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Rio Reiser: Pionier der Linken und König von Deutschland

Rio Reiser: Pionier der Linken und König von Deutschland

Er lieferte die Parolen für die Berliner Hausbesetzer-Szene und war der uneingeschränkte „König von Deutschland“. Für Udo Lindenberg galt Rio Reiser als Pionier unter den Deutsch-Rockern, der mit „Keine Macht Für Niemand“ oder „Macht Kaputt was Euch Kaputt Macht“ die ersten massenwirksamen Politsongs schrieb.

Fresenhagen. Das wilde Leben des Ton-Steine-Scherben-Sängers endete 1996 auf einem Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen. An diesem Samstag wäre Rio Reiser 60 Jahre alt geworden.

„Seine Musik ist zeitlos und wertvoll. Sie hat vor 30, 40 Jahren gestimmt und ist noch heute in der dritten Generation einzigartig“, sagt die Grünen-Vorsitzende und frühere Scherben-Managerin Claudia Roth. Musiker und Bands wie Jan Delay, Herbert Grönemeyer, Xavier Naidoo oder Freundeskreis coverten seine Lieder („Junimond“, „Halt Dich An Deiner Liebe Fest“). Seine Arbeit prägte zahlreiche Künstler:

„Ich würde nicht deutsch singen, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Er ist Lebensinspiration“, sagt etwa Selig-Frontman Jan Plewka.

Ralph Möbius, so der gebürtige Name von Rio Reiser, kommt 1950 in Berlin auf die Welt. 20 Jahre später gründet er mit drei anderen jungen Musikern Ton Steine Scherben. Ihn einem Hinterhof in Berlin- Kreuzberg werden die ersten Songs aufgenommen. Das Konzert-Debüt haben die Musiker im Sommer 1970 auf der Insel Fehmarn. Auf dem von Beate Uhse gesponserten „Festival der Liebe“ hat Jimi Hendrix seinen letzten Auftritt. Wenig später treten Ton Steine Scherben auf die Bühne. „Da die Organisatoren die Gagen für die Künstler und Helfer nicht zahlen konnte, forderte Rio das Publikum auf, den Veranstalter ungespitzt in den Boden zu hauen“, erzählt sein Bruder Gert Möbius. Während Reiser „Macht kaputt, Was Euch Kaputt Macht“ singt, geht das Organisationsbüro in Flammen auf. Das Festival endet im Chaos. Die Band ist schlagartig bekannt.

Mit dem „Rauch-Haus-Song“ entsteht kurz darauf eine Hymne für die linke Szene. Nach den Konzerten der Band werden traditionell Häuser besetzt. „Bürgermeister und Polizisten waren immer in Bereitschaft, wenn die Scherben kamen“, sagt Möbius. Mitte der 70er Jahre ziehen sich die Musiker auf den Bauernhof nach Fresenhagen zurück. „Das Haus war auch für alle eine Fluchtmöglichkeit, eine Oase, ein Ausgang aus dem Wahnsinn des straßenkämpfenden, drogengeschwängerten, von Polizei repressierten Berlin“, erinnert sich Claudia Roth. Das Zusammenleben sei kreativ und familiär, aber auch hart gewesen. „Wir lebten von 15 Mark am Tag und waren froh, wenn wir Leergut auf dem Hof gefunden haben oder meine Oma mal ein Päckchen mit Kuchen geschickt hat.“

Obwohl Kenner die Scherben-Platten zu den einflussreichsten Alben der 70er Jahre zählen, gerät die Gruppe in massive Geldprobleme. 1985 zerbricht die Band. „Unsere Schulden waren auf 500 000 Mark angewachsen, und wir sahen keine Chance, sie jemals zu bezahlen“, schreibt Reiser in seiner Autobiografie. Annette Humpe (Ideal, Ich + Ich) produziert sein erstes Album „Rio I.“, mit den Hits „König von Deutschland“ und „Junimond“. Politische engagiert sich der homosexuelle Reiser erst für die Grünen, später wechselt er zur PDS. Auch als Schauspieler macht er sich einen Namen. 1977 debütiert Reiser in dem Film „Johnny West“ und wird mit dem Bundesfilmpreis in Gold ausgezeichnet. Ein Jahr vor seinem Tod spielt er die Hauptrolle in einem „Tatort“.

Im Alter von 46 Jahren stirbt Reiser an Herz-Kreislauf-Versagen. Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten, schreibt im Nachruf: „Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.“

Schleswig-Holsteins damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) setzt sich persönlich dafür ein, dass Reiser auf dem Grundstück in Fresenhagen beigesetzt werden kann. Noch heute pilgern Fans auf den abgelegenen Bauernhof in Nordfriesland, wo Reiser unter einem Apfelbaum begraben liegt.

Jenny Tobien, dpa

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