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Kultur Sammler-Schatz: Hundert Jahre alte Leipzig-Postkarte zeigt schon die U-Bahn-Vision
Nachrichten Kultur Sammler-Schatz: Hundert Jahre alte Leipzig-Postkarte zeigt schon die U-Bahn-Vision
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23:59 30.12.2014
Leipzig

Und noch ein zweites Hobby pflegt der 76-Jährige aus dem Waldstraßenviertel seit jeher mit Inbrunst: Er sammelt abgestempelte Postkarten mit interessanten Briefmarken aus der Zeit zwischen 1871 und 1932. Wenn beide Leidenschaften zeitgleich bedient werden, kommt das "Zukunftsbild der fidelen Leipziger Untergrundbahn" heraus. So ist jene rund 100 Jahre alte kolorierte Ansichtskarte betitelt, die LVZ-Leser Schindler einen knappen Monat nach Eröffnung des City-Tunnels bei der 162. Briefmarkenauktion von Knut Fortagne und Christine Lipfert ersteigerte. Für "gutes Geld", wie der neue Besitzer sagt. Doch was ein echter Lokalpatriot ist, der investiert gern in "ein kleines stadtgeschichtliches Juwel".

Die am 5. März 1918 an ein Fräulein Grete Münster in Husum an der Nordsee adressierte Karte greift jenen langgehegten Traum der Leipziger auf, der bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Messestadt grassierte: eine unter dem Zentrum verlaufende Eisenbahntrasse. Als der gigantische Hauptbahnhof (Hbf) am 4. Dezember 1915 formvollendet eröffnet wurde, war der Tunnel zum Bayerischen Bahnhof bei der Sächsischen Staatseisenbahn quasi schon gesetzt.

Ein 710 Meter langer Abschnitt, zwischen 1913 und 1915 an der Hbf-Ostseite im Rohbau bereits fertiggestellt, sollte über den Augustusplatz sowie die Windmühlen- und Grünewaldstraße eigentlich weitergeführt werden. Eigentlich. Im Zweiten Weltkrieg trafen mehrere Bomben die Tunnelanlage. Sie wurde daraufhin provisorisch gesichert und dann sich selbst überlassen. Später entstand in einem Teil der ungenutzten Röhre das von der Osthalle aus zugängliche DEFA-Zeitkino. An das Filmtheater kann sich Bahn- und Karten-Freund Schindler noch gut erinnern. Und beim Blick auf seinen "Juwel" läuft sogleich das Kopfkino ab. "Eine wirklich sehr lustige Vorstellung von einer U-Bahn", sagt der promovierte Psychologe und einstige Dozent am Institut für Lehrerbildung in Probstheida. Ein karikaturistischer Kartengruß am Ende des Ersten Weltkrieges - "die Menschen hatten halt sonst nicht viel zu lachen". Auf einem Transportband, das einem schräg installierten Paternoster mit Stühlen gleicht, werden die Fahrgäste nach oben oder unten befördert. Dass sie in der Tiefe unsanft landen - ihr Problem. Immerhin rutschen sie automatisch ins gebuchte Abteil. Wenngleich nicht für alle Platz ist. Ein Teil der Passagiere muss via Leiter weiter aufs Dach des letzten Wagens. Der Zug steht derweil abfahrtbereit an Bahnsteig 36. So viele Gleise hatte der einst größte deutsche Kopfbahnhof nie. Aber in der Fantasie ist halt alles erlaubt.

Ziel der innerstädtischen Reise: die Bugra, die Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik, die der in Leipzig ansässige Deutsche Buchgewerbeverein von Mai bis Oktober 1914 auf dem Gelände der späteren Technischen Messe durchführte. Ein Jahr zuvor hatte auf dem Areal unweit des Völkerschlachtdenkmals die Internationale Baufach-Ausstellung (IBA) stattgefunden. Wann genau der Karikaturist und Graphiker zum Stift gegriffen hat, ob vor, während oder nach der Bugra, ob vor oder nach der offiziellen Eröffnung des Hauptbahnhofes, das lasse sich leider nicht feststellen, sagt Sammler Schindler.

Nicht weiter tragisch, seine Postkarte ist auch so schön. Zumal sie ja in gewisser Weise Realität geworden ist. Nur sehen die Beförderungsbänder für Fahrgäste heutzutage eher aus wie Rolltreppen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.12.2014

Dominic Welters

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Als freier Stepptänzer ist er schon lange erfolgreich. Aber manchmal tanzen dem Leipziger die Zahlen vor Augen. Dann, wenn er eines seiner öffentlich geförderten Projekte abrechnet und den dazugehörigen Finanzbericht schreibt.

30.12.2014

muss ein Spaßvogel gewesen sein. Anders ist nicht zu erklären, dass sein Todestag mit so viel Heiterkeit begangen wird. Wobei Heiterkeit auch als Euphemismus für Zumutungen gelesen werden darf.

30.12.2014

Für viele gehört sie dazu, Beethovens Neunte zum Jahreswechsel. Fürs Gewandhausorchester sowieso. Arthur Nikisch hat diese Tradition begründet. Seit 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, hat sie sich festgesetzt.

29.12.2014
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