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René Meyer aus Leipzig bringt auf Buchmesse Computerspiele und Literatur zusammen

René Meyer aus Leipzig bringt auf Buchmesse Computerspiele und Literatur zusammen

"Ab hier sind wir analog.“ René Meyer steht im Wohnzimmer seines Hauses, von zwei Seiten scheint die Sonne in den Raum, in dem es tatsächlich weder Computer noch einen Fernseher gibt.

Über die Sitzlandschaft ist analoges Spielzeug seiner beiden Kinder verteilt, man müsse da vorsichtig sein in einem Haushalt mit 5000 Computerspielen, sagt er. Die Bücherregale sind randvoll mit Karl-May-Werkausgabe, Karl-Kraus-Bänden, Schauspieler-Biographien, allen Harry-Potter-Teilen und reichlich Sci-Fi-Literatur. Meyer ist Mitglied im Freundeskreis Science Fiction Leipzig, der das Festival Elstercon organisiert. Während in der Küche zwei Zwergkaninchen noch dem Gurgeln der Kaffeemaschine lauschen, öffnet er die Türen zu seinem digitalen Reich.

So müssen sich Computer-Freaks, Online-Rollenspieler und Retro-Games-Freunde das Paradies vorstellen. Die PC-Spiele sind nicht nur nach Genres sortiert, sondern so, dass die jeweils liebsten in Kopfhöhe stehen. Über dem Schreibtisch hängt eine Urkunde: Mit seiner weltweit größten Sammlung von Spielkonsolen hat es Meyer 2007 ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Dank Ebay kommen immer neue Stücke hinzu. Schon seit 2002 stellt er sie regelmäßig aus, die Konsolen und zunehmend die dazugehörigen Spiele, Bücher und Zeitschriften, auch auf Buchmessen wie jetzt in Frankfurt.

Deren Direktor Juergen Boos sieht die klassische Buchbranche im Wandel, die Inhalte gedruckter Bücher in andere Medien eingehen. Jetzt kann Meyer, der sich mit seinen Büchern und Webseiten um ein besseres Image der Computerspiele bemüht, dabei helfen, das Image der Buchmesse aufzupolieren.

1970 in Leipzig geboren lernte er Mitte der 80er Jahre Programmiersprachen wie Basic und begann, selbst Programme und Spiele zu entwickeln. Nach einigen Semestern Informatikstudium, das er mit Texten in Fachzeitschriften und Tageszeitungen finanzierte, verlegte er sich ganz aufs Schreiben, auch von Fachliteratur wie „Easter Eggs – versteckte Gags in Software“, „Das inoffizielle Lösungsbuch für Tomb Raider 1–6“ oder die Buch-Serie „Mogelpower“, der „Grundstein des Imperiums“, die inzwischen im gleichnamigen Onlinemagazin aufgegangen ist. Als im Internet die ersten Tricks-und-Tipps-Seiten entstanden, sei ihm klargewesen, dass Spieler diese Angebote nutzen würden, ob er nun dabei sein würde oder nicht. Also war er dabei. Und die Bücher konnten von der Internetpräsenz profitieren. „Für uns war das gut, für Brockhaus schlecht“, kommentiert er die Entwicklung zum elektronischen Buch, „weil sie es total verschlafen haben“.

Leider gebe es so gut wie keine Museen für Konsolen und alles was damit zusammenhängt – und was heute schon kulturgeschichtlich aufgearbeitet werden könnte, bedauert er. Ein eigenes Spielemuseum – das wäre sein Traum. „Doch durch den Umzug der Fachmesse Games Convention von Leipzig nach Köln ist hier dafür  erstmal verbrannte Erde.“ Es sei zum Beispiel interessant zu verfolgen, wie Inhalte technische Entwicklungen beeinflussen. An der Verbreitung von DVDs und HD-TV etwa waren Spiele stark beteiligt. „Die PlayStation 2 war einer der ersten DVD-Player, die PlayStation 3 einer der ersten Blu-ray-Player“, erklärt Meyer. Derzeit seien Spiele die am meisten verbreiteten hochauflösenden Inhalte, deren technische Anforderungen ein Grund für immer schnellere Rechner mit immer besserer Bildqualität und schnellerem Internet.

René Meyer ärgert das schlechte Image von Computerspielen. „Es ist immer noch leichter zu sagen: Ich spiele Golf“. Systeme wie das iPad, glaubt er, werden daran bald schon etwas ändern, Geräte nämlich, die zusammenbringen, was auch Buchmessedirektor Boos zusammenbringen will: Musik, Geschichten, Bilder, Grafiken und Interaktion. „All das zusammen hat kein anderes Medium“, sagt Meyer, und:  „Das Computerspiel lernt von anderen Medien. Aber die anderen Medien können auch vom Computerspiel lernen. Übrigens haben große Autoren wie Douglas Adams  auch Drehbücher für Spiele geschrieben.“

Für ihn schließen sich Tradition und  Entwicklung nicht aus. Natürlich schätze er es, in einer Zeitschrift zu blättern, doch andererseits würden ihm elektronische Archive sehr fehlen. Das Buch, denkt er, wird mit anderen Medien verwachsen, so wie das bei Hörbüchern bereits der Fall ist.

Juergen Boos bemüht sich schon länger darum, digitale Themen auf die Buchmesse zu holen. Nachdem 2009 das „Jahr der Endgeräte“ war und elektronische Lesegeräte im Vordergrund standen, geht es diesmal um die Beziehung von Technik, Technologie, Inhalt. Und um den komplizierter werdenden Lizenzhandel, wenn mit den Rechten an Texten auch die für Spiele oder Filme verhandelt werden.

Neue Medien werden das alte Buch nicht verdrängen. Vielmehr können sie an Literatur heranführen. Und darum geht es doch: Geschichten zu erzählen.

Janina Fleischer

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