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Sandalen-Pop der Disco-Diva: Kylie Minogue besucht als Aphrodite die Arena Leipzig

Sandalen-Pop der Disco-Diva: Kylie Minogue besucht als Aphrodite die Arena Leipzig

Was Bauchtänzerinnen mit Gladiatoren, Engeln und einer Rokoko-Fee gemein haben? 5500 Arena-Besucher kennen seit Freitagabend die Antwort: Sie bevölkern die Welt der Kylie Minogue.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Kylie Minogue jetzt Ärger bekommt. Na gut, die weiße Säulenreihe aus Plaste, die in der Arena aus dem Boden ragt, äfft die Akropolis nach, stimmt. Und wie die Sängerin, die aus hinreißenden 1,53 Metern besteht, da gleich zu Beginn einer riesigen goldenen Muschel entsteigt – ungefähr so hat sich Botticelli die Geburt der Venus vorgestellt, richtig?

Anders als in der Wissenschaft und anscheinend auch der Politik ist es im Pop erlaubt, mit Zitaten zu blenden. Ach, was heißt „erlaubt“ – wer so ohne Scheu in zwei Stunden antike Mythologie mit Karneval in Rio, Moulin-Rouge-Frivolität mit Sandalen-Filmerei, Parfüm-Spot-Ästhetik, Schwulenparade, Las Vegas und die Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen vermengt, der hat ja doch irgendwie etwas Eigenes geformt. Nur vier Musiker, die sich geschickt in der 45 Tonnen schweren postmodern-klassizistischen Bühnenkonstruktion verstecken, und zwei Hintergrund-Sängerinnen benötigt der Weltstar aus Australien für das Spektakel. Sowie zehn Tänzer und acht Luftakrobaten.

Ausdrücklich wird Kylie Minogue erst gegen elf Uhr verraten, ganz am Schluss, worum es ihr geht. Wenn sich die Hupfdohlen zu den Klängen von „All The Lovers“ in die Ornamente eines Brunnens verwandeln, wird ihre Chefin juchzen, dass sie doch nur tanzen will. „Leute“, wird sie singen, während angeblich 40.000 Liter Wasser aus den Fontänen spritzen, „warum bewegt ihr euch nicht?“

Der Text des Lieds lautet nunmal so, aber angebracht ist die Frage in dem Moment nicht. Im Vorprogramm hat Alina Süggeler, die Sängerin der Hattinger MTV-Lieblinge Frida Gold, noch gefordert: „Zeig mir, wie du tanzt, und ich sag’ dir, wer du bist.“ Und spätestens seit dann Kylie Minogue kurz nach neun venusgleich der Muschel entschlüpft ist, kommen zumindest die vorderen Reihen dem Wunsch auch nach. „Aphrodite“ heißt nicht nur die griechische Version der Liebesgöttin, sondern darüber hinaus das aktuelle Album, die Tour – und der Eröffnungssong, der übrigens nicht frei von (unfreiwilliger?) Komik bleibt: Zu einer Mischung aus House und Marsch ruft Aphrodites Wiedergängerin darin zuerst „Leipzig!“, dann schimpft sie, dass man sich besser nicht mit ihr anlege. Grimmig und mächtig sei sie nämlich, jawohl.

Zum Glück schafft es das überaus charismatische Fräulein bravourös, gleichzeitig Diva und hemdsärmeliges Grinsemädchen vom australischen Lande zu sein. Sechs Mal wechselt sie ihr Kostüm in der Show, sie ist nicht nur Göttin mit Asterix-Flügeln am Ohr, sondern auch Gouvernante im Korsett, Luder in Hotpants, Rokoko-Fee und Vamp im Abendkleid. Dennoch wirkt die 42-Jährige keineswegs so verkrampft sportiv wie Madonna, wenn die all den Lady Gagas, Beyoncés und Rihannas der Welt zeigen will, wer die wahre Disco-Queen sei.

Dann lieber eine wie Kylie, die sich trotz aller standardisierten Professionalität einen Rest-Charme bewahrt. Nach einem Lieblingslied fragt sie die „sexy Leute“, die sie hier erspähe. „Leipzig, eure Disco braucht euch“, ruft sie, als, wie zu erwarten war, „Your Disco Needs You“ erwünscht wird. Um den Dancefloor-Thron zu besteigen, muss Minogue nicht einmal allzu penetrant aus ihrem Frühwerk schöpfen. Nur zwei Titel aus der Zeit als singender Wellensittich der Hitfabrik Stock, Aitken, Waterman schaffen es ins Leipziger Programm. Mit „What Do I Have To Do“, zu dem sie über einen V-förmigen Steg ins Publikum schreitet, und „Better The Devil You Know“ sind das noch nicht einmal welche, die typisch für die brave Kaugummi-Phase sind.

Abgesehen vom tollen „Confide In Me“, bei dem sich die Hauptperson allerdings erst fertig umgezogen hat, als die Hälfte schon rum ist, ihrem Prefab-Sprout-Cover „If You Don’t Love Me“, beide aus den 90ern, und einer Neuinterpretation von „There Must Be An Angel“ der Eurythmics greift Minogue ausschließlich auf ihre pumpendes Ohrwurm-Material der Nullerjahre zurück. „Can’t Get You Out Of My Head“ hat bislang nie so gerockt, dafür gibt sich die Disco-Nummer „Slow“ erst allmählich zu erkennen, so angejazzt und, ja, langsam, wie sie das Lied mit voluminöser Stimme zunächst singt.

Die Musik ist aber nicht die Hauptsache. Zwischen 18 und 25 Millionen Euro, wird berichtet, soll in die Welt-Tournee investiert worden sein. Bevor die Arena im Finale zu einer Art Mammutausgabe der Fontana di Trevi wird, lässt sich Minogue zu „I Believe In You“ von vier Sado-Maso-Muskel-Sklaven in einer Kutsche über den Steg ziehen, und fliegt ein Engel durch die Halle. Wie hat sie am Anfang in „Illusion“ gesungen, dessen Text sie sogar ausnahmsweise selbst geschrieben hat? „Verwirrung umkreist mich, ich bin in diesem Trugbild verloren“. Der Götterbote Pegasus ist da ihr Gefährte, merkwürdigerweise von orientalischen Bauchtänzerinnen umzingelt.

Die Götter müssen verrückt sein. Aber sich in einer Fantasie zu verlieren, in der einem Kylie Minogue auf einem goldenen Flügel-Pferd entgegen reitet? Da kann einem weiß Gott Ärgerlicheres passieren.

Mathias Wöbking

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