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Kultur Reden war gestern - Reinhold Beckmann bekommt Reportage-Reihe in der ARD
Nachrichten Kultur Reden war gestern - Reinhold Beckmann bekommt Reportage-Reihe in der ARD
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22:49 22.02.2015
Reinhold Beckmann will das Talken anderen überlassen. Quelle: Angelika Warmuth
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Leipzig

Auf den Bildschirmen startet der Film. Die Bilder bewegen sich stumm. Es fehlt die Stimme aus dem Off. Also liest Beckmann den fehlenden Text an den entsprechenden Stellen einfach laut vom Blatt ab. 45 Minuten später legt er die Zettel zur Seite und sagt: „Bei diesem Film vertrauen wir auch auf die Kraft der Bilder. Da muss man nicht alles zutexten. Man kann ein Bild auch mal etwas länger wirken lassen.“

15 Jahre hatte Beckmann seine eigene Talkshow. Alles lief gut, bis Günther Jauch zur ARD kam. Plötzlich waren im Ersten fünf Talkshows unterzubringen. Beckmann musste am Montag für Frank Plasberg weichen. Am Donnerstag lief es fortan nicht mehr so gut. Im Frühjahr 2013 erhielt er die Chance, selbst den Verzicht auf die Talkshow zu erklären. In einer der letzten Sendungen hatte er Songül Tolan zu Gast. Das war im August, der Völkermord des IS an den Jesiden im Nordirak hatte gerade begonnen. Was die Berlinerin über ihre Volksgruppe zu erzählen hatte, hinterließ bei Beckmann nachhaltig Eindruck.

„#Beckmann“ heißt die neue Sendung. Sie wird in diesem Jahr zehnmal zu sehen sein. Die Zusammenarbeit ist zunächst für zwei Jahre vereinbart. Jede Folge widmet sich einem anderen Thema, das im Netz um ein Paket aus weiterführenden Informationen, Film- und Fotomaterial ergänzt wird. Zum Auftakt heute geht es um deutsche Kämpfer gegen den IS-Terror und das Elend der geflohenen Jesiden im Nordirak. Kein Thema, bei dem Zuschauer massenhaft einschalten. Der gebührenfinanzierten ARD ist es aber wichtig genug, einen Themenabend zu veranstalten. Beckmann ist damit zurück am Montagabend. Plasberg wird im anschließenden „hart aber fair“ aus deutscher Sicht über das Flüchtlingsthema diskutieren lassen.

Jesidische Flüchtlinge in einem Zeltlager in der Kurdenregion. Quelle: Antonio Pampliega

In dem Film begleitet Beckmann einen von Songül Tolan organisierten Hilfskonvoi aus Oldenburg in die umkämpften Gebiete im Nordirak. Er trifft die Mitglieder einer jesidischen Familie aus Bad Oeynhausen, die im Sindschar-Gebirge ihr Volk gegen den IS-Terror verteidigen. Und er besucht Flüchtlinge, denen es an allem fehlt. An einer Stelle im Film bricht Songül Tolan in Tränen aus. Die Kamera bleibt drauf, filmt, wie Beckmann sie zu trösten versucht. Seine Stimme erstickt in Tränen. Muss man das zeigen?

Beckmann diskutiert die Frage nicht zum ersten Mal. In einem Film, halb Reportage, halb Dokumentation, kann zu viel Gefühl auch abstoßen. Beckmann sagt, er wisse noch nicht, ob die Szene drin bleibt oder ob er zumindest die eigene tröstende Umarmung herauslässt. Andererseits: „Reportage machen heißt immer auch, neben dem Politisch-Rationalen den emotionalen Kontakt mit den Menschen aufzunehmen. Diese Szene ist Teil der Realität.“ Er mache schließlich kein „Korrespondentenfernsehen“.

Beckmann stört, dass in der bisherigen medialen Aufbereitung dieses Themas „jeder deutsche Dschihadist bei uns seine Biografie bekommt. Die Flüchtlinge dagegen haben keine Lobby.“ Schon in der Talkshow mit Songül Tolan hat ihn das Leid der Jesiden persönlich angefasst, erst recht, nachdem er die Beweggründe der vielen in Deutschland lebenden Jesiden verstanden und die Wirklichkeit und das Leid im Nordirak zwei Wochen selbst erlebt hatte. Wer beim Anblick eines Genozids verlangt, Distanz zu wahren, erntet sein Unverständnis: „Wer das kann, hat selbst einen Webfehler.“

„#Beckmann“ ist für ihn die Chance, sich mit hoher Intensität einem Thema widmen und am Ende vielleicht sogar etwas dazulernen zu können. Ihn hat überrascht, dass er, der Kriegsdienstverweigerer, der „typische Parade-Pazifist der Siebziger“, nach den Recherchen mit Ko-Autor Helmar Büchel verstehen kann, dass die Bundeswehr den Freiheitskämpfern der kurdischen Peschmerga den Umgang mit Waffen vermittelt. Es ist spät geworden, Beckmann wirkt abgespannt. Am Montag wird er 59. Der Film ist immer noch nicht fertig. Er scheint ihn aber mehr zu erfüllen als manche seiner Talksendungen.

„#Beckmann“, ARD, Montag, 20.15 Uhr

Ulrike Simon

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