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Sascha Lobo fackelt literarisches "Strohfeuer" ab

Sascha Lobo fackelt literarisches "Strohfeuer" ab

Sascha Lobo ist bekanntgeworden als Blogger und Twitterer, Werbefigur und Sachbuchautor. Nun versucht sich der 35- Jährige an einem Roman: „Strohfeuer“ erzählt eine Geschichte aus Zeiten der New-Economy-Blase, die 2001 platzte.

Berlin. Das Genre ist für Lobo ungewöhnlich, die Machart nicht: Es geht gewohnt ironisch und schnodderig zu. Nicht jedem wird das gefallen.

Dass viel Lobo drinsteckt, zeigt schon der Buchumschlag: Dort ist der rot gefärbte Irokesenschnitt zu sehen, der zum Markenzeichen des Berliners geworden ist. Sicher ist das ein Verkaufsargument für die tausenden Blog-Leser und Fans. Auch stilistisch gibt es keine Überraschungen. Der Roman liest sich wie Lobos Blog.

Zudem gibt es biografische Parallelen zwischen dem Protagonisten Stefan und dem Autor Sascha: Beide sind in etwa gleich alt und arbeiteten um die Jahrtausendwende in einer Werbeagentur. Und während sich die Romanfigur als „unstrukturiert“ bezeichnet, hat der Autor am Sachbuch „Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin“ mitgewirkt.

Man möchte Lobo wünschen, dass es nicht mehr Ähnlichkeiten gibt. Denn Stefan ist kein sympathischer Typ. Geschwindigkeit und Geld sind seine „zwei großen G“ - „im Gespräch mit Männern fügte ich manchmal noch ein G für Geschlechtsverkehr hinzu“. Diese Angeberei ist noch nicht einmal gelogen: Stefan reißt reihenweise Frauen auf, ohne es seiner Freundin Lena zu erzählen.

Auch in der frisch gegründeten Werbeagentur gilt Ehrlichkeit als hinderlich. Die Jungunternehmer verkaufen den vielen aufstrebenden Dotcom-Firmen Kampagnen, die meist überflüssig sind. Bei der Akquise erfinden sie spontan Studien, die ihre kruden Behauptungen stützen. Auch von Betriebswirtschaftslehre haben die Gründer wenig Ahnung, aber das ist auch nicht nötig: „Die Agentur gründete sich von selbst, uns fiel alles zu.“

Anfangs läuft das Geschäft erstaunlich rund. Im Boom-Jahr 2000 reicht es schon, dass „ein paar junge Banker oder Unternehmensberater eine Internet-Geschäftsidee hatten oder eine erfolgreiche Idee aus den USA kopierten“ - und schon überweisen die „Investoren mit graumelierten Haaren“ ein paar Millionen Mark. Davon profitiert auch die Agentur. Die Gründer leasen einen Audi A8, stellen Mitarbeiter ein, ohne eine Aufgabe für sie zu haben, und schmeißen große Partys.

Doch das Ende der Geschichte ist bekannt, auch der Romantitel lässt von vornherein keine Zweideutigkeiten zu: Das „Strohfeuer“ ist bald abgefackelt. Die Kapitalgeber drehen den Geldhahn zu und die Dotcoms gehen schneller ein, als sie gegründet wurden. Weil immer mehr Aufträge wegfallen, geht auch die Agentur zugrunde.

Zu den Stärken des Buches zählen die Passagen, in denen Lobo den heute unvorstellbaren Überschwang des Dotcom-Booms satirisch aufs Korn nimmt. Neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht, die Blase platzte vor rund neun Jahren, andere Autoren haben diese irre Zeit bereits vor Jahren literisch verarbeitet, etwa Rainer Merkel mit „Das Jahr der Wunder“ oder der Blogger Don Alphonso mit „Liquide“.

Anstoß wird mancher an der Sprache nehmen. Die Dialoge strotzen vor „freshen Ideen“, Partys, die „royalschnafte mit Sternchen“ sind, und Wortschöpfungen wie „Fertomat“. „Fuck“ ist sowieso eine Standard- Vokabel. Die Gedanken des Ich-Erzählers Stefan sind nicht nur schnodderig, sondern oft auch schludrig aufgeschrieben. Eine Kostprobe: „Die beiden Girls versanken in einem Zungenkuss. Ich drückte mich dazu (...). Wir gerieten ins Vögeln.“

Sascha Lobo polarisiert - das wird sich mit seinem Roman nicht ändern. Zumindest ökonomisch könnte das Buch aber mehr werden als nur ein Strohfeuer: Der Autor macht über sein Blog und seinen Twitter-Account kräftig Werbung. Tausende Internetnutzer lesen mit.

Sascha Lobo: „Strohfeuer“

Rowohlt Verlag, Berlin

288 Seiten

18,95 Euro

ISBN 978-3871346781

Christof Kerkmann, dpa

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