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Riccardo Chailly holt das komplette Weihnachtsoratorium ins Gewandhaus

Riccardo Chailly holt das komplette Weihnachtsoratorium ins Gewandhaus

Über Weihnachten war Riccardo Chailly mit dem Dresdner Kammerchor und dem Zürcher Oiriginalklangensemble "La Scintilla" im Heiligen Land und hat in Bethlehem und Jerusalem Bachs Weihnachtsoratorium dirigiert.

Heute und morgen nun stehen die sechs Kantaten im Großen Concert des Gewandhausorchesters auf dem Programm. Damit ist Chailly nach Carl Reineke, der 1861 einige Ausschnitte im Gewandhaus dirigiert, der erste Gewandhauskapellmeister, der das Hauptwerk Bachs in den Konzertsaal holt. Peter Korfmacher sprach mit ihm.

Frage: Sie haben über die Feiertage in Israel und Palästina dirigiert ...

Riccardo Chailly: Es war eine tiefe spirituelle Erfahrung: In Bethlehem in der Franziskanerkirche, 50 Meter neben dem Ort, an dem damals die Krippe Jesu stand, in Jerusalem in der Erlöserkirche direkt am Grab - das ist einzigartig, ein Erlebnis, das man nie vergisst. Ich bin Alexander Pereira, dem Intendanten der Oper Zürich, dankbar, dass er das ermöglicht hat. Im Gewandhaus geht es um eine andere Einzigartigkeit, um die des Klangs, um seine Perfektion. Und auch das hat eine spirituelle Dimension: Das Gewandhausorchester, das Bach so eng verbunden ist wie kein anderes auf der Welt, spielt im eigenen Saal die Musik dieses Komponisten.

Sie haben das Weihnachtsoratorium in den vergangenen beiden Jahren mehrfach dirigiert. Sind die Aufführungen im Gewandhaus mit anhängender CD-Produktion der Zielpunkt dieser Arbeit?

Nein, so kann man das nicht sagen. Fünf Produktionen habe ich dirigiert, in Zürich, in Venedig, in Florenz in Palästina und Israel, oft mit alten Instrumenten übrigens. Und in allen fünf Fällen habe ich einen anderen Aspekt ins Zentrum der Interpretation genommen. Nun ist es der Klang - und es ist die spezifische Leipziger Tradition.

Wann haben Sie begonnen, sich mit der Musik Bachs auseinanderzusetzen?

Vor Jahrzehnten schon. Aber die Hochachtung vor ihr war so groß, dass ich es lange beim Studium der Noten beließ.

Und zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei gekommen - im konkreten Falle des Weihnachtsoratoriums?

Zum Beispiel zu der, dass es sich hier um ein in sich geschlossenes Werk handelt.

Aber es sind doch sechs einzelne Kantaten, die den sechs historischen Weihnachtsfeiertagen zugeordnet sind und überdies zum größten Teil aus älteren Werken zusammengebaut wurden.

Das ist wahr - ändert aber nichts am großen musikalischen und architektonischen Bogen, der sich über die sechs Kantaten zieht. Das Weihnachtsoratorium als Ganzes ist eine einzigartige musikalische, spirituelle, persönliche und religiöse Konstruktion. Und im Zentrum steht - für mich - die wunderbare, ganz nach innen gekehrte Bekenntnis-Arie "Schließe mein Herze". Ein weiterer Höhepunkt ist für mich die Sinfonia, die den Jubel am Ende der ersten Kantate sozusagen nach innen kehrt, ganz zart, wie ein pastorales Wiegenlied das Geschehen reflektiert.

Viele finden gerade diesen Satz ein wenig unerheblich ...

... das kann ich nicht nachvollziehen. Ich liebe diese Leichtigkeit, dass alles in der Schwebe bleibt. Diesen Satz übrigens hat Bach extra für diese Kantate komponiert, das ist keine Parodie. Schon dies zeigt das Gewicht der Sinfonia. Aber es muss wirklich ganz leicht klingen, ganz zart, beinahe schwebend.

Sie haben das Weihnachtsoratorium mehrfach mit Originalinstrumenten gemacht - warum nun für CD mit den modernen des Gewandhausorchesters?

Weil mich gerade diese Verbindung sehr reizt. Natürlich hat auch die archaische Rauheit der Originalinstrumente ihren Reiz. Aber noch interessanter finde ich die Verbindung der einzigartigen barocken Spielkultur und des Klangs, für die das Gewandhausorchester steht, mit den Erkenntnissen, die die Historisten uns beschert haben - und die mich natürlich stark beeinflussten: Als ich Chefdirigent des Concertgebouworkest in Amsterdam war, führte Harnoncourt jedes Jahr Bachs Passionen mit modernen Instrumenten auf. Mit kleinen Trompeten und Hörnern sowie Holzflöten und Barockpauken lässt sich dieser stilistische Kosmos, davon bin ich fest überzeugt, ohne Verlust auch mit einem modernen Klangkörper darstellen. Dazu kommt dann der exzellente Dresdner Kammerchor, der seine barocke Stilsicherheit mit sächsischer Tradition und wunderbarem Klang zusammenbringt. Auch über diese Partnerschaft freue ich mich sehr.

Seit Jahrezehnten ist der CD-Markt für Barockmusik fest in aufführungspraktischer Hand. Ist da nicht trotz aller Vorzüge das Gewandhausorchester ein Risiko?

Warum? Nein! Die Zeit ist reif für einen dritten Weg. Auch Decca legt diese Bach-Projekte als Zyklus an, als geschlossene Einheit, die sich bis in die Gestaltung der Cover zieht. Und dafür ist das Gewandhausorchester klar ein Vorzug. Denn kein anderes großes Orchester kann auf eine so glanzvolle Bach-Tradition zurückblicken. Als die Deutsche Grammophon mit der Archiv-Reihe begann, war es noch ganz selbstverständlich, dass man dazu natürlich das Gewandhausorchester verpflichtete. An diese Tradition wollen wir nun, ein gutes halbes Jahrhundert später, wieder anknüpfen.

2010 erscheinen drei große Bach-Produktionen mit Ihnen und dem Gewandhausorchester auf CD: Die Brandenburgischen Konzerte sind gerade auf den Markt gekommen, zu Ostern folgt die Matthäuspassion, zum Ende des Jahres soll das Weihnachtsoratorium in den Läden liegen - war's das dann mit Bach?

Wahrscheinlich nicht. Im Moment denke ich sehr intensiv über die Orchestersuiten nach, für Decca Italia mache ich mit Ramin Bahrami und dem Gewandhausorchester die Klavierkonzerte, die könnten auch in den Decca-Hauptkatalog kommen. Und ich habe die große Ehre, das Bachfest 2014 mit der h-moll-Messe in der Thomaskirche beenden zu dürfen - CD-Produktion nicht ausgeschlossen.

Donnerstag und Freitag, 20 Uhr, Gewandhaus: Weihnachtsoratorium mit Carolyn Sampson, Wiebke Lehmkuhl, Martin und Wolfgang Lattke, Konstantin Wolff und der Dresdner Kammerchor, es spielt das Gewandhausorchester. Restkarten für beide Konzerte gibt's noch unter Tel. 0341 1270280 oder an den Abendkassen. Die ursprünglich für den 9. Januar angesetzte dritte Aufführung fällt aus.

Peter Korfmacher

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