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Rezension des Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge

Rezension des Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist das Roman-Debüt des 1954 im sowjetischen Soswa geborenen Eugen Ruge. Aufgewachsen ist er in der DDR, die er 1988 verließ.

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Eugen Ruge erhält für seinen DDR-Roman den Deutschen Buchpreis 2011

Für seinen DDR-Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erhält Eugen Ruge den Deutschen Buchpreis 2011.

Quelle: dpa

Sein Roman ist die Geschichte einer Familie und die eines untergehenden Landes. Ruge erhält dafür den „aspekte“-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis 2011.

Momente des Glücks gibt es kaum in diesem Roman, der knapp 50 Jahre überspannt. Ausgangspunkte für die Erinnerungen sind der 1. Oktober 1989 und der September 2001 – symbolträchtig verknüpft mit der Friedlichen Revolution und den Anschlägen auf das World-Trade-Center. So markieren ausgerechnet die zeitlichen Verankerungen Momente der Auflösung, der Umbrüche und Verunsicherungen.

Im Jahr 2001 erfährt Alexander, Alter Ego des Autors, unheilbar krank zu sein. Er hat vielleicht noch fünf Jahre zu leben, vielleicht sind es zehn. Aus dem Krankenhaus fährt er ins Haus seines Vaters Kurt, eines dementen, störrischen Mannes. Mutter Irina starb schon vor Jahren. Was Kurt verloren geht, beginnt Alexander zu interessieren: Erinnerungen. Er schnappt sich Dokumente, Briefe, Geld und reist – oder flieht er? – nach Mexiko. Exil seiner Großeltern, bevor sie Anfang der 50er Jahre in die DDR kamen.

Großmutter Charlotte und Stiefgroßvater Wilhelm sind ein zwiespältiges Paar. In Mexiko an Wohlstand und Annehmlichkeiten wie Hauspersonal gewöhnt, wohnt ihre kommunistische Gesinnung weniger im Herzen als in einem Verlies aus Machtinstinkt, Intoleranz und Dünkel. Wilhelm war gelernter Schlosser, Charlotte hatte vier Jahre Haushaltschule   – „erst die Kommunisten hatten ihre Talente erkannt, hatten ihre Fremdsprachenausbildung gefördert, hatten sie mit politischen Aufgaben betraut“. Sie bringt  es zur Institutsdirektorin und Wilhelm zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold.

Fast ins Groteske spielen die Beschreibungen des 90. Geburtstags Wilhelms an jenem 1. Oktober, zu dem Ruge immer wieder zurückkehrt, den er aus den sehr verschiedenen Perspektiven der Beteiligten umkreist: Kurt, Charlotte oder Irinas Mutter Nadjeshda Iwanowna, eine schrulligen Alte, die in einem Museum aus Erinnerungen und Sehnsucht nach der Heimat haust. Oder auch aus der Perspektive von Alexanders pubertierendem Sohn Markus. Jeder bekommt eine eigene Stimme, die sich auch in eigener Sprache zeigt.

Alexander aber fehlt bei Wilhelms Feier. Er hat die DDR verlassen. So konnte er sich nicht – wie gewohnt – um den Ausziehtisch kümmern, auf dem das Buffet angerichtet werden soll. So kommt es zu kleinen Zusammenbrüchen im großen.  Sie spiegeln sich in einem Panoptikum aus Nachbarn, Funktionären und Partei-Schranzen, die den Wind schon spüren, in den sie ihr Mäntelchen bald hängen werden. In dem immer düsterer und bedrückender wirkenden Haus voller ausgestopfter Tiere ist der Jubilar das Oberhaupt einer Saurierversammlung. Komisch und entsetzlich zugleich, wenn er schließlich leise singt: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht  ...“ Senil zwar, aber alles dominierend.

Die in dieser wiederkehrenden Szene unvermeidbaren Redundanzen erweisen sich als Stärke des Romans, ermöglichen sie doch mehrschichtige Porträts der Kommunisten, Karrieristen und Zweifelnden. Wilhelms Sohn Kurt war in der Sowjetunion interniert, weil er 1941 in einem Brief über den „Freundschaftsvertrag zwischen Stalin und Hitler“ geschrieben hatte, „die Zukunft werde erweisen, ob es vorteilhaft sei, mit einem Verbrecher Freundschaft zu schließen“. Offiziell hieß das „Kritik an der Außenpolitik des Genossen Stalin“ und vor Gericht „Antisowjetische Propaganda“ sowie „Bildung einer konspirativen Organisation“.

Dass und wie es Kurt nach seiner Rückkehr aus der Verbannung zu einem angesehen Historiker bringt, dessen Bücher Regalmeter füllen, gehört als Folge vieler kleiner politischer Tauwetter zu den Ambivalenzen der DDR, die keine Behörde erklären kann, die sich nur aus ihr heraus, quasi mit Gummistiefeln im Schlamm, verstehen lässt. Auch so: Während Wilhelm als selbstgerechter Funktionär erscheint, geht es Kurt um Ideale. Als Wilhelm die Hymne von der immer Recht habenden Partei anstimmt, empfindet Kurt das nicht mehr nur als dumm, sondern verbrecherisch. „Im Grunde, dachte er, war es die kürzeste Formel für das gesamte Elend.“

Doch Ruge legt Alexanders Auseinandersetzungen mit Eltern und Großeltern nicht nur politisch, sondern auch persönlich an. Auf der einen Seite sind kalte Despoten, auf der anderen trinkt sich  Mutter Irina ins Grab. In einer eindringlichen Szene, es ist das Weihnachtsfest 1991 und Alexander aus Moers angereist, streiten er und Kurt im Wohnzimmer über den „Ausverkauf der DDR“, über die Unterscheidung von Sozialismus und DDR, über Verluste und Gewinne durch den Systemwechsel, während Irina in der Küche die Gans zubereitet und ihr Whisky für Whisky das Essen wie auch das Leben entgleitet.

Bringen hin und wieder Loriot-hafte Dialoge Leichtigkeit in dieses Gesellschaftspanorama, überlastet an anderen Stellen die Symbolhaftigkeit den

Familienroman. Etwa wenn Alexanders Sohn Markus in einem Berliner Techno-Club auf Droge kommt oder mit dem neuen Mann seiner Mutter aneinandergerät – einem einst widerständigen Pfarrer, der nun im Bundestag sitzt.

Erst im fernen Mexiko kann er zu sich kommen. Im Sinne des Erwachens wie auch im Sinne einer Befreiung von Dämonen. Nach all den Jahren des abnehmenden Lichts in den Wohnungen, Köpfen und Seelen ist dies ein kleiner Moment des Glücks.

Eugen Ruge:

In Zeiten des abnehmenden Lichts.

Roman.

Rowohlt Verlag.

426 Seiten,

19,95 Euro

Janina Fleischer

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