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Schamane, als Flaneur getarnt - Samuel Finzi lud im Centraltheater zur "Night at the Movies"

Schamane, als Flaneur getarnt - Samuel Finzi lud im Centraltheater zur "Night at the Movies"

und das ausgerechnet im Theater. Mit "A Night at the Movies" erweckt der Schauspieler Samuel Finzi auf so magische wie einfache Weise Bilder, ohne auch nur ein einziges Bild zu zeigen.

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"A Night at the Movies" mit Musik und Storys, mit Daniel Regenberg, Samuel Finzi und George Donchev (v.l.) in der Festspielarena.

Quelle: Rolf Arnold Centraltheater

Eine Hommage an das Kino. Wie das geht, konnte man am Sonntag in der Centraltheater-Arena erleben.

Inzwischen bekommt man ja so viel zu sehen, dass die Bilder verloren gehen. Und das nicht nur im Kino. Die Inflation des Visuellen wirkt allgemein verwässernd: Kein Bild bleibt mehr haften, nichts setzt sich fest, weggespült wird jegliche Substanz von der Flut des Optischen. Die Bilder erzählen nichts mehr. Die lärmende Aufgeregtheit, das Narzisstische und Spekulative dabei wirkt nicht selten wie das Rudern und Winken eines Ertrinkenden.

Freilich, neu ist das nicht: "Das ist ein Film, aber kein Kino!" maulten Ende der 50er Jahre herrlich jene Kritiker der Cahiers du Cinéma, die daraufhin bald selbst begannen, das Kino zu erneuern und zu revitalisierten. Einer dieser Neuerer war Jean Luc Godard, der wiederum vor noch nicht allzu langer Zeit in einem Interview das alte Leitmotiv für die Gegenwart aufgriff: "Es gibt immer mehr Filme, aber kaum Kino."

Viel mehr als nur eine schöne Liebeserklärung ans Kino ist nun "A Night at the Movies". Ein einstündiger Theaterabend, in dem der Schauspieler Samuel Finzi, begleitet von den Musikern Daniel Regenberg (Klavier) und Georg Donchev (Bass), wie ein Schamane erscheint, der sich als Flaneur getarnt hat. Die Hände gern in den Hosentaschen schlendert er durch Texte (ausgewählt von Andreas Schimmelbusch), die das Kino erst mal nur aus der Ferne umkreisen.

Finzi erzählt hier keine Erinnerungsanekdoten an Filme, die er gesehen hat. Und gibt schon gar keine theoretisierenden Exkurse. Nichts wird explizit benannt, keine Titel, Regisseure, Schauspieler werden aufgezählt. Aber Spuren gelegt. Musik - Filmmusik natürlich - lockt auf Fährten und erzeugt Atmosphäre, mit der Gefühls- und Erinnerungsstränge angezapft werden, die, wie eine Rückprojektion wirkend, ein wahrhaftiges Kopfkino entfachen.

Und spätestens zur Musik aus Jean Luc Godards "Die Verachtung" (1963) greift das auch emotional. Klar, eine Komposition wie "Camille Thème" ist ein Gänsehautgarant, selbst dann, wenn Finzi dazu jene Sätze spricht, die sonst Camille, also Brigitte Bardot, gehören. Und natürlich reibt das schön aneinander: Das Bild, das man in Erinnerungen an die Filmszene im Kopfkino sieht (hier die nackt hingestreckte BB) - und jenes, welches die drei Männer auf der Bühne bieten. Es sind Überlagerungen, besser: Überblendungen von sehr eigenem Reiz. Und sie führen immer wieder vom Umkreisen direkt hinein in die Kinoszenen. Paul Newman fährt auf einem Rad mit Katharine Ross, Dennis Hopper geifert über Isabella Rossellini. Michael Douglas erteilt Lektionen über Gier, und still zeigt Robert de Niro diesen Blick eines alten, müden Gangsters. Man könnte diese Szenenbilder-Collage lange fortsetzen. Und ein reizvoller Spaß ist es, all die Anspielungen und Hinweise zu dechiffrieren, Rollen und Filme zu verorten.

Was voraussetzt, dass man diese Filme kennt. Einen gewissen Grundstock aus dem Kinoszenen-Fundus muss man sicher in sich tragen, um die Magie spüren zu können, die in "A Night a the Movies" wirkt. Natürlich macht es unabhängig davon einfach auch Spaß, Finzi zu sehen und die fürs Trio aufbereiteten Scores von Nino Rota oder George Delerue, von Burt Bacharach oder Angelo Badalamenti zu hören.

Man kann ein Kinomuffel sein und sich hier dennoch unterhalten. Aber um zu spüren, wie kraftvoll und resistent echte Bilder im Kopf verankert sind, und um dieses schöne Paradox eines bilderlosen Kinoabends zu genießen, bedarf es des Wissens um, oder wenigstens der Empathie für die Poesie des Kinos. Was genau das ist, sagt Philippe Noiret, der auch durch diesen Abend geistert, in seiner Rolle als Pablo Neruda in "Der Postmann": "Wenn man versucht, die Poesie zu erklären, wird sie schnell banal." Lassen wir das also und verweisen auf den Mai. Da ist "A Night at the Movies" noch einmal zu erleben. Ein Angebot, dass man nicht ablehnen sollte.

Wieder am 4. Mai, 22 Uhr, Centraltheater, Hinterbühne, Kartentel. 03411268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.04.2013

Steffen Georgi

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