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Kultur Roadtrip in die Jugend mit Chris Rea
Nachrichten Kultur Roadtrip in die Jugend mit Chris Rea
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00:21 21.10.2017
Trotz Krebs und Schlaganfall tourt der Sänger und Gitarrist Chris Rea durch Europa. Am Dienstag spielte er in der Arena in Leipzig. Quelle: Foto: Thomas Kube
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Leipzig


Ohne große Selbstinszenierung steigt der körperlich gezeichnete Chris Rea am Dienstagabend auf die Bühne. Eine Vorband gibt es nicht. Einige Besucher verpassen die erste halbe Stunde des Konzerts, denn vor der Leipziger Arena herrscht Champions-League-Verkehrs-Chaos. Einige Fußballfans suchen das Stadion bei Chris Rea, optisch unterscheiden sich die Gruppen kaum. Einzig der rot-weiße Schal verrät die wahre Absicht. Die Stimmung in der Arena ist insgesamt wohl gehemmter als im benachbarten Stadion. Und doch geht den Rea-Fans das Herz auf. Vor allem bei den alten, raueren Liedern des Briten aus den 80ern bekommen sie leuchtende Augen und klatschen mit. „Das weckt Erinnerungen“, raunt eine etwa 50-Jährige ihrem Begleiter bei „The Road to Hell“ zu und drückt ihm einen Schmatzer auf die Wange. Der Song ist 1989 erschienen.

Besonders die alten Lieder von Chris Rea wecken bei den Fans Erinnerungen

Es ist beeindruckend, wie Chris Rea, der im letzten Jahr einen Schlaganfall erlitten hat und bei dem vor 16 Jahren Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, die Bühne für sich und seine Musik einnimmt. Obwohl er sich kaum bewegt. Bei drei Titeln schlurft Rea zum Bühnenrand. Es wirkt, als müsse er sich für diese Einlage überwinden. „Give me something for my pain“ (Gib mir etwas gegen meinen Schmerz) singt er gefühlvoll rauchig bei „Easy Rider“.

Schmerzen hat der Familienvater seit seinen Krebsoperationen jeden Tag, wohl auch auf der Bühne. Vielleicht fehlt ihm darum die Kraft, mit seinen Fans zu kommunizieren. Ein paar „Dankeschön“ sind alles, was ihm außer seinen Songs über die Lippen kommt. Da wirkt der coole, abschätzige Blick in die Sitzreihen des Publikums nach seinem tiefen, metallischen Gitarren-Solo in„Stony Road“ beinahe irritierend. Hin und wieder klatscht Rea in die Hände. Das Publikum nimmt die Regung sofort auf, hat Lust mitzumachen. Aber Rea ist nicht der Entertainer, der die Stimmung knappe zwei Stunden lang am Kochen hielte. Auch ohne Gebrechen passt das nicht zu dem charismatischen Musiker. „Er hat die Nummern nur runtergespielt“, kritisiert ein Mann nach dem fast zweistündigen Konzert das Programm. Seine Begleiterin entgegnet: „Aber musikalisch hat er es noch voll drauf.“

Chris Rea singt mit voller Stimme, die wie dunkle Schokolade klingt

Bereits 2006 war Chris Rea auf Abschiedstournee. In der Zwischenzeit veröffentlichte er eine Elf-CD-Box mit 137 bluesinspirierten Stücken, 2010 tourte er erneut. Ende September dieses Jahres brachte er sein neues Album „Road Songs for Lovers“ heraus, viele Lieder handeln von Straßen, auch andere klingen nach Roadtrip. Damit tourt der Autofanatiker aktuell durch Europa. Und ja, musikalisch kann er das auf jeden Fall noch: Der 66 Jahre alte Brite rutscht mit dem Finger über die Gitarre, als wäre er noch 20. Das Instrument in Reas Händen wirkt wie verwachsen mit dem kleinen, abgemagerten Briten, der gebückt, fast demütig, vor seinem Mikrofon steht. Er singt mit seiner vollen Stimme, die wie dunkle Schokolade klingt, Kuschelballaden. Die Musik macht jede Bühnenshow überflüssig. Im Hintergrund laufen Videos von Straßen, Sonnenuntergängen und Sternen. Ein Himmel voller Gitarren – Reas selbstgemalten Plattencovern nachempfunden – überspannt die Bühne. Sämtliche Titel, ob Pop oder Blues, wertet der Slide-Gitarrist mit Soli virtuos auf.

Der Abend ist ein Geschenk Chris Reas an seine Fans. Ein Beweis, dass er noch auf Bühnen stehen kann – trotz gesundheitlicher Rückschläge. Er lässt dabei mit virtuosem Gitarrenspiel und einer Stimme, die tief unter die Haut geht, alte Erinnerungen aufleben. Die Fans in Leipzig sind spätestens bei den beiden Zugaben überwältigt und tanzen zum Bluesrock. Ohne eine explizite Einladung des in sich ruhenden Sängers, der live rockiger klingt als auf seinen mittlerweile 22 Alben.

Von Theresa Held

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