wollen dazu keine Interviews mehr geben. Zum einen, weil sie nicht in eine Opferrolle gedrängt werden wollen, erklärt der Schauspieldirektor. Zum anderen wollen sie sich auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren. Es sei ihnen bewusst gewesen, „dass wir in einer Gegend leben, in der fremdenfeindliche Kräfte immer wieder mal das Stadtbild bestimmen können“, teilen sie auf Anfrage in einer schriftlichen Erklärung mit. Seit Sommer 2015 habe sich das Klima vor Ort aber massiv verschlechtert. „Dadurch ist das Leben in Altenburg für Menschen, die fremd aussehen, schwieriger geworden.“

Wie auch in vielen anderen Orten machen in Altenburg seit Monaten rechte Gruppen mobil. In der 33 000-Einwohner-Stadt organisiert ein sogenanntes Bürgerforum Stammtische und Kundgebungen. Dabei wurde in der Vergangenheit auch zum Boykott des Theaters und des renommierten Altenburger Lindenau-Museums aufgerufen.

Zwar sei Fremdenfeindlichkeit kein spezielles Problem von Altenburg, betont Stengele. Anders als etwa in Berlin, Leipzig oder Dresden fehle es aber an alternativen Orten und studentischen Szenen, wo die Künstler in ihrer Freizeit sorglos abtauchen könnten.

So ist am Gewandhausorchester Leipzig, wo Künstler aus 16 Nationen arbeiten, nicht bekannt, dass jemand dort wegen fremdenfeindlicher Angriffe ein Engagement aufgegeben hätte. Ähnliches erzählt Erfurts Generalintendant Guy Montavon. Der Schweizer leitet seit etwa 15 Jahren das Erfurter Theater und ist Vorsitzender des Thüringer Bühnenvereins. Drei von zehn Mitgliedern seines Ensembles haben ausländische Wurzeln. Ihm sei nicht bekannt, dass sie wegen ihrer Sprache oder Hautfarbe angefeindet wurden. Die Vorfälle in Altenburg nennt er „einen ungeheuerlichen Vorgang“.

Rassismus im Alltag erleben Künstler auch im österreichischen Graz. Erst vor wenigen Tagen sei ein Schauspieler mit deutscher Staatsbürgerschaft und schwarzer Hautfarbe in einem Café als „Parasit“ und „Pöbel“ beschimpft worden, berichtet die Sprecherin des Schauspielhauses, Martina Maier. „Zuvor ist es am Tag nach dem Wahlsieg von Donald Trump zu zwei verbalen Angriffen auf Schauspieler gekommen.“ Offensichtlich seien Anfeindungen dieser Art gesellschaftsfähig geworden.

Um die Öffentlichkeit aufzurütteln, hat das Theater Ende vergangenen Jahres mit einem Aushang reagiert. „Wir hoffen und wünschen uns, dass das Land, in dem wir leben und arbeiten, weiterhin von Menschlichkeit, Solidarität und Freiheit geprägt ist“, heißt es darin. „Wir glauben, dass Angst, Hetze und Spaltung die falschen Kräfte sind, die eine Gesellschaft leiten. Wir entscheiden uns für die Zuversicht!“

Von LVZ

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die erste Solo-Tournee von Dieter „Maschine“ Birr nach der Auflösung der „Puhdys“ steht unter einem schlechten Stern. Zum Auftakt in Leipzig kamen nur 800 Zuschauer.

 
22.01.2017

Eine neue Livemusik-Bar für den boomenden Leipziger Stadtteil Plagwitz: Am Samstag eröffnet in der Erich-Zeigner-Allee der Pool Garden.

21.01.2017

Unternehmer Hasso Plattner will mit seinem Museum den Ostdeutschen etwas zurückgeben. Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) luden Plattner und Museumsdirektorin Ortrud Westheider am Donnerstag zur Auftaktpressekonferenz. Dabei wurde auch deutlich, was den Kunstsammler antreibt.

19.01.2017
Anzeige