Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Revolution im Burnout – Café der Leipziger GfZK heißt jetzt „DAS KAPITAL“
Nachrichten Kultur Revolution im Burnout – Café der Leipziger GfZK heißt jetzt „DAS KAPITAL“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:35 31.05.2018
Konzipierte mit Kuratorin Julia Schäfer das Café „DAS KAPITAL“: Markus Dreßen, Professor für Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Quelle: Armin Kühne
Leipzig

Ohne das Kapital des Unternehmers Arend Oetker gäbe es die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig nicht. Selbstverständlich auch nicht den 2004 eröffneten preisgekrönten Anbau GfZK-2 mit seinem Café an einem der schönsten Orte in Leipzig. Alle paar Jahre erfindet es sich als ein belebtes Kunstwerk neu. Nach „Café Neubau: Club Weezie“ von Anita Leisz (2004–2008), Paris Syndrom von Jun Yang (2008–2010), „KAFIC“ von Apolonika Šušteršic and Meike Schalk (2010–2014) und „Café bau bau“ von Céline Condorelli (2014–2018) firmiert es nun, im Marx-Jubiläumsjahr, als Café „DAS KAPITAL“. Gestaltet hat es Markus Dreßen, Professor für Grafikdesign an der benachbarten Hochschule für Grafik und Buchkunst, es kuratierte Julia Schäfer von der GfZK.

Der Versuchung, den Klassenkampf in die Nussschale zu tragen, hier und da zum Sound der Kaffeemaschine ein bisschen systemkritisch Schaum zu schlagen oder vielleicht im Sinne des vor 200 Jahren geborenen Trierers der Kulturindustrie in die Suppe zu spucken, ist er nicht erlegen. Darum ging es dem 1971 in Münster geborene Dreßen eher nicht.

Keine Marx-Folklore

„Im Laufe des Projekts bin ich von jeglicher Marx-Folklore weggegangen. Für mich haben eher Fragen des Gemeinsinns oder der Zusammengehörigkeit der Gesellschaft eine Rolle gespielt, auch vor dem Hintergrund, dass heute oft die Rede ist von einer zerrissenen, auseinanderdriftenden Gesellschaft und dass der Kern verloren geht“, sagt Dreßen. Er habe sich gefragt, was in Zeiten des flüchtigen Kapitals und der Digitalisierung aus den klassischen sozialen Orten werde – wie eben einer Kneipe mit gemischtem Publikum.

Entstanden ist so etwas wie ein Wohnzimmer, in dem die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum verwischen, und gleichzeitig eine Art Bühne mit Requisiten und Design-Zitaten. „Das Kapital“ steht draußen auf einem Schild an der Wand – allerdings in chinesischer Schrift, was Gäste schon mal annehmen lässt, dass hier jetzt Frühlingsrolle und Pekingente angeboten würden. Tatsächlich zeigt die Schrift nach draußen, in eine Welt, in der China gerade zum großen Überholmanöver ansetzt, Marx, Mao und Mammon verblendet.

Das vielleicht stärkste Zeichen hängt im Café: ein Banner in der Bildsprache des südeuropäischen Klassenkampfs, Weiß auf Rot. Portugiesisch „Clube dos depressivos“, Club der Depressiven, heißt es darauf. Der Stoff hängt durch – die Revolution hat Burnout, der Kapitalismus in fast jedem Winkel der Welt gesiegt. Das könnte man herauslesen. Oder aber fragen, ob die Depression nicht eine Form des passiven Widerstands, des Ausstiegs aus dem Hamsterrad ist. Vom Kampf um Gerechtigkeit jedenfalls ist eine melancholische Reminiszenz geblieben.

Holzklasse oder Fauteuil?

Das Banner, das laut Dreßen gerne auf die Straße gebracht werden darf, hängt über ausrangierten Berliner S-Bahn-Sitzen aus der Holzklasse. Sie wurden wie ein Großteil des Mobiliars bei Ebay ersteigert. Am Tresen können Gäste Platz nehmen auf Schalensitzen für Traktoren, die auf die alten Gestelle montiert wurden. Sie können sich aber auch – mit bestem Ausblick ins Grüne – in zwei „Knieschwimmer“-Fauteuils von Adolf Loos aus dem Jahr 1906 niederlassen, hier als Lizenznachbau vertreten. Dreßen, Schäfer und das GfZK-Team haben kein homogenes, soziologisch bestimmbares Interieur hergestellt, sondern Sitzgelegenheiten platziert, die sich gewissen Schichten zuordnen, auf denen sich Wechselwirkungen zwischen Sitz- und anderen Haltungen nachspüren lassen.

Am Tresen spielt ein Blumengesteck auf eine der ersten Spekulationsblasen an, die so genannte „Tulpenmanie“ in den Niederlanden der Jahre 1636/37. Expliziter geht es im „Backstage-Bereich“ zu, wo zwar die Türen mit den Aufschriften „Ladies“ und „Gents“ – zu dem führen, was man erwartet. Auf zusätzlichen Tapetentüren sind sie dann doch wieder da, die Klassen, zum Beispiel „Das Proletariat“, „Old Money“, „La Bourgeoisie“, die „Working Class“, „Le Nouveau Riche“ oder der „Club der Intelligenz“. Sag mir, wo Du stehst – und durch welche Tür du gehst.

Rund 30 Exemplare aus seiner eigenen Lampensammlung hat Dreßen beigesteuert: Spacige, baumkuchenförmige Leuchten von Peill & Putzler aus den 60ern und 70ern – einer Zeit, in der Fortschritt noch positiv besetzt war. Es gehe in dem Café auch ums Teilen und um Teilhabe, sagt Dreßen – und fügt etwas hinzu, was dann doch ganz nah bei Marx und seiner Kritik der politischen Ökonomie ist: Er finde es beängstigend, wenn die acht reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die ärmeren 50 Prozent der Menschheit – also etwa 3,8 Milliarden Menschen. „Da frage ich mich, warum man nicht erstmal mit diesen acht redet, bevor man eine ganze Gesellschaft mobilisiert und teilweise gegeneinander aufhetzt.“

Von Jürgen Kleindienst

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Jugendsinfonieorchester Leipzig und das St.-Stephan-Jugendorchester aus Budapest teilen sich ein Konzert im Gewandhaus und beschreiten dabei unter der Leitung von Gábor Horváth und Ron-Dirk Entleutner unterschiedliche Wege.

27.05.2018

Die Koproduktion „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“ feiert Premiere in der Schaubühne Lindenfels. Philipp J. Neumann führte Regie, Sophie Bauer leitete ihren Kinderchor der Oper Leipzig und das Orchester der Musikalischen Komödie.

27.05.2018
Kultur Musikcomedy im Haus Leipzig - Pawel und Dorota Popolski bejubelt

Mit seinem Programm „Außer der Rand und der Band“ hat Achim Hagemann alias Pawel Popolski für einen unterhaltsamen Abend im Haus Leipzig gesorgt. Richtig rund ging es aber erst, als nach der Pause eine gefeierte Schönheit die Bühne betrat.

30.05.2018