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Schalk und Übervater: John Mayall wird im Leipziger Anker gefeiert

Schalk und Übervater: John Mayall wird im Leipziger Anker gefeiert

Der Anker verabschiedet sich in die Rundumsanierung. Und er hat das am Montagabend einmal mehr mit einem Konzert getan, von dem man lange reden wird. John Mayall ist die Blues-Legende schlechthin und spielt zurzeit eine Tour zu seinem 80. Geburtstag.

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Die Luft reicht bis zum Schluss: John Mayall im Anker.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Die Erwartung ist groß, die Skepsis auch. Doch der Mann kommt federnd auf die Bühne und ist augenscheinlich fit wie ein Turnschuh. Er genießt den heftigen Jubel, und sofort legt das Quartett los mit dem typischen weißen Blues, der ein Stück weit als Mayalls Erfindung gelten darf und nur selten richtig traurig ist, stattdessen ordentlich mit Rock'n'Roll getränkt. Das drückt gnadenlos gleich vom ersten Lied an, dem unsterblichen "All Your Love" von Otis Rush, das schon im Bluesbreakers-Programm der Anfangsjahre stand. Danach jagt ein Klassiker den anderen.

Natürlich, wenn man genau hinschaut: Als Flinkefinger auf dem Piano darf John Mayall nicht mehr gelten, auch auf der Gitarre greift er öfter mal ordentlich daneben. Stimmlich ist er aber durchaus noch gut drauf (es gibt Probleme mit dem Mikro), und für die berühmte Mundi reicht die Luft bis zum Schluss. Die eigentlichen musikalischen Akzente setzen seine drei Kollegen, allesamt aus den USA. Da wird Musikalität auf höchstem Niveau zelebriert.

Bassmann Greg Rzab spielt mit lässigem Understatement sonore Läufe und gibt die zuverlässige Blues-Pumpe. Wie sein Drum-Kollege darf er zweimal solistisch ran und verblüfft unter anderem mit Bottleneck auf dem Dick-Saiter: Das sieht man selten. Drummer Jay Davenport ist ein Kraftpaket, das auch jede Heavy-Metal-Band mit seinem souverän-druckvollen Haudrauf disziplinieren könnte. Der eigentliche Zauberer des Abends ist jedoch Gitarrist Rocky Athans. Seine minutenlangen Soli sind keine einzige Note langweilig, er zaubert wie Gott selbst in seinen besten Jahren oder Jimmy Page in seinen jungen - was bekanntlich nahezu auf dasselbe hinausläuft. Doch Übervater Mayall bleibt trotzdem der eigentliche Star. Den Schalk im Nacken, darf er ganz seiner faszinierenden Aura vertrauen.

Wie es die Menge im Anker schafft, beim Konzert völlig auszurasten, bleibt ein Rätsel. Früher haben sie bei dieser Musik in den einschlägigen Sälen auf dem Lande das Langhaar und die Arme im enthemmten Tanz ausgebreitet. Das geht an diesem Abend freilich nicht: Auf den Köpfen ist inzwischen viel Platz, dafür ist die Bewegungsfreiheit des Einzelnen in der Masse knapp kleiner als die von Sardinen in der Dose. Wären sie Hühner, würden sofort die Alarmglocken der einschlägigen Tierschutz­organisationen läuten. Doch sie halten tapfer aus und brüllen den Meister zu Höchstleistungen und bester Laune.

Der zeigt keine Schwäche und hält gegen. Kaum zu fassen schon für diesen Abend. In Anbetracht der Tatsache, dass die Band im Anker etwa die Halbzeit einer Europa-Tour mit atemberaubenden 46 Terminen ohne einen einzigen Off-Day spielt, grenzt das an ein Wunder. Zugabe gibt es nach 90 straffen Minuten nur eine, das unvermeidliche "Room To Move" - nicht nur im Osten ein Kultstück.

Danach gehen sie von der Bühne und finden sich, kaum dass Zeit war, sich die Gesichter abzutrocknen, am anderen Ende des Saales ein, um Platten zu signieren und sich mit den Fans ablichten zu lassen. Unglaublich. Der Anker in Möckern sollte öfter mal saniert werden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.04.2014

Lars Schmidt

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